Lokremise St.Gallen, es ist eine klamme Nacht und der Regen wird stärker. «Wieso nur hat es hier einen Zaun?», sagt Hans-Ruedi Beck und zeigt auf das Maschendrahtgeflecht, das sich um die Westseite der Lok zieht. «Ich weiss es auch nicht, vielleicht ein Überbleibsel aus der Zeit, als das Lok-Gelände geschlossen war», sagt Beck schliesslich. Er studiert Raumentwicklung an der Hochschule für Technik in Rapperswil und gibt an diesem Mittwoch den Expeditionsleiter, der das Publikum sicher durch die unwirtliche Wildnis hinter dem Bahnhof führt.
Ihm zur Seite im Betondschungel steht Katharina Graf, HSG-Absolventin in Management, Organisation und Kultur. Sie seziert die Planungswirren am Bahnhof Nord aus organisationstheoretischer Sicht. Ihre Masterarbeit schrieb sie im vergangenen Herbst über das Quartier Bahnhof Nord – das übrigens wegen der VBSG-Haltestelle, wo der obskure 9er-Bus fährt, halboffiziell so getauft wurde.
Laut Graf liegen im Gebiet Brachen – Kiesplätze, Parkplätze, Häuser mit ungewissem Schicksal – und Neues nahe beieinander. «So entsteht der Eindruck, dass unklar ist, was man mit dem Gebiet überhaupt will.» Grafs Erkenntnisse sind keineswegs rein theoretisch: Für ihre Arbeit interviewte sie Vertreter von Stadt und Kanton sowie Architekten und Raumplaner. Bemerkenswert: «Mit dem SBB-Parkplatz ist heute eigentlich niemand der Befragten wirklich zufrieden.»
Nach der Stunde Null
Es ist quasi der erste Tisch hinter den Gleisen nach der Stunde Null: Schliesslich hatte die Stadt am Donnerstag bekannt gegeben, dass sie das Klubhaus samt nebenan liegenden Wohnhäusern gekauft hat. Das angekündigte partizipative Verfahren, in dem nun ein Projekt für die Häuserzeile erarbeitet wird, macht Hoffnung. «Dass möglichst viele Menschen und Nutzer in und um das Quartier einbezogen werden, dürfte eine schnellere Lösung bringen als bisher», sagt Graf.
Tatsächlich herrscht rund ums Klubhaus seit Jahren planerischer Stillstand; die Gebäude wechseln munter ihre Besitzer, sichtbare Entwicklung aber gibt es nicht. Beck weisst denn auch darauf hin, dass das Wohnhaus neben dem Klubhaus grösstenteils leer steht und ungenutzt ist.
In der regengeschützten Einfahrt zur St.Leopard-Tiefgarage nimmt Beck die Geräuschkulisse unter die Lupe: Zwischen Gleisen und Rosenbergstrasse gelegen, «hat es im Quartier eigentlich immer einen gewissen Geräuschpegel». Die Toleranz für Geräusche oder Lärm sei dementsprechend höher, was eine Chance für künftige Nutzungen sein könne.
Übrigens: Der auf der Strasse geschaffene Übername «St.Leopard» hat es mittlerweile offiziell auf Google Maps geschafft. Auch ein schönes Beispiel dafür, wie beharrliche Arbeit von unten Fakten schaffen kann.
Alle wollen Urbanität
Wenige Meter nebenan, unter der St.Leonhardsbrücke, zeigt Beck auf das nahe Güterbahnhofareal, das man in der Diskussion nicht vergessen dürfe. «Falls dort etwas mit hoher Rendite entsteht, könnte im Sinne des Gleichgewichts hier etwas mit niedriger Rendite wachsen – oder umgekehrt.»
Vom zentrumnahen Bahnhof Nord wollen letztlich viele etwas: Platz für Kultur, Bürohäuser, Autos. Laut Katharina Graf hat sich in ihren Interviews ein gemeinsamer Nenner gezeigt, auf den sich alle einigen können: Urbanität. Bleibt zu verhandeln und herauszufinden, was Urbanität ist. Um nochmals zum Güterbahnhof zu schwenken: hoffentlich keine weitere Autobahnausfahrt.
Titelbild: Brachen und Neues beim Bahnhof Nord.
Der nächste Tisch hinter den Gleisen zügelt vom Klubhaus ins Kinok: Dort wird am Mittwoch, 8. April, um 20 Uhr der Film «Wem gehört die Stadt – Bürger in Bewegung» gezeigt. Im Anschluss Diskussion mit Eva Lingg, Architektin und Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum Soziale Räume FHS, und René Finger, Vorstandsmitglied Architektur Forum Ostschweiz. Platzreservationen werden empfohlen.
Der Trailer zum Film:
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