Christian Labhart wurde 1953 geboren. Wie viele in seinem Alter zieht er nun Bilanz. Und lässt die Öffentlichkeit daran teilhaben: Passion – zwischen Revolte und Resignation heisst Labharts jüngster Film, in dem der freischaffende Filmemacher aus Zürich auf sein Aktivistenleben zurückblickt und fragt, was von seiner Utopie einer gerechten Welt übriggeblieben ist. Ein Feelgood-Movie ist das definitiv nicht geworden. Passion ist kein Film, der Mut macht. Oder zumindest Hoffnung. Passion ist eine einzige Klage, ausgeschmückt mit Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion, mit starken Bildern, poetischen Texten und Erinnerungsfetzen eines Erschöpften.
Es gibt wohl einige linke Leben in der Schweiz, die ähnlich verlaufen sind wie jenes von Labhart. Als junger Mensch kann man den Film auch als eine Art europäisch geprägte Geschichtskunde der letzten 50 Jahre lesen: Zürich 1968, Labhart liest noch Karl May statt Karl Marx. 1977 demonstriert er gegen das Atomkraftwerk Gösgen, «im selbstgestrickten Pulli und Birkenstöcken». Später wird er Lehrer. Der Mensch ist gut, ist Labhart überzeugt. Als Züri brennt, ist er mit dabei. Mit Liebeskummer. Dann zieht er aufs Land, auf einen selbstverwalteten Bauernhof mit sieben anderen, und spielt Fussball in der alternativen Liga. Bis Tschernobyl ihn aus der Idylle reisst. Labhart und seine Partnerin haben Angst um ihr Ungeborenes.
Gibt es ein richtiges Leben im falschen?
1989, Brandenburger Tor, Mauerfall. Labharts Freund aus alten Tagen will danach «nichts mehr wissen von der Revolution, der gerechten Welt, dem Ausweg aus dem Kapitalismus». Als Labhart Vater wird, fragt er sich: Bin ich ein Spiesser geworden? Als im September 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center krachen, schaut er aus dem Fenster und hört Bach, «um Ordnung ins Chaos zu bringen». Wie soll er seinen Kindern diese Welt erklären? Und wie die Finanzkrise? Und solche seltsamen Figuren wie Trump?
Überhaupt wirft der Essayfilm ein paar lohnende Fragen auf. Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Was ist schon eine brennende Barrikade gegenüber dieser totalitären Warengesellschaft, die unser Leben bestimmt? Warum ist das, was vor 30 Jahren als rechtsextrem galt, heute mainstream? Darf man den Rückzug anderer ins Private abkanzeln, als hätte man den Klassenkampf höchstpersönlich erfunden? Ist es verwerflich, fürs gute Gewissen Frösche über die Strasse zu tragen? Kann man die Wirklichkeit verändern, indem man sie abbildet? Haben der Leidensweg Christi und verwelkte Utopien etwas gemeinsam? Ist es okay, wenn man doch ein bisschen nach seinen Eltern kommt?
Passion – zwischen Revolte und Resignation: im April im Kinok St.Gallen
St.Galler Premiere in Anwesenheit von Christian Labhart: 17. April, 20 Uhr
Antworten liefert Passion nicht direkt, dafür allerlei Anstösse und poetische Zugänge. Diese kommen unter anderem von Bertolt Brecht (An die Nachgeborenen), Dorothee Sölle (Babylon), Arundhati Roy (Wie tief sollen wir graben), Franz Kafka (Der Bau) oder Franco Bifo Berardi (Poesie und Aufstand). Die Bilder dazu sind eindrücklich, teilweise gewaltig. Die Passage aus Guy Debords Gesellschaft des Spektakels etwa wird unterstrichen von Spielhöllen, Kreuzfahrten und Massentourismus. An der Kamera waren Pio Corradi und Simon Guy Fässler. Passion war Corradis letzter Film, am 1. Januar 2019 ist er verstorben.
Was braucht ein aktivistisches Gemüt?
Viele Einstellungen sind nichts für Ungeduldige. Minutenlang starrt man auf die Ruinen des Sozialismus, auf Plattenbauten überzogen mit Coca Cola-Werbung, aufs Oktoberfest-Gelage, auf eine Skihalle in Abu Dhabi, auf endlose Müllhalden und sterile Autofabriken, auf Kohleminen, Konsumoasen, Schlachtanlagen, einkrachende Eisberge und Aktienkurse. Diese Sicht der kapitalistischen Dinge ist eindringlich, aber auch etwas gar plakativ.
Idealismus, Verbürgerlichung, Resignation – das sind wichtige Themen, auch im Hinblick auf die jungen Generationen. Was braucht ein aktivistisches Gemüt in unserer taumelnden Welt, um nicht zu verbittern, um dranzubleiben, seine Prinzipien nicht zu verraten und kraftvoll vorwärtszugehen? Auch solche Fragen beantwortet Labhart nicht. Die Sicht von weiteren Mitstreiterinnen und Bewegten aus seiner Generation hätte dem Film womöglich eine optimistischere Note verliehen.
Passion ist ein schwieriger Film, aber dennoch sehenswert. Weil er wohl vielen in Labharts Alter aus dem Herzen spricht und «wir Jungen» von diesen Erfahrungen profitieren können. Damit wir Strategien entwickeln, die uns helfen, den Idealismus nicht zu verlieren. Bei den Solothurner Filmtagen sah man das anders: Passion wurde von der Auswahlkommission abgelehnt – ohne Angabe von Gründen. Regiekollege Samir hat deshalb eine Petition lanciert, die von vielen aus der Schweizer Filmbranche mitunterzeichnet wurde. Der Film wurde trotzdem nicht gezeigt, dafür wurde über die programmatische Linie der Solothurner Filmtage diskutiert. Auch lohnend.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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