Kategorie
Autor:innen
Jahr

Wasserdichter Wahlsieg für die Grünen

Zwei Sitze für die Klimaparteien, fünf Frauen für die zwölf Sitze: Die St.Galler Nationalratsdelegation wird linker und weiblicher. Im Pfalzkeller wurde das Wahlergebnis gefeiert.
Von  Peter Surber
Im Blitzlichtgewitter: Die neue Nationalrätin der Grünen, Franziska Ryser, nach der Bekanntgabe der Wahl im Pfalzkeller. (Bild: Augustin Saleem)

Thomas Schwager hat den Arm in der Schlinge. Unpraktisch für die unzähligen Gratulationen, die der Kantonalpräsident der st.gallischen Grünen an diesem Wahlsonntag entgegennehmen kann. Grund für die Havarie sei nicht der Wahlkampf mit harten Bandagen gewesen, sondern ein Sturz beim Wandern, klärt Schwager auf.

Politisch abgestürzt sind an diesem Erdrutschtag andere. Im Kanton St.Gallen die SVP und (trotz Zuwachs an Stimmen) die CVP, die je einen Sitz verlieren auf Kosten der Grünen und der Grünliberalen. Die Zahlen sind im Vergleich zu 2015 imposant – Grüne 10,5 (plus 4,8) Prozent, Grünliberale 7,3 (plus 2,4) Prozent Wähleranteil.

Bange Momente muss die SP überstehen – bevor die Städte Wil und St.Gallen ausgezählt sind, ist der zweite SP-Sitz bös am Wanken. Am Ende bleiben der Partei Sitzverluste erspart, gegen den nationalen Trend. Die Erleichterung ist hörbar – aber auch Enttäuschung, zum Beispiel beim Toggenburger SP-Kantonsrat Martin Sailer, der als «Kulturminister» nach Bern wollte. Ein dritter Sitz sei das Ziel gewesen, und diesen dritten Sitz habe er für sich erhofft, sagt Sailer und freut sich wenigstens über die starke Resonanz im Toggenburg: In Wildhaus-Alt St.Johann hätten fast 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihm die Stimme gegeben.

Jubel für Linksgrün

National nicht weniger als 26 Sitze (gemäss Hochrechnung vom Abend) zusätzlich für Grüne und Grünliberale: Das ist für Schweizer Verhältnisse ein mittleres Erdbeben. «Es war tatsächlich eine Klimawahl», wird die neue Nationalrätin Franziska Ryser später beim Wahlfest in der Zeughausgasse sagen.

Im Kanton St.Gallen allerdings haben die beiden Klimaparteien «nur» die Kräfteverhältnisse von vor vier Jahren wieder herstellen können, als Grüne und Grünliberale je ihren Sitz verloren haben. Aber im Pfalzkeller ist an diesem Nachmittag nicht Realismus, sondern Euphorie angesagt. Als nach langem Warten die provisorischen Resultate verkündet werden, braust bei jedem Namen von linksgrün Jubel auf wie bei einem Fussballgoal: bei Thomas Brunner (glp), Franziska Ryser (Grüne), Barbara Gysi und Claudia Friedl (SP). Heftig beklatscht wird auch Susanne Vinzenz-Stauffacher, die den FDP-Sitz rettet.

Eher diskreten Applaus bekommen dagegen der bisherige FDP-Vertreter Marcel Dobler und die verbleibenden CVPler Nicolo Paganini und Markus Ritter. Und fast unhörbar sind die Publikumsreaktionen bei den vier SVP-Nationalräten Lukas Reimann, Mike Egger, Roland Rino Büchel und der neugewählten Esther Friedli. Der Pfalzkeller ist an diesem Sonntag, wie die Restschweiz auch, fest in linksgrüner Hand. So fest, dass bereits vor der Verkündigung der Endergebnisse das Bier ausgeht.

