Kultiviert, wohlhabend, fleissig und hochmodern. So stellt man sich den Inselstaat Japan in Europa gerne vor. Das stimmt auch zum Teil. Tokyo gilt als eine der modernsten Städte überhaupt. Dort wuchert die Avantgarde, dort leben die jungen, gutausgebildeten Fachkräfte, dort konnte man schon vor Jahren mit der Digitalwährung Bitcoin bezahlen, dort fuhren die ersten Hybridautos, dort werden Haushaltsroboter entwickelt und die Senioren leben überdurchschnittlich lange und gesund.
Auf der anderen Seite stehen Einsamkeit und Isolation, Konservatismus, eine niedrige Geburtenrate, teils prekäre soziale Verhältnisse und eine seit Jahren lahmende Wirtschaft. In Japan gibt es das Phänomen der Hikikomori: überwiegend junge Leute, die sich in ihre Wohnungen zurückziehen und den Kontakt zur Aussenwelt und anderen Menschen auf ein Minimum reduzieren. Viele haben auch nicht mehr wirklich Lust auf Sex, in diesem Zusammenhang ploppt immer wieder der Begri «Zölibatssyndrom» auf. Kein Wunder, ist die Einsamkeit auch in vielen Filmen und in der japanischen Literatur ein wiederkehrendes Thema.
Auch die Arbeitsbedingungen haben sich verändert. Eine lebenslange Anstellung, wie sie lange selbstverständlich war, finden heute nur noch wenige. Vor allem die Jungen hangeln sich vielfach mit unsicheren Teilzeitjobs durchs Leben, so auch die Protagonisten in Hirokazu Kore-edas neuem Film Shoplifters – Familienbande, der an den Festspielen in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat und seit Mitte Dezember in den Schweizer Kinos läuft.
Gaunereien und ein unsichtbares Feuerwerk
Einsamkeit und Zusammenhalt und das Schattenleben am unteren Rand der Gesellschaft sind die Hauptmotive dieser einfühlsamen Aussenseitergeschichte. Mit unaufgeregten, eindringlichen Bildern folgt Kore-eda einer fünfköpfigen Patchworkfamilie in der Nähe von Tokyo, die sich mit Teilzeitjobs, Sexarbeit, Ladendiebstählen (shoplifts) und gelegentlichen Abzockereien mehr schlecht als recht über Wasser hält – und dabei eine gute, leichtherzige Zeit durchlebt, bis sie von den Behörden auseinandergerissen wird.
Shoplifters – Familienbande: im Januar im Kinok St.Gallen und im Kino Roxy Romanshorn
kinok.ch, kino-roxy.ch
Es ist Februar und die Stadt eisig kalt. Nach einer erfolgreichen Diebestour entdecken Osamu (Lily Franky) und sein Ziehsohn Shota (Jyo Kairi) ein völlig durchfrorenes Mädchen, das von seinen Eltern ausgesperrt wurde. Die fünfjährige Yuri (Sasaki Miyu) wurde offensichtlich stark vernachlässigt; sie ist unterernährt und hat Brandwunden. Die Familie nimmt Yuri zu sich, päppelt sie in ihrer viel zu kleinen Wohnung wieder auf, versorgt ihre Wunden und schenkt ihr Geborgenheit. Auch dann, als klar wird, dass Yuri von der Polizei gesucht wird.
Vor allem die Frauen kümmern sich rührend um das Mädchen. Schnell blüht die Kleine auf, es folgen unbeschwerte Monate für die zusammengewürfelte Gaunerfamilie, samt Strandurlaub und unsichtbarem Feuerwerk. Shota hat zwar anfangs noch etwas mit seiner Eifersucht zu kämpfen, doch am Ende ist er es, der sich für seine neue Schwester Yuri «opfert».
Eine der Kernfragen des Films ist, was eine Familie zu einer solchen macht. Konkrete Antworten gibt Kore-eda nicht, aber eines wird einmal mehr deutlich: Blutsverwandtschaft wird wahnsinnig überschätzt und idealisiert. Alle Familienmitglieder im Film haben schlechte erste Erfahrungen gemacht in Sachen Liebe und Familie, sie lebten ein einsames Leben, bis sie zueinander gefunden haben. In diesem tröstlichen Zusammenhalt gehen sie nun ihrem Lebensunterhalt nach: Grossmutter Hatsue (Kiki Kilin) als Oma-Trick-Betrügerin, die Mutter Nobuyo (Ando Sakura) als Teilzeitkraft in einer Wäscherei, Tochter Aki (Matsuoka Mayu) im Strip-Club hinter der Glasscheibe und die Kinder mit Vater Osamu, der anfänglich als Bauarbeiter angestellt war, als Laden- und Gelegenheitsdiebe.
Versäumnisse der japanischen Gesellschaft
Kore-edas Film zielt auch auf die Doppelmoral Japans: auf der einen Seite die individualistische, erbarmungslos leistungsorientierte Gesellschaft, die stets kühl-korrekt funktioniert, auf der anderen Seite die kleinkriminelle Aussenseiterfamilie, die zwar eine grosse Wärme ausstrahlt, aber immer am unteren Rand der Existenz entlang balanciert. Dieser Widerspruch wird in Shoplifters sehr deutlich.
Er wolle mit seinem Film auf die Versäumnisse der japanischen Gesellschaft hinweisen, erklärte Kore-eda dem «Arte»-Journal im Dezember. Vor 20 oder 30 Jahren sei man in Japan noch bereit gewesen, den Ärmsten mildernde Umstände zuzugestehen, wenn sie zu Verbrechern wurden. Seit die japanische Wirtschaft in der Krise sei, suche man die Verantwortung alleine beim Straftäter, egal welche Verbrechen er begangen habe. Das beunruhige ihn, deshalb habe er es zur Sprache bringen wollen.
Düster oder beklemmend ist der Film des Starregisseurs deswegen aber nicht, im Gegenteil. Die Einstellungen sind zwar relativ statisch, doch die Bilder strahlen eine Leichtigkeit und grosse Intimität aus, wozu auch die Musik von Hosono Haruomi beiträgt. Ein lohnender Film auf mehreren Ebenen.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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