Nach 40 Minuten ist das Popalbum fertig. Was dann kommt, heisst 127.0.0.x wie die IP-Adresse eines Computers und hat nicht mehr viel mit einem Popsong zu tun: eine zehnminütige Freestyle-Breitleinwand-Collage. Wir sind in der Schweiz, das ist klar, aber sie ist so verwirrt, so vom Internet fragmentiert wie die Psyche der beiden, die da singen: «Swiss Pop aui schön zämä u blibe u nid vrstah Baby mach mit singe für Dütschschwyz.»
Synthesizer dräuen drohend, immer wieder unterbrochen von einem verzerrten Schrei, doch das Ganze klingt nicht aggressiv, die Wut kann nicht mehr aus der Haut. Oder sie wird aktiv bekämpft: «Mini Fründä lige mir – lachendim Arm – uf Beruigigsmittu.»
Nach sieben Minuten wird dann plötzlich doch ein Popsong daraus, Repetition und Rhythmus, da ist einer am Flusssurfen, oder ist das Seil im Fluss nur seine Festhaltemetapher? Denn sonst geht gar nichts mehr, das Social- Media-ADHS hat zugeschlagen, die Freund:innen sieht er nur noch auf ihren Profilen, wo sie offenbar immer das bekommen, was er verpasst: «Au hei Spass – gseh sich – hei äs Läbä und i bi trurig – ihri Fründä so viu besser – und i ha nur Angst hie.»
Was macht das Internet mit uns? Wenige sind dieser Frage im Pop so offensiv nachgegangen wie Jeans for Jesus, auf Schweizerdeutsch schon gar nicht. Diese Welt darzustellen, die keine Dimensionen mehr hat – «dir heit die Wäut flachdrückt» –, in der alles unterschiedslos nebeneinander steht, das Nahe und das Ferne, das Bedeutende und das Banale, und vor allem: das, was dir guttut, und das, was dich fertig macht. Dass das Internet eine Militärtechnologie ist, daran haben die Berner schon weiter vorne auf dem Album erinnert: «Du hesch üs ds Internet gä,wüus Atombombä git.»
Auch aus Bern, aber
Begonnen hatte alles 2013 mit einem Sommerhit, der aus dem Nichts kam. Musikalisch verbreitete Estavayeah Ferienstimmung, textlich das Gegenteil: «Aui grinse gschisse u d Sunne brätschet u d Ching hocke’n im Outo u schrisse’n ä Lätsch.»
Jeans for Jesus: 19. November, 20.30 Uhr, Palace St.Gallen (mit Capslock Superstar)
palace.sg jeansforjesus.net
Der Text blieb auch manchen in Erinnerung, die mit Baile Funk nicht viel anfangen konnten, das Album Anfang 2014 war dann aber doch eine Überraschung: Nie meh nahm die dauerverbundene Vereinzelung von 127.0.0.x vorweg, L.A. lieferte den Kommentar für die Easyjet-Jahre vor der Klimabewegung: «wo si gmerkt het, sie wot wäg ga zum zrügg cho u gläbt ha». Mit dem Züri-West-Cover Toucher stellte sich die Band bewusst in die Berner Poptradition, baute das Gitarrensolo genüsslich aus zerhackten Synthesizerklängen nach: Wir sind im Fall auch von da. Aber die Zeiten sind etwas andere. (Überhaupt: die Synthesizer auf diesem Album! Und unsere Eltern dachten, dass man mit Elektronik nicht emotional sein könne …)
PRO, das zweite Album drei Jahre später, war gleichzeitig überladen und prekär. Es ging um Europapolitik und Liebeskummer, Digitalisierung und die Frage, wie weisse Männer feministisch über Sex singen können/sollen/dürfen, Migration und die Überforderung im Coop Pronto, gegengeschnitten mit James-Bond-Filmen, und mittendrin auch noch eine Quellenrecherche über Schweizer Mythen, die daran erinnert, dass Sänger Michael Egger in Geschichte dissertiert, gegengeschnitten mit dem «Beef» zwischen US- Ostküsten- und Westküstenrappern. Ein Versuch, die ganze Gegenwart zu erfassen, ein grössenwahnsinniger Anspruch, der fast nur scheitern kann, aber er scheitert so virtuos wie nur möglich.
Die feinsten Risse
Mit 19xx_2xxx_ wollten Jeans for Jesus einfacher werden, schafften es aber nicht ganz. Dazu sind immer noch viel zu viele Ebenen da, das Booklet wird immer länger, aber gerade die vielen Ebenen sind es ja, die die Nerds so glücklich machen. So ist auch 2000 & irgendwo nicht einfach ein nostalgischer Song über die eigene Vergangenheit – die Zeitebenen sind derart verschachtelt, dass da schliesslich zwei bekiffte Jugendliche auf der Schulhaustreppe sitzen und sich vorstellen, wie sie sich dann als Erwachsene ihre Jugend vorstellen.
In letzter Zeit war bei Jeans for Jesus eine gewisse Müdigkeit spürbar über das kleine Mundartland, die Konzerte in den immer gleichen zehn Kulturzentren der Deutschschweiz. Die letzten Songs schrieben sie auf Hochdeutsch, Konzerte in Berlin und Hamburg sind angesagt. Aber Kunst ist oft dann am stärksten, wenn sie die Verhältnisse so genau kennt, dass sie noch die feinsten Risse und Brüche wahrnehmen kann. Wie in der schmerzhaft provinziellen Globalisierung von 127.0.0.x. Oder wie Michael Graber im «Tagblatt» schrieb: «Der Mundart-Pop von Jeans for Jesus schafft etwas ganz und gar Erstaunliches: Er macht die Welt gross.»
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