, 21. Februar 2019
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Watch-Life-Balance

Geständnis Nummer 8 aus unserem Februarheft zum Thema #guiltypleasures: Es gibt nichts Schöneres als Netflixen in Trainerhosen. von Nadja Keusch

Früher war alles besser, heisst es. Stimmt nicht, sage ich. Denn früher, als Netflix & Co. noch nicht existierten, musste ich mir genau merken, bei welcher Folge der Serie, die ich gerade gesuchtet habe, ich stehen geblieben war. Früher war es zwar kostenlos, werden die Kulturpessimisten einwerfen. Mag sein. Aber früher schauten wir die Serie auch in einer miserablen Qualität. Gratis ist nicht zwingend besser.

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich mir einen Netflix-Account angelegt habe. Paradiesisch.
Es gibt für mich kein schöneres Vergnügen, als gefesselt von einer Serie zu sein und nicht eine Woche oder länger abwarten zu müssen, bis ich die nächste Folge schauen kann. Entsprechend mühsam ist es, wenn ganze Arbeitstage dazwischenliegen.

Ich war schon immer ein Filmnerd, achte auf Details, auf die andere nicht unbedingt achten. Welche Kameraeinstellung wurde gewählt und warum? Welcher Charakter 
ist wie gezeichnet und warum? Doch bei manchen Filmen kommen gewisse Charaktere zu wenig zur Geltung. Fast
 nur bei Serien lernt man die Protagonistinnen richtig kennen, man freundet sich mit ihnen an oder beginnt sie zu hassen. Ich habe also länger als 90 Minuten Zeit, mir ein Bild zu machen.

Bevor ich mit einer neuen Serie beginne, suche ich zuerst die Kritiken dazu heraus. Bin ich interessiert, gebe ich der Serie eine Chance von drei Folgen. Gefällt mir eine Serie, kann es sehr gut vorkommen, dass ich mich nicht zu meiner normalen Bünzlizeit, sondern erst um Mitternacht schlafen lege. Fesseln mich die ersten drei Folgen überhaupt nicht, setze ich die Serie ab. Meistens. Es gibt auch solche, die mir den Ärmel nicht reinziehen, denen ich aber trotzdem eine Chance gebe. Das sind dann Lückenfüller. Ja, ich habe Serien um die Zeit zwischen den Serien zu füllen.

Ich erwähne meine Binge-Watching-Allüren nur selten unter Leuten. Es fällt vielleicht dann auf, wenn mich andere fragen, ob ich diese oder jene Serie schon gesehen habe und ich bei allen Vorschlägen mit «scho gseh» antworte. Leider wird man dann schnell als langweilige, faule und teilweise soziophobe Person abgestempelt.

Manchmal passiert es mir, dass ich die Freitag- und Samstagabende nicht mehr auf der Strasse verbringe, sondern eine ganze Staffel irgendwas schaue. Oder dass ich
 zu einem Essen eingeladen bin, aber das Netflixen in Trainerhosen bevorzuge und deswegen die Einladung ausschlage. Date mit mir selber. Für mich gibt es nämlich nichts Erholsameres, als zu Hause in meinen Lacoste-Trainerhosen und
 mit einem Glas Rotwein einen Ego-Abend zu geniessen.

Gefährlich, so finde ich, wird es nur dann, wenn man sein soziales Umfeld dadurch vernachlässigt. Bisher habe ich meine Watch-Life-Balance gut im Griff. Ausserdem kann der Sozialaspekt von Binge-Watching ja auch darin bestehen, dass man verschiedene Serien mit Freunden bespricht. Früher gab es Bookclubs, heute gibt es Serienclubs.

Nadja Keusch, 1994, arbeitet im Büro und beschäftigt sich in ihrer Freizeit gerne mit gesellschaftlichen Niedergängen. Sie lebt in St.Gallen. Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

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