Linker und weiblicher

Im Zentrum des Blitzlichtgewitters: Franziska Ryser, neu gewählte Nationalrätin der Grünen und mit 29 Jahren eine der Jüngsten im künftigen Parlament. Im Rennen um den Ständerat erzielt sie mehr als ein Achtungsresultat, im Nationalrat triumphiert sie am Ende mit gut 2000 Stimmen Vorsprung auf Parteikollegin Yvonne Gilli. Etwa 50:50 habe sie mit einem Erfolg gerechnet – entsprechend riesig sei die Freude. Ein erstes politisches Ziel in Bern könnte der Klimagipfel sein, den ihre Partei anstrebt, sagt sie.

Was einer der vielen Gratulanten, SP-Fraktionsschef Dani Kehl, bedauert: Im St.Galler Stadtparlament werde man Franziska Ryser vermissen. Diese beruhigt: Bei den jungen Grünen habe es ausgezeichnete Nachfolgerinnen oder Nachfolger. Auf die kommenden Wahlgänge in Kanton (im März) und Stadt (im Herbst 2020) blickt auch SP-Stadtparteipräsident Peter Olibet voraus: Traditionsgemäss schneide Linksgrün bei nationalen Urnengängen weniger stark ab als bei kantonalen und kommunalen. Die jetzt erzielten Wahlanteile in der Stadt St.Gallen (SP 24 Prozent, Grüne 17 Prozent) machten Hoffnung, im Herbst 2020 vielleicht sogar die 50-Prozent-Marke «kratzen» zu können.

Das Fazit, wo man hinhört: die St.Galler Nationalratsdelegation ist linker und weiblicher geworden.

Der Ständerat hingegen bleibt Männersache. Es kommt zwar zu einem zweiten Wahlgang, aber die Verhältnisse scheinen klar: Die Bisherigen Beni Würth (CVP) und Paul Rechsteiner (SP) sind nur knapp unter dem absoluten Mehr geblieben. Rechsteiner sieht dennoch keinen Grund, sich zurückzulehnen: Ein SP-Sitz im Ständerat sei nie gesichert, es brauche für den zweiten Wahlgang nochmal allen Einsatz. Allerdings: Bei den letzten Wahlen 2011 und 2015 habe der jeweilige SVP-Gegner (damals Toni Brunner beziehungsweise Thomas Müller) im zweiten Wahlgang stets schlechter abgeschnitten als im ersten.

Ein wasserdichtes Wahlgeschenk

Vor dem Wahlfest-Lokal warten die Grünen auf ihre neue Nationalrätin. Als sie nach dem Interviewmarathon erscheint, empfängt sie minutenlanger Applaus. Franziska Ryser bedankt sich mit ihrer «ersten Rede als Nationalrätin», wie jemand im Hintergrund sagt, aus dem Stegreif. Das grandiose Resultat der Grünen fordere auch die anderen Parteien auf, die Klima- und die Gleichstellungsfrage ernster zu nehmen als bisher. Die öffentliche Konjunktur dieser Themen habe sicher zum Wahlresultat beigetragen – aber entscheidend sei auch der Einsatz aller gewesen, der engagierte Wahlkampf aller, die «wahnsinnige Energie», welche die Partei mobilisiert habe. Und die es weiterhin brauche. Denn: Die Klimapolitik fange erst jetzt so richtig an – «ich freue mich darauf».

Kritischer sieht das St.Galler Ergebnis Parteikollege Patrick Ziltener, der Rang drei auf der Liste der Grünen erzielt hat. Im Kanton dominiere trotz Verlusten die SVP weiterhin in beinah «hegemonialer» Manier – und niemand könne plausibel sagen, was der Grund für diese massive Dominanz sei. Überhaupt sei das Wahlverhalten ein blinder Fleck: Wer warum wie wählt, sei hierzulande kaum erforscht. Und angesichts der massiven Stimmenzahlen der SVP-Nationalräte Reimann, Egger, Büchel, Friedli & Co. frage er sich, bei aller Freude über den Sitzgewinn seiner Partei: «In welchem Land lebe ich?»

Für Neu-Nationalrätin Ryser ist derweil gesorgt: Ihre Partei hat ihr zum Wahlsieg einen Aare-Rucksack geschenkt. Wasserdicht und Bern-erprobt.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler