Während auf dem Vorplatz des Millerntor-Stadions Mitglieder der Satirepartei «Die Partei» noch Unterschriften sammeln, füllt sich der schmucke Festsaal des lokalen Fussballvereins. Das Bündnis «S.O.S St.Pauli» hatte zur zweiten Stadtteilversammlung des Jahres geladen. Die erste, im Februar, stand noch im Zeichen des Konfliktes um das Autonome Zentrum «Rote Flora» und die Flüchtlingsproteste rund um die Lampedusa-Gruppe, in deren Folge weite Teile Hamburgs durch die Polizei zu Gefahrengebieten erklärt wurden.
Die Situation habe sich zwar beruhigt, so der allgemeine Tenor, aber die städtischen Brennpunkte seien nicht weniger geworden. «Bei Paulianern», erklären die Moderatorinnen der Veranstaltung gleich zu Beginn, «festigt sich das Gefühl, als Statisten herhalten zu müssen.» Anwohner als Statisten für Investoren, Immobilienunternehmen, Eventveranstalter oder Politiker, die grossspurig die «Marke Hamburg» preisen. Ein Hauch von Aufstand weht durch den inzwischen mit rund 250 Personen gefüllten Raum mit Blick ins Stadioninnere. Über der Osttribüne des Stadions prangt der Spruch «Kein Fussball den Faschisten».
Kämpferische St.Paulianer
Der erste Block der Veranstaltung besteht aus Informationen zu gegenwärtigen stadtpolitischen Konfliktpunkten. Aktivisten der Lampedusa-Gruppe berichten über ihre Situation und über konkrete Aktionen. Am Vortag hatten sie den Eingang der SPD-Zentrale besetzt, heute wollen sie auf weitere Anliegen aufmerksam machen.
Danach werden die Ergebnisse der Umfrage «Stimmen von St.Pauli» präsentiert. Sie sind ernüchternd: Mehr als zwei Drittel geben der Hamburger Politik die Note 5 (nach Schweizer System eine 2) und äussern damit eine generelle Unzufriedenheit in der Quartiersentwicklung. Eine rasante kommerzielle Eventisierung, steigende Mieten und die damit verbundene Verdrängung von sozioökonomisch schwachen Bevölkerungsgruppen oder auch die zunehmende Verschmutzung – die Kritikpunkte sind zahlreich, aber in einem ist man sich einig: Die Anwohnerinteressen werden zu wenig berücksichtigt und es fehlt an einer aktiven Beteiligung an der Stadtteilentwicklung. Das ist umso erstaunlicher bei einer Bevölkerung, bei der jede(r) zweite schon länger als 10 Jahre auf St.Pauli lebt.
Auch über die ESSO-Häuser wird gesprochen: Die Hochhäuser im Herzen St.Paulis wurden 2009 an die milliardenschwere Bayerische Hausbau GmbH verkauft und fünf Jahre später abgerissen. Geplant ist der Bau von überwiegend hochpreisigem Wohn- und Gewerberaum. Eine der zahlreichen S.O.S.-St.Pauli-Arbeitsgruppen wehrt sich erfolgreich gegen diese «Aufwertung»: Nach langen Protesten und Druck aus der Bevölkerung ist das Projekt «Planbude» entstanden. Noch vor der offiziellen Wettbewerbsausschreibung sollen dort Ideen und Wünsche der Bevölkerung aufgenommen werden, die bei der weiteren Planung miteinfliessen sollen. Die Liste erfolgreicher Widerstände gegen Aufwertung liesse sich noch weiterführen.
Das Mitgestalten «von unten» habe auf St.Pauli Tradition, erklärt eine der Mitorganisatorinnen nach der Veranstaltung, «St.Pauli war immer schon sehr unbequem und pöbelig. Wenn die Leute was ätzt, dann gehn sie auf die Strasse.» Der Ton macht hier die Musik. Und die ist mittlerweile definitiv kämpferischer geworden: «Wir werden den Preis für die Verdrängung so hoch treiben wie möglich!», erklärt eine Aktivistin der Initiative «Mietenwahnsinn stoppen!». Der Saal applaudiert – wie so oft an diesem Nachmittag, wenn von den verschiedenen Initiativen und ihren Erfolgen die Rede ist.
