, 13. Dezember 2016
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Was darfs sein: Basel oder Buenos Aires?

In Basel gabs eine starke Mannschaftsleistung und versöhnliche Töne der FCSG-Fans. Nun ist Winterpause. Zeit für andere Gedanken. Wie wärs mit einem Vergleich zum argentinischem Fussball? Eine SENF-Delegation hat sich die Boca Juniors und deren Stadion aus der Nähe angesehen.

Offiziell heisst die Heimstätte der Boca Juniors «Estadio Alberto Jacinto Armando». (Bilder: Senf-Kollektiv)

Zugegeben, der FC Basel und der Club Atlético Boca Juniors aus Buenos Aires haben wenig bis gar nichts gemeinsam. Nebst 11’000 Kilometern liegt auch noch der Atlantische Ozean zwischen den zwei Clubs.

Was die beiden verbindet: Sie beanspruchen für sich, die wahrscheinlich beste Stimmung der Liga in ihrem eigenen Stadion zu beherbergen (und sie sind in der ewigen Bestenliste die jeweils zweiterfolgreichsten Vereine ihres Landes). Als Fan Grund genug, die Stadionbesuche bei Basel und den Boca Juniors entlang der Kategorien Ticketkauf, Stadion, Fans, Kurioses auf nicht ganz neutrale Weise zu vergleichen.

Der Ticketkauf

In Basel läuft der Ticketkauf gesittet ab und stellt kein Problem für die Angereisten dar. Auswärtsfans können Tickets bei Ihren Dachverbänden oder direkt an der Tageskasse beziehen. Dank der auf Initiative der Fans umgesetzten, einheitlichen Gästesektorpreise geht das für 20 oder 25 Franken.

Der Ticketkauf bei den Boca Juniors funktioniert etwas anders: Einerseits gibt es Tickets offiziell nur für Vereinsmitglieder – wobei die Wartezeit für die Vereinsaufnahme sieben Jahre beträgt, andererseits sind die Boca Juniors international sehr populär, was die Verfügbarkeit von Tickets weiter einschränkt. Agenturen wie «Tangol» oder «Viagogo» bieten Saisonkarten von Einheimischen zur einmaligen Miete an. Hierbei lohnt es sich, frühzeitig mit einem Anbieter in Kontakt zu treten.

Fans der Boca Juniors werden offiziell als «El Jugador N° 12», kurz La Doce, bezeichnet.

Je nach Spiel, zum Beispiel beim Superclásico gegen River Plate, werden aber kaum Tickets angeboten und es kann schon mal vorkommen, dass man mit einem gefälschten Ticket am Stadioneingang steht. Für den Match gegen Rosario Central haben wir sechs Tage vor dem Spiel die letzten Tickets bei «Tangol» für je 170 Franken bezogen. Ein durchaus üblicher Preis für normale Sitzplätze im zweiten Rang. Gästefans müssen in Argentinien draussen bleiben.

Das Stadion

Der St.Jakob-Park bietet Platz für 38’512 Zuschauer und war bei seiner Eröffnung im Jahr 2001 das erste moderne Multifunktions-Stadion der Schweiz. Breite Aufgänge, gut angeordnete Essensstände und verschiedene Sicherheitsmassnahmen beim Eingang zeugen von der zeitgemässen Bauweise sowie der stetigen Weiterentwicklung der Infrastruktur in Basel.

Ganzkörperkontrollen beim Eingang werden nur stichprobenartig durchgeführt. Während dem Spiel gibt es Bier, Wurst und alles was zum Standardsortiment gehört. Die sanitären Anlagen sind ebenfalls in Ordnung, auch wenn die Platzierung der Herrentoilette im Erdgeschoss etwas umständlich ist. Stehplätze finden sich ausschliesslich in der Fankurve der Heimfans. Der St.Jakob-Park bietet alles, was von einem modernen Fussballstadion erwartet wird, und ist dadurch – trotz des blau-roten Dachs – wiederum sehr austauschbar.

La Bombonera (Die Pralinenschachtel) bietet rund 49’000 Zuschauern Platz. Dass das Stadion bereits 1940 eröffnet wurde, sieht man erst auf den zweiten Blick. Es hat seine ganz eigene Ausstrahlung – man kann die Spannung fast schon spüren, wenn man den blau-gelben Bau von weitem erblickt.

Panorama im Bombonera (Klick zum Vergrössern)

Die Fans durchlaufen drei Eingangskontrollen, bevor es die Treppen hochgeht. Die Gänge hoch in die Ränge sind sehr eng, die Farbe blättert vom Betonbau ab und an kommerzielle Einrichtungen im Stadion hatte 1940 wohl noch niemand gedacht. An improvisierten Ständen und bei mobilen Verkäufern können Zuschauer Cola, Wasser und süsse oder salzige Snacks kaufen. Haltestangen vor den Sitzplätzen schützen vor dem Fall über die Ränge des steilen Hexenkessels. Hinter den Toren sind jeweils Stehplatztribünen («Populares») zu finden.

