Was die Flammen übrig liessen

Ausstellungsansicht im Stadlerhaus Konstanz. (Bild: pd/Markus Brenner)

Konkrete Poesie: Die Fotografien von Markus Brenner und Jörg Hundertpfund ergänzen sich an einem denkwürdigen Ort in Konstanz zu einem Gesamtkunstwerk. 

Als das Stad­ler­haus in der Kon­stan­zer Alt­stadt vor mehr als ei­nem Jahr fast ab­brann­te, war das ein Schock für vie­le Kon­stan­ze­rin­nen und Kon­stan­zer. Weil das Ju­gend­stil­ge­bäu­de, er­baut An­fang des 20. Jahr­hun­derts, ei­nes der pracht­volls­ten Häu­ser in ei­ner an pracht­vol­len Häu­sern nicht ar­men Kon­stan­zer Alt­stadt ist. Und weil die Zol­lern­stras­se, in der das Ge­bäu­de liegt, als be­lieb­ter Rück­zugs­ort für Kon­stan­zer:in­nen gilt, wenn sie sich vom Alt­stadt­an­sturm der Tou­rist:in­nen im Som­mer kurz er­ho­len wol­len. Nicht we­ni­ge ha­ben das Ge­fühl, dass die Stadt zu­min­dest hier noch ein biss­chen ih­nen ge­hört.

Wo­bei das wahr­schein­lich eher ei­ne ge­fühl­te als ei­ne fak­ti­sche Wahr­heit ist. Denn das Stad­ler­haus ist auch des­halb über die Stadt­gren­zen hin­aus be­kannt, weil hier ein no­bles Ein­rich­tungs­haus sei­ne ex­qui­si­ten Wa­ren an­bot – zu­min­dest bis zum Brand am 25. Ju­li. Ak­tu­ell ist das Ge­bäu­de ei­ne gros­se Bau­stel­le. Das Feu­er, ver­ur­sacht durch ei­nen tech­ni­schen De­fekt an ei­nem Ka­bel, zer­stör­te das Hin­ter­haus und den Ver­bin­dungs­bau voll­stän­dig. Das denk­mal­ge­schütz­te Vor­der­haus wur­de schwer be­schä­digt, konn­te aber dank ei­ner in­ne­ren Brand­wand und ei­nes vier­tä­gi­gen Ein­sat­zes der Feu­er­wehr vor der voll­stän­di­gen Zer­stö­rung be­wahrt wer­den.

Kurz nach dem Brand war er im Haus

Mar­kus Bren­ner, Fo­to­graf, Licht- und Vi­deo­künst­ler aus Kon­stanz, hat das Ge­sche­hen da­mals mit ei­ge­nen Au­gen be­ob­ach­tet: «Di­rekt nach dem Feu­er stand ich fas­sungs­los vor dem eins­ti­gen Ver­lags­ge­bäu­de», er­in­nert sich Bren­ner. Durch ei­nen glück­li­chen Zu­fall konn­te er nach dem En­de der Lösch­ar­bei­ten in das Haus. «Als Ver­si­che­rungs­fo­to­graf», sagt Bren­ner. Die Sze­nen, die sich vor ihm aus­brei­te­ten, nennt er «schreck­lich und schön zu­gleich. Pa­ra­dox, fas­zi­nie­rend». Ihm sei gleich auf­ge­fal­len, wel­che Ge­gen­sät­ze hier vi­su­ell auf­ein­an­der­tra­fen: «To­ta­ler Ver­lust, ver­brann­ter All­tag hier, poe­ti­sche Sze­nen und fil­misch an­mu­ten­de In­sze­nie­run­gen da, wie für die Ka­me­ra ge­macht.»

Fotograf Markus Brenner zeigt im Stadlerhaus Konstanz, wie aus verbranntem Alltag poetische Bilder entstehen. (Bild: Michael Lünstroth)

Dass aus sei­nen Auf­nah­men nun ein Kunst­pro­jekt wur­de, hat wie­der­um mit glück­li­chen Fü­gun­gen zu tun. Dem Haus­ei­gen­tü­mer, der Ver­le­ger­fa­mi­lie Stad­ler, ist dar­an ge­le­gen, dass bald wie­der Le­ben ins Haus zieht. Die Kon­stan­zer Cre­sce­re Stif­tung in­ter­es­siert sich für Kunst und Kul­tur und stell­te Mit­tel für die Rea­li­sie­rung ei­ner Aus­stel­lung be­reit. Und Bren­ner, der sich schon seit Jah­ren für mehr zeit­ge­nös­si­sche Kunst in sei­ner Hei­mat­stadt ein­setzt, nutz­te die Chan­ce, um nach vie­len theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen, wie mehr ak­tu­el­le Kunst in Kon­stanz ge­zeigt wer­den könn­te, nun ein prak­ti­sches Bei­spiel lie­fern zu kön­nen.

Die Aus­stel­lungs­rei­he soll durch die Stadt wan­dern

Un­ter dem et­was sper­ri­gen Ti­tel «con­s­tance con­tem­po­ra­ry» er­dach­te Mar­kus Bren­ner ei­ne Aus­stel­lungs­rei­he, die künf­tig ver­schie­de­ne Or­te in Kon­stanz be­spie­len soll. Der Auf­takt mit den ei­ge­nen Fo­tos in dem bei­na­he ver­lo­re­nen Ge­bäu­de dräng­te sich qua­si von selbst auf. «This is Not the End» heisst die Aus­stel­lung, die Bren­ner aber nicht al­lei­ne be­strei­tet, son­dern ge­mein­sam mit dem Ge­stal­ter und Pro­fes­sor für Pro­dukt­de­sign Jörg Hun­dert­pfund. Der stammt eben­falls aus Kon­stanz, lebt aber in­zwi­schen in Pots­dam. Im Stad­ler­haus zeigt er jetzt Stu­di­en von Stüh­len, auf de­nen man nur schwer sit­zen kann – ziem­lich pas­send in ei­nem ehe­ma­li­gen Mö­bel­haus.

Aber na­tür­lich sind Bren­ners Fo­to­gra­fien zu­nächst die Zug­pfer­de die­ser Aus­stel­lung. Die Lust an der Ka­ta­stro­phe und die Neu­gier auf die bei­na­he vom Feu­er ver­nich­te­ten Räu­me sol­len die Men­schen in Scha­ren auf die Bau­stel­le brin­gen. Und bei al­len Vor­be­hal­ten, die man ha­ben kann – zum Bei­spiel die Fra­ge, ob es nicht ir­gend­wie pie­tät­los ist, den Ort ei­ner Bei­na­he-Ka­ta­stro­phe zum Kunst­ort zu sti­li­sie­ren –, muss man schon auch sa­gen: Mar­kus Bren­ners Fo­to­gra­fien sind so fan­tas­tisch, dass es scha­de ge­we­sen wä­re, sie nicht ei­ner grös­se­ren Öf­fent­lich­keit zu zei­gen.

Ist es pie­tät­los, ei­nen Brand­ort in ei­nen Kunst­ort zu ver­wan­deln?

Er ha­be be­wusst kei­ne ver­kohl­ten Mö­bel­ge­rip­pe in aus­ge­brann­ten Zim­mern fo­to­gra­fiert, sagt Bren­ner, wenn man ihn auf ei­nen Voy­eu­ris­mus­ver­dacht an­spricht. «Mich ha­ben viel­mehr je­ne Räu­me in­ter­es­siert, in de­nen das Feu­er nicht di­rekt ge­wü­tet hat, in de­nen die Ka­ta­stro­phe, das Un­heil je­doch spür­bar wird», so der Fo­to­graf. Er ha­be den Brand­ge­ruch sicht­bar ma­chen wol­len, sagt er noch. Das ge­lingt ihm in sei­ner Aus­stel­lung ziem­lich gut.

Filmkulisse oder Katastrophenszenario? (Bild: pd/Markus Brenner)

In der Düsternis ein Goldschimmer (Bild: pd/Markus Brenner)

Die Asch­epig­men­te in der Luft, die das Licht trü­ben; ei­ne bei­na­he im­pres­sio­nis­ti­sche De­tail­auf­nah­me aus ros­tig-oran­ge­nen bis braun­far­be­nen Tö­nen; die zer­ris­se­nen Fo­li­en vor ei­nem Fens­ter­ober­licht, die wie ge­malt wir­ken. In­ter­es­sant ist die Schau auch, weil Bren­ner sie so auf­ge­baut hat, dass sich Be­su­cher:in­nen-Per­spek­ti­ve und Fo­to­gra­fen-Per­spek­ti­ve teil­wei­se de­cken. Das er­laubt den Be­trach­ter:in­nen ei­ne klei­ne Zeit­rei­se in ein Da­vor und Da­nach.

Kurz vor kit­schig noch mal ab­ge­bo­gen

Läuft man jetzt durch die Aus­stel­lung, merkt man, was für ein gu­tes Au­ge Bren­ner für sei­ne Mo­ti­ve hat­te und wie meis­ter­haft er die Stim­mungs­la­ge vor Ort ein­ge­fan­gen hat: ein Mö­bel­aus­stel­lungs­raum, der ir­gend­wie un­be­rührt und doch gleich­zei­tig to­tal ver­wüs­tet aus­sieht; ei­ne kunst­voll ge­schmol­ze­ne Le­go-In­stal­la­ti­on auf ei­ner Kom­mo­de; so­wie ein gol­den schim­mern­der Spie­gel über ei­ner mys­ti­schen Dun­kel­heit aus ver­russ­ten Flie­sen, kal­ten Schwarz­b­lau­tö­nen und ei­nem klei­nen Stahl­wasch­be­cken, aus dem je­der­zeit das Grau­en her­aus­ge­kro­chen kom­men könn­te. Bren­ner zeigt das Por­trät ei­nes Hor­ror­sze­na­ri­os, durch­bro­chen vom gol­de­nen Schim­mer des Spie­gels – ganz kurz vor kit­schig, aber eben recht­zei­tig ab­ge­bo­gen in Rich­tung kunst­voll.

Das Fo­to steht ge­wis­ser­mas­sen pro­to­ty­pisch für den Aus­stel­lungs­ti­tel «This is Not the End». Selbst in ei­nem ver­hee­ren­den Feu­er kann ein Neu­an­fang ste­cken. Wenn man so will, ist Bren­ners Se­rie auch ei­ne Durch­hal­te­pa­ro­le an uns al­le in die­sen manch­mal schwer zu er­tra­gen­den Zei­ten vol­ler Kri­sen und Ka­ta­stro­phen: «Gebt nicht auf, glaubt an das Gu­te – auch aus der Düs­ter­nis kann neu­es Licht ent­ste­hen!»

Stüh­le ge­gen das Pa­thos

Um jetzt nicht voll­kom­men dem Pa­thos zu er­lie­gen, er­weist es sich als klu­ge Ent­schei­dung der Aus­stel­lungs­ma­cher:in­nen, Bren­ners Fo­to­gra­fien nicht al­lei­ne ste­hen zu las­sen, son­dern sie mit Ar­bei­ten des Künst­lers und Pro­dukt­de­si­gners Jörg Hun­dert­pfund zu er­gän­zen. So kon­kret, poe­tisch und wim­mel­bild­ar­tig Bren­ners Auf­nah­men sind, so abs­trakt, kühl und clean sind die Stu­di­en des Wahl­ber­li­ners über Stüh­le. Al­le Stüh­le sind schwarz, ha­ben vier Bei­ne und ei­ne Leh­ne. Aus die­sem Grund­re­zept kre­iert Hun­dert­pfund ei­ne Ar­ma­da von Va­ri­an­ten, die vor al­lem ei­nes ver­bin­det: Die ur­sprüng­li­che Funk­ti­on ei­nes Stuhls – dar­auf zu sit­zen – wird mög­lichst er­schwert.

Schwierige Sitzgelegenheit von Jörg Hundertpfund im Stadlerhaus Konstanz. (Bild: pd/Jana Mantel)

«Ei­gent­lich ist ein Stuhl ein Stuhl», sagt Hun­dert­pfund, «aber mich in­ter­es­sier­te an die­ser Ar­beit vor al­lem die nicht ei­gent­li­chen Funk­tio­nen von Stüh­len». Denn: Selbst et­was mit ei­ner so kla­ren Funk­tio­na­li­tät aus­ge­stat­te­tes wie ein Stuhl könn­te theo­re­tisch auch et­was ganz an­de­res sein. Der Aus­stel­lungs­ti­tel «This is Not the End» be­kommt hier noch ein­mal ei­ne ganz an­de­re Ebe­ne.

Führt die Aus­dif­fe­ren­zie­rung zum to­ta­len Be­deu­tungs­ver­lust?

Be­deu­tung ist in die­sem Sin­ne nie fest­ge­schrie­ben, son­dern im­mer Ver­hand­lungs­mas­se. Al­les kann so oder so sein. In ei­ner Welt der Un­si­cher­hei­ten und al­ter­na­ti­ven Fak­ten ist das ei­ne Er­fah­rung, die wir al­le bei­na­he täg­lich ma­chen. Hun­dert­pfunds Ar­beit ist al­ler­dings kein Kom­men­tar zur ak­tu­el­len Ge­gen­wart – be­zie­hungs­wei­se, sie war nicht als sol­cher ge­dacht, schliess­lich ent­stand sie be­reits An­fang der 2000er-Jah­re.

Was der Künst­ler da­mals eher im Sinn hat­te, war, an­hand ei­nes Ge­brauchs­ge­gen­stands zu zei­gen, dass man die­sen zwar bei­na­he un­end­lich va­ri­ie­ren kann, ihn da­mit aber auch sei­ner ei­gent­li­chen Be­deu­tung be­raubt. «Und das führt nicht nur auf dem Feld der Kunst, son­dern all­ge­mein zu ei­nem Ver­lust ei­nes we­sent­li­chen Aspekts, näm­lich Ori­gi­na­li­tät. Wenn be­reits al­les ge­sagt ist, man­gelt es an Über­ra­schun­gen», schreibt Hun­dert­pfund über sei­ne Stuhl­stu­die.

Am deut­lichs­ten wird dies in ei­ner Auf­nah­me, in der Hun­dert­pfund sei­ne sehr in­di­vi­du­el­len Stüh­le in ei­ner in meh­re­re Qua­dra­te auf­ge­teil­ten, mi­li­tär­ähn­li­chen An­ord­nung zeigt. Es wirkt plötz­lich wie ei­ne Ar­mee aus Stüh­len. Die Ein­zig­ar­tig­keit des ein­zel­nen Mo­dells löst sich in der Mas­se auf. Ori­gi­na­li­tät und In­di­vi­dua­li­tät sind in die­ser Per­spek­ti­ve nur Schein­rie­sen, die im Grun­de nicht exis­tie­ren. Ganz gleich, ob man der The­se zu­stimmt oder nicht – in sei­ner Ra­di­ka­li­tät ist das erst ein­mal ei­ne An­sa­ge.

Ra­di­kal und ver­söhn­lich zu­gleich

Wer nicht mit die­sem Ge­fühl die Aus­stel­lung ver­las­sen möch­te, dem sei an die­ser Stel­le ei­ne Rück­kehr in den Raum mit Mar­kus Bren­ners Fo­to­gra­fien emp­foh­len. Be­trach­tet man sie näm­lich un­ter dem Ein­druck von Hun­dert­pfunds Ar­bei­ten er­neut, tra­gen sie plötz­lich ei­ne noch ver­söhn­li­che­re Mil­de und Wär­me in sich. Die Bot­schaft: Ganz gleich, was du ge­ra­de tust, ganz gleich, wie gross sich die Ka­ta­stro­phe an­fühlt, die du ge­ra­de er­lebst – ir­gend­wo da draus­sen ist im­mer ein Licht­schim­mer. Du musst ihn nur fin­den.

(Die­ser Ar­ti­kel er­schien am 18. Sep­tem­ber 2025 auf Thur­gau Kul­tur)

Mar­kus Bren­ner und Jörg Hun­dert­pfund – «This Is Not the End»: bis 16. No­vem­ber 2025, Kunst­bau­stel­le Stad­ler­haus, Kon­stanz.

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