, 4. Dezember 2019
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Warten auf das Bild

Der Mann mit der neugierigen Kamera: Sebastian Stadler, Ostschweizer in Zürich mit Jahrgang 1988, hat den diesjährigen Manorpreis gewonnen. Die Ausstellung «Pictures, I think» im Kunstmuseum St.Gallen zeigt sein Werk. von Jiajia Zhang

Sebastian Stadler: We see the whole picture, 2017-2019

Beim Hinabschreiten der Rampe, die früher in den naturwissenschaftlichen Teil des Kunstmuseums führte, begegnet man dem Ausstellungstitel «Pictures, I think» auf zwei Monitoren. Man erwartet eine Fortsetzung des Textes, dieser verharrt jedoch in der zögerlichen Behauptung. Welches Subjekt nimmt hier denkend die Eingangszone für Sebastian Stadlers Ausstellung ein? Der Künstler selbst? Siri? Oder steht die Frage stellvertretend für unser Verhältnis zum Bildraum allgemein, zu dessen Reflexion und ausschweifender Ergründung uns der Künstler einlädt?

Sebastian Stadler: Travellings, 2013-2015.

Die Achse der Rampe wird frontal und seitlich mit zwei weiteren Videoarbeiten fortgeführt. In der einen Arbeit sieht man gleitende Kamerafahrten, die an Wänden und Decken entlang streifen. Man erkennt die Uhr am Bahnhof St.Gallen von Norbert Möslang, dann wieder namenlose Platten und Abdeckungen von Infrastruktur in Gebäuden. Der Titel der Arbeit, Travellings, verweist auf Bewegungen im Raum, doch ist dies nicht der Blick eines neugierigen Touristen. Viel mehr folgen die Aufnahmen systematischen Abläufen, die verschlüsselt und mechanisch ausgeführt werden. Ist dies das Werk einer Drohne? Eines Roboters? Einer versteckten Überwachungskamera?

Sebastian Stadler: Swimming Pool, 2019, Filmstill

Ebenso unauffällig muss sich der Künstler verhalten haben, als er den Schwimmer im Neoprenanzug filmt, der die Längen eines Swimmingpools mal schreitend, mal schwimmend durchquert. In Pausen sieht man den Protagonisten vorsichtig, in sich versunken das klare blaue Wasser absuchen. Kinder spielen im Hintergrund, die Sonne scheint. Hinter der Unaufgeregtheit eines Sommertages scheint etwas verborgen zu sein. Die Parallelität der Gleitbewegungen – die der Kamera in Travellings sowie die Bewegungen des Schwimmers in Swimming Pool – werfen mich auf meinen eigenen Körper zurück, der sich in Wintermontur eher schwerfällig tiefer in die Ausstellung hinein bewegt.

Die unregistrierten Momente

Die entfernt an eine Parkgarage erinnernde St.Galler Museumsarchitektur spiegelt sich gleich in mehreren Arbeiten des Künstlers wider. In Welcome to Disneyland begegnet man erneut der gleichförmigen Kamerabewegung, diesmal fährt sie durch die weiten Felder der Parkplatzlandschaft vor dem Vergnügungspark. Im Soundtrack dazu hallt der Willkommensgruss zu animierter Cartoon-Musik.

Sebastian Stadler: Welcome to Disneyland, 2015

Nebst der Disney-Illusion vermengen sich hier Bild und Ton zu Narrativen des Nebenschauplatzes. Anfahrt, Abfahrt, Massenbewältigung, Erwartung und Enttäuschung. Die Haupthandlung ist das Warten. Das Davor und Danach des eigentlichen Spektakels wird subtil zelebriert.

Sebastian Stadler – «Pictures, I think»: bis 16. Februar, Kunstmuseum St.Gallen

kunstmuseumsg.ch

Diesen unauffälligen, beiläufigen, oft unregistrierten Momenten wohnt eine eigenartige, lakonische Stille inne, die der Künstler auch im Video Lumi / ei lunta (Schnee-kein Schnee) von 2011 einfängt. In den Einöden von Birkenwäldern scheint der Alltag von archaischen Tätigkeiten geprägt: fischen mit Metallkörben, jagen, im Haus herumsitzen, Bäume fällen. Das Analoge dieser Urlandschaft reduziert das Sichtbare auf das Brauchbare und ist doch nicht weniger ein Geheimnis.

Ist der Blick hier noch eher dokumentarisch, nimmt Stadler für Vos Travaux die Rolle eines unverfrorenen Voyeurs ein. Mit einem langen Zoomobjektiv beobachtet er unbekannte Kunden eines berühmten Pariser Fotolabors im intimen Moment der Bildbetrachtung. Man erinnert sich an die Vorfreude beim Abholen von entwickelten Negativen, da diese erst nach einer Wartephase zu sehen sind. Solche Glücksmomente, hervorgerufen durch Verschiebungen in der Zeit, sind ein Phänomen, das in der Unmittelbarkeit des digitalen Zeitalters immer mehr abhanden kommt.

Erscheinungen

Das Auslösen von neuen Bildern aus existierenden scheint ein Leitmotiv zu sein. Bilder, die sich wie eine Apparition, wie eine weitere Fotoserie genannt wird, erst im fotografischen Doppelbelichtungs-Prozess, erst bei der Auswahl und Komposition, zum Beispiel von webgenerierten Bildern der finnischen Transportbehörde, die den Strassenzustand im wenig besiedelten Finnland aufzeigen (We see the whole picture), erst im Dampf der heissen Quelle auf dem Parkplatz der japanischen Kleinstadt Obama (Obama) und erst durch den Wartezustand neu formieren und behaupten.

Sebastian Stadler: L’apparition, 2015-2019

Für die Arbeit Titel generiert Stadler in Zusammenarbeit mit Carlo Jörges einen Algorithmus, der die Gesamtliste von 60’000 E-Books der frei zugänglichen, digitalen Bibliothek gutenberg.org mit Archivbildern des Kunstmuseums St.Gallen frei kombiniert. Mittels Bildanalyse werden in Sekundenschnelle Zitate aus der Datenbank zu den einzelnen Abbildungen gestellt. Das Inhalt generierende «I» ist hier klassifizierbar künstlich. In seinem Eifer vermag es im dunklen, leeren Auditorium mentale Bilder hervorzurufen, die sich erst durch die Anwesenheit von Betrachtern multiplizieren und die auf das Potential von gedachten Bildern hinter den Sichtbaren verweisen. Pictures, I think. Pictures I think.

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

Sebastian Stadler: Trumpets, 2019 – Schülerinnen einer japanischen Musikschule beim Üben im Freien.

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