Kategorie
Autor:innen
Jahr

Was macht das Internet mit uns?

Seit Frühling 2020 schon dreimal verschoben, findet das Konzert von Jeans for Jesus im Palace St.Gallen diesen Freitag endlich statt. Auch zwei Sommer nach der Veröffentlichung ihres dritten Albums «19xx_2xxx_» gilt immer noch: unbedingt zuhören. von Bettina Dyttrich
Von  Gastbeitrag
Jeans for Jesus. (Bild: Anja Wille)

Nach 40 Minuten ist das Popalbum fertig. Was dann kommt, heisst 127.0.0.x wie die IP-Adresse eines Computers und hat nicht mehr viel mit einem Popsong zu tun: eine zehnminütige Freestyle-Breitleinwand-Collage. Wir sind in der Schweiz, das ist klar, aber sie ist so verwirrt, so vom Internet fragmentiert wie die Psyche der beiden, die da singen: «Swiss Pop aui schön zämä u blibe u nid vrstah Baby mach mit singe für Dütschschwyz.»

Synthesizer dräuen drohend, immer wieder unterbrochen von einem verzerrten Schrei, doch das Ganze klingt nicht aggressiv, die Wut kann nicht mehr aus der Haut. Oder sie wird aktiv bekämpft: «Mini Fründä lige mir – lachendim Arm – uf Beruigigsmittu.»

Nach sieben Minuten wird dann plötzlich doch ein Popsong daraus, Repetition und Rhythmus, da ist einer am Flusssurfen, oder ist das Seil im Fluss nur seine Festhaltemetapher? Denn sonst geht gar nichts mehr, das Social- Media-ADHS hat zugeschlagen, die Freund:innen sieht er nur noch auf ihren Profilen, wo sie offenbar immer das bekommen, was er verpasst: «Au hei Spass – gseh sich – hei äs Läbä und i bi trurig – ihri Fründä so viu besser – und i ha nur Angst hie.»

Was macht das Internet mit uns? Wenige sind dieser Frage im Pop so offensiv nachgegangen wie Jeans for Jesus, auf Schweizerdeutsch schon gar nicht. Diese Welt darzustellen, die keine Dimensionen mehr hat – «dir heit die Wäut flachdrückt» –, in der alles unterschiedslos nebeneinander steht, das Nahe und das Ferne, das Bedeutende und das Banale, und vor allem: das, was dir guttut, und das, was dich fertig macht. Dass das Internet eine Militärtechnologie ist, daran haben die Berner schon weiter vorne auf dem Album erinnert: «Du hesch üs ds Internet gä,wüus Atombombä git.»

Auch aus Bern, aber

Begonnen hatte alles 2013 mit einem Sommerhit, der aus dem Nichts kam. Musikalisch verbreitete Estavayeah Ferienstimmung, textlich das Gegenteil: «Aui grinse gschisse u d Sunne brätschet u d Ching hocke’n im Outo u schrisse’n ä Lätsch.»

Jeans for Jesus:
19. November, 20.30 Uhr, Palace St.Gallen (mit Capslock Superstar)

palace.sg
jeansforjesus.net

Der Text blieb auch manchen in Erinnerung, die mit Baile Funk nicht viel anfangen konnten, das Album Anfang 2014 war dann aber doch eine Überraschung: Nie meh nahm die dauerverbundene Vereinzelung von 127.0.0.x vorweg, L.A. lieferte den Kommentar für die Easyjet-Jahre vor der Klimabewegung: «wo si gmerkt het, sie wot wäg ga zum zrügg cho u gläbt ha». Mit dem Züri-West-Cover Toucher stellte sich die Band bewusst in die Berner Poptradition, baute das Gitarrensolo genüsslich aus zerhackten Synthesizerklängen nach: Wir sind im Fall auch von da. Aber die Zeiten sind etwas andere. (Überhaupt: die Synthesizer auf diesem Album! Und unsere Eltern dachten, dass man mit Elektronik nicht emotional sein könne …)

PRO, das zweite Album drei Jahre später, war gleichzeitig überladen und prekär. Es ging um Europapolitik und Liebeskummer, Digitalisierung und die Frage, wie weisse Männer feministisch über Sex singen können/sollen/dürfen, Migration und die Überforderung im Coop Pronto, gegengeschnitten mit James-Bond-Filmen, und mittendrin auch noch eine Quellenrecherche über Schweizer Mythen, die daran erinnert, dass Sänger Michael Egger in Geschichte dissertiert, gegengeschnitten mit dem «Beef» zwischen US- Ostküsten- und Westküstenrappern. Ein Versuch, die ganze Gegenwart zu erfassen, ein grössenwahnsinniger Anspruch, der fast nur scheitern kann, aber er scheitert so virtuos wie nur möglich.

Die feinsten Risse

Mit 19xx_2xxx_ wollten Jeans for Jesus einfacher werden, schafften es aber nicht ganz. Dazu sind immer noch viel zu viele Ebenen da, das Booklet wird immer länger, aber gerade die vielen Ebenen sind es ja, die die Nerds so glücklich machen. So ist auch 2000 & irgendwo nicht einfach ein nostalgischer Song über die eigene Vergangenheit – die Zeitebenen sind derart verschachtelt, dass da schliesslich zwei bekiffte Jugendliche auf der Schulhaustreppe sitzen und sich vorstellen, wie sie sich dann als Erwachsene ihre Jugend vorstellen.

In letzter Zeit war bei Jeans for Jesus eine gewisse Müdigkeit spürbar über das kleine Mundartland, die Konzerte in den immer gleichen zehn Kulturzentren der Deutschschweiz. Die letzten Songs schrieben sie auf Hochdeutsch, Konzerte in Berlin und Hamburg sind angesagt. Aber Kunst ist oft dann am stärksten, wenn sie die Verhältnisse so genau kennt, dass sie noch die feinsten Risse und Brüche wahrnehmen kann. Wie in der schmerzhaft provinziellen Globalisierung von 127.0.0.x. Oder wie Michael Graber im «Tagblatt» schrieb: «Der Mundart-Pop von Jeans for Jesus schafft etwas ganz und gar Erstaunliches: Er macht die Welt gross.»

 

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3.

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40