Die Fans

In der Muttenzerkurve lebt man die europäische Ultra-Kultur. Melodiöse Lieder wechseln sich mit Anfeuerungsrufen ab, während Choreos und Pyros den Support visuell untermauern. Beim Club erhalten die Fans bezüglich ihrer Anliegen Gehör, sind jedoch auf das Wohlwollen der Vereinsführung angewiesen.

Bei La Doce, der Fankurve der Boca Juniors, beginnt das Spektakel im Stadion mit einem rituellen Einmarsch der Fanclubs, begleitet von melodiösen Clubliedern. Stoffbahnen und Spruchbänder zieren die Stehplatztribüne während des gesamten Spiels und auch Pyros kommen bisweilen zum Einsatz.

Das Repertoire an melodiösen Liedern ist gross. Tantrische Anfeuerungschöre, wie sie unsereins beispielsweise vom «Hopp Sangallä» kennt, gibt es nicht. Die Fans singen durchgehend und wechseln auch bei einem Tor nach kurzem Aufschrei wieder zum vorangegangenen Lied. Je nach Lage und Phase des Spiels singt auch schon mal gefühlt das ganze Stadion mit.

 

Die Barra Bravas, wie die Fanclubs in Lateinamerika genannt werden, lassen sich kaum mit Schweizer Ultras vergleichen. Gemäss dem Guardian verdient La Doce bei den Boca Juniors bisweilen sowohl bei Spielerlöhnen als auch bei Transfers mit. Nebst dem Ticket- und Parkplatzverkauf rund ums Stadion, sind Mitglieder der La Doce auch immer wieder in Drogengeschäfte, Erpressungen sowie Morde verwickelt.

Kurioses

Spiele in Basel bieten vor allem in sportlicher und fantechnischer Hinsicht oder aus persönlicher Warte kuriose Geschichten. Der Stadionbesuch selbst läuft geregelt ab und dem Erlebnis in anderen Schweizer Stadien

In Buenos Aires hingegen gibt es einige, zumindest aus unserer Sicht, kuriose Dinge zu beobachten. Das beginnt bereits vor dem Stadion, wo sich die Fans zu Grill und Bier relativ früh vor dem Spiel treffen und ein Strassenfest feiern. Im Stadion, nach den drei Eingangskontrollen, gibt es dann (nebst Cola) Wasser aus einem durchsichtigen Joghurtbecher zu kaufen.

Ist man im Inneren des Stadions, zeigt ein erster Blick aufs Spielfeld, dass für Heim- und Gastmannschaft sowie für die Schiedsrichter, räumlich getrennt zwischen Mittel- und Grundlinie, drei separate «Spielertunnel» zur Verfügung stehen. Wenn dann die Schiedsrichter in Begleitung von fünf Robocops das Feld betreten, werden sie gnadenlos ausgepfiffen. Die Robocops schützen aber nicht nur die Schiedsrichter. Während des Spiels hält bei jedem Eckball ein Polizist seinen Schild hoch, um den ausführenden Spieler neben Gitter und Netz zusätzlich zu schützen.

Spielunterbruch nach 15 Minuten. Eine Provokation beim Torjubel führte zu Tumulten, Polizei auf dem Platz und zwei roten Karten.

Weiter kann der aufmerksame Beobachter einige Zuschauer mit Knopf im Ohr entdecken: Während des Stadionbesuchs lauschen sie den Worten des Radiokommentators. Zu guter Letzt noch das Schnipsen mit den Fingern (auch im obigen Video zu sehen): Anstatt zu klatschen, schnipsen die Fans zu vielen ihrer Lieder.

Ein ungleiches Duell

Die Fankulisse beider Vereine ist für Aussenstehende sehr beeindruckend. Der St.Jakob-Park ist nahe an der europäischen Perfektion, die Bombonera hat ihren ganz eigenen südamerikanischen Charme.

Ob die beiden Vereine tatsächlich die beste Atmosphäre des Landes beherbergen, wagen wir nicht zu beantworten. Es war aber bestimmt nicht nur die Einmaligkeit, welche die Atmosphäre in der Bombonera so eindrücklich machte. So spielt die Bombonera wohl in einer Liga mit nur ganz wenigen Konkurrenten weltweit – wärs nur nicht so weit weg.

 

Das Senf-Kollektiv besteht aus 15 fussballverrückten Frauen und Männern. Es gibt die St.Galler Fussballzeitschrift Senf («S’isch eigentli nume Fuessball») heraus und betreibt daneben auch einen Blog. Senf kommentiert auf saiten.ch das Geschehen auf und neben dem Fussballplatz.

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