Selber oder entgegen dem Zeitgeist machen
Die Geschichte, die hier geschrieben wird, beginnt mit dem stadtpolitischen Umbruch in den 80er-Jahren. Der sozialdemokratische Bürgermeister Hamburgs, Klaus von Dohnanyi, plädiert dafür, die städtische Politik durch «eine Strategie der Standort-Konkurrenz» zu ergänzen und befindet sich mit dieser neuen «geistigen Orientierung für die Stadt» ganz im Trend des Thatcherismus und der Reagonomics der achtziger Jahre. Der Beginn des neoliberalen Zeitalters ist eingeläutet.
Die Vorstellung der Stadt als Unternehmen und Konkurrenzmaschine: Das klingt aus heutiger Sicht wie ein Gemeinplatz. Die Folgen dieser Standort-Politik bekommen die Bewohner am eigenen Leib zu spüren. Doch sie wehren sich: Im zweiten Teil der Veranstaltung werden in den einzelnen Arbeitsgruppen konkrete Projekte vorgestellt. Die Lampedusa-Gruppe plant einen Emancipation-Day, eine Arbeitsgruppe feilt an einer Quartierszeitschrift und die Mietenwahnsinn-Initiative informiert über Zwangsräumungen und wie man dagegen vorgehen kann. Auch über mögliche Formen, neue Leute im Quartier zu aktivieren, wird diskutiert. Man ist sich einig: Es fehlt an selbstverwalteten Orten und Anlaufstellen.
An die erste Quartiersversammlung seien noch mehr Leute gekommen. «Da war die Empörung riesig, auch das gentrifzierte Bürgertum hat sich enorm über die polizeiliche Repression genervt», beschreibt eine Aktivistin. Aus dieser ersten Versammlung entstand eine Resolution, die basisdemokratisch von den Teilnehmenden abgesegnet wurde. Trotz des leichten Besucherrückgangs wollen sie sich weiter vernetzen und treffen. Für den 6. Oktober ist bereits ein Folgetreffen geplant. «St.Pauli selber machen!» steht auf den Flyern, welche die Runde machen.
Von Reeperbahn zu Bahnhof Nord
Szenenwechsel. Von St.Pauli ins beschauliche St.Gallen, wo derselbe Wind der «geistigen Orientierung» Einzug gehalten hat. Patrizia Adam hofft in Bezug auf den Bahnhof Nord auf Investoren mit guten Ideen und Thomas Scheitlins Lied der Standortattraktivität ist längst schon längst zum Ohrwurm geworden. Seit mehr als einem Jahr wird über die Umgestaltung des Bahnhof Nords gestritten. Obwohl: eine wirkliche politische Auseinandersetzung im Stile einer aktiven Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger sucht man bislang vergebens.
Die Genossenschaft Spanisches Klubhaus hat sich hinter mehr oder minder verschlossenen Türen damals gegen eine Weiterführung des Betriebes am gleichen Standort ausgesprochen. Und die Stadt verhökerte daraufhin unter Missachtung ihres Vorkaufrechtes und unter zweifelhaften Argumenten das Gelände an die Familienausgleichskasse. Mittlerweile sei es für eine grundsätzlich neue Planung schon zu spät, beschied Stadträtin Patrizia Adam, im Parlament hat die Angelegenheit lange kaum Wirbel ausgelöst, jetzt sind immerhin parlamentarische Vorstösse für eine Gesamtsicht eingereicht worden. Die Frage drängt sich auf: wo der lautstarke Protest geblieben ist, abgesehen von den Kommentarspalten und Stammtischgesprächen?
