Das Paradies ist im Keller. Zuhinterst im dunklen Gewölbe. Dorthin hat es sich zurückgezogen, dort hat Olga Titus es wiedererweckt. Die Künstlerin hat im Untergeschoss des Kunstmuseums Thurgau eine neue Version des Garten Eden entworfen. Während sich Meldungen über Dürren, Waldbrände, Überschwemmungen, Artensterben und invasive Neozoen aneinanderreihen, grünt und blüht es in Olga Titus’ Welt.
Seen glitzern. Bäume, Farn und Berge fügen sich zu einer pittoresken, den ganzen Raum umspannenden Szenerie. Sie ist geschmückt mit Blüten, garniert mit Früchten, hie und da spriesst ein Pilz. Ein Bein streckt sich ins Bild oder ein anderes anthropomorphes Zeichen. Aber der Mensch ist hier nicht bedrohlich, seine Spuren fügen sich harmonisch ins Ganze. Die Natur ist im Gleichgewicht. Ein Idealzustand also – einer allerdings, der wie so vieles heute nicht ohne Strom und Digitalisierung auskommt.
Kippmomente mit Linsenraster
Olga Titus ist mit ihrer Arbeit auf der Höhe der Zeit. Sie arbeitet mit digitalen Medien, mit zeitgenössischen Drucktechniken und am Computer erzeugten Bildkonglomeraten. Ein wichtiges Element ihrer jüngeren Arbeiten sind zudem Lenticulardrucke. Die Technik selbst ist seit langem bekannt und verbreitet. Genutzt wird sie beispielsweise seit Jahrzehnten für Postkarten mit optischen Kippmomenten.
Dafür wird ein Motiv gleichzeitig aus zwei oder mehreren Blickwinkeln heraus aufgenommen. Die Negative werden durch das Linsenraster belichtet, und winzige Linsen oder Prismen erzeugen einen dreidimensionalen Eindruck oder einen Wackeleffekt bei Bewegungen vor dem Bild. Dafür wurden früher analoge Fotografien verwendet. Olga Titus hingegen setzt vollständig auf digitales Material. Sie kombiniert eingescannte analoge Fundstücke, vorhandene digitale Bilder und eigens am Computer erzeugte Motive.
Alles fügt sich nahtlos zueinander, eines geht ins andere über, die Farbenvielfalt ist ebenso gross wie das Formenvokabular. Dank des Lenticularverfahrens entstehen tiefe Bildräume aus mehreren, räumlich anmutenden Schichten. Zentimeterweise ändert sich je nach Blickwinkel die gesamte Ansicht. Am besten lässt sich das im ersten Ausstellungssaal erkennen. Dort zeigt Olga Titus einzelne Lenticulardrucke. Bei jeder Bewegung vor den Bildern ändert sich der überbordende Detailreichtum des Linsenrasterbildes. In diese postergrossen Hochformate sind überdies Videoobjekte integriert, die ebenfalls dafür sorgen, dass kein Motivmoment dem anderen gleicht.
Gestische Malerei auf neuem Level
Olga Titus hat schlüssige Wege gefunden, die Malerei mit digitalen Mitteln zu erneuern. Sie selbst ist noch mit klassischer Malerei ins Kunststudium eingezogen. Inzwischen gehören zu ihren Bildexperimenten auch monumentale Formate aus Wendepailletten. Diese Technik wurde vor Jahrzehnten in St. Gallen erfunden und in der Haute Couture eingesetzt. Inzwischen hat sie den globalen Textilmarkt erobert – und wird von Olga Titus für die Kunst genutzt: Sie bedruckt die Pailletten auf beiden Seiten mit ungegenständlichen Motiven. Die Künstlerin kann mit jedem Handstreich das Bild verändern. Immer wieder aufs Neue. Nie wird ein Bildmoment dem anderen gleichen. Gestische Malerei ist hier auf dem nächsten Level angekommen.
Garniert ist diese Form der Malerei mit den Glitzereffekten der Pailletten. Es funkelt und schimmert, das Auge findet kaum Halt, immer locken der nächste Lichtreflex, die nächste fragile Schattenlinie. Vergleichen lassen sich diese wandfüllenden Textilarbeiten mit Tapisserien. Auch die spätmittelalterlichen Wandteppiche waren gefüllt mit Mustern und Formen, auch sie schufen Illusionsräume mit grosser Sogwirkung.
Olga Titus – «Das ausgebrochene Pixel»: bis 15. Dezember, Kunstmuseum Thurgau
kunstmuseum.tg.ch
5. März, 19 Uhr: «Die Brillanz der Leerstelle», ein Dialogrundgang mit Künstlerin Olga Titus und Kuratorin Stefanie Hoch. Im Gespräch wird von der Entwicklung der Arbeiten berichtet, die in Verbindung von Handwerk und High-Tech entstehen.
Zusätzlich zeigt Olga Titus neue Prägebilder aus Metall. Hier steht die Linie im Vordergrund, die Verwandtschaft zur Zeichnung ist gross – ein anderes wichtiges künstlerisches Medium für Titus. Im Obergeschoss des Ausstellungsraumes sind ausserdem fünf Videoarbeiten aus den vergangenen zehn Jahren zu sehen. Sie sind spielerisch in Inhalt und Machart. Die Künstlerin zitiert Gattungen wie Science Fiction, Telenovela, Werbung, arbeitet Kunststile und Religionskitsch ein. Sie verwebt Motive aus unterschiedlichen Quellen zu neuen Welten – hierarchielos, nicht wertend, sondern lustvoll und üppig. Damit ergibt die Ausstellung ein schlüssiges Ganzes in ihrer Fülle, ihrem frischen Blick und ihren neuen künstlerischen Ansätzen.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.