Dabei steht Einiges auf dem Spiel, und zwar gleich im mehrfachem Sinn: Auf dem Areal ist seit Jahren eine Minimierung von Wohnraum zu beachten. Bekanntermassen sollen auch die Wohngebäude neben dem Klubhaus der grossen Überbauung für die Familienausgleichskasse weichen. Das städtische Zentrum wird damit auf einen Ort der Arbeit, der Freizeit und des Verkehrs reduziert. Dabei wird der Massstab der Verwertbarkeit und Rentabilität zum heiligen Gral. Dies verweist auf eine verstärkte Segregation des urbanen Raumes, wobei vor allem das Verschwinden von bezahlbarem Wohn- und Kulturraum schwerwiegt – ein Rückfall ins 19. Jahrhundert, im Stil von: «Die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen ausserhalb».
Bahnhof Mord
Dani Fels, Dozent für soziale Arbeit, wies im Dokumentarfilm A little mountain village auf die Problematik dieser zunehmenden Funktionalisierung von Räumen hin. Christian Schmid, Stadtforscher an der ETH Zürich, schreibt im Buch Initiativen für ein Recht auf Stadt: «Der urbane Raum verliert in diesem Prozess wesentliche seiner Elemente, insbesondere aber seine wichtigste Eigenschaft: die Möglichkeit zu verhofften und ungeplanten Begegnungen und Interaktionen.» Dies zeigt, dass es bei der Nutzung des Quartiers immer auch um öffentlichen Raum geht. Ein Aspekt, der nicht genug betont werden kann.
Nicht nur die momentanen Pläne zum Abrisses des Klubhauses, auch das Verschwinden des Kultur- und Wohnhauses Rümpeltum auf der St.Leonhardsbrücke oder die Nutzung breiter Flächen durch die SBB illustrieren die drastische Dezimierung von gemeinschaftlichem Raum. Dadurch verschwinden Menschen aus dem Stadtbild, es kommt zu einer «sozialen Entmischung». Der Mikrokosmos «Bahnhof Nord» – im Volksmund bereits «Bahnhof Mord» – wird damit zum städtischen Vorzeigemodell im negativen Sinn. Die selbsternannte Alternativ- oder Gegenkultur ihrerseits muss sich fragen wie sie sich der Vereinnahmung für solche Prozesse entziehen kann.
Beispiele aus anderen Städten oder zumindest Stadtteilen zeigen jedoch, dass Bewegungen oder Bürgerinnen-Initiativen zu einem neuen Akteur im Spiel um den begehrten und sich rasant wandelnden urbanen Raum werden können. Sie basieren auf dem politischen Anspruch, an dessen Transformation und Erneuerung teilzuhaben und sich aus der Statistenrolle zu emanzipieren. Natürlich: Die Dimensionen und der Leidensdruck sind anders als in Hamburg – einer Stadt, in der Auseinandersetzungen um stadtpolitische Entscheide Tradition haben.
Sich eine Scheibe abschneiden
St.Gallen ist keine «Global City». Aber es gibt durchaus Parallelen, sowohl in der Stadtaufwertung als auch in den Strategien des Widerstandes. Das Phänomen der Gentrizierung und der damit verbundenen totalen Inwertsetzung von städtischem Raum sind zu einer globalen Strategie der Stadtentwicklung geworden und damit längst keine grossstädtische Eigenheit mehr. Abkucken ist also erlaubt. Auch hier könnte es darum gehen, den Diskurs um die Stadtentwicklung und Umstrukturierung aus der Perspektive «von unten» vermehrt zu prägen.
Eine breite Stadtversammlung mit Interessierten, ein Bündnis, das sich gesamtstädtisch für eine soziale Entwicklung einsetzt und über Strategien der Selbstbemächtigung von Quartieren nachdenkt, ein Quartiersfest auf dem Areal des Bahnhof Nords – an Ideen mangelt es nicht. In Hamburg entstand 2010 die Methode der «Wunschproduktion», bei der Anwohnerinnen und Anwohner den Plänen von Investoren oder der Stadt ihre eigenen Vorstellungen und Alternativen entgegensetzen.
Dazu ein Satz aus dem Manifest «Not in our name, Marke Hamburg»: «Für uns hat das, was wir in dieser Stadt machen, immer mit Freiräumen zu tun, mit Gegenentwürfen, mit Utopien, mit dem Unterlaufen von Verwertungs- und Standortlogik. (…) Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen. Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch eine Frage von Territorialkämpfen ist.»
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
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St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.