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Waters is flowing

Ausnahmepianist Peter Waters, vor einem Jahrzehnt nach Sardinien weggezogen, ist für ein paar Konzerte zurück in der Ostschweiz.
Von  Peter Surber
Peter Waters (Bild: pd)

Über Musik zu reden zwingt dazu, Sprachbilder für das Wortlose zu finden. Hier stellt sich die Metapher für einmal fast von selber ein: der Vergleich mit Wasser. Erst tropfend, dann sprudelnd, urplötzlich wasserfallartig, überschwemmend, mitreissend, zwischendrin fast versiegend… Die Phrygian Gates von John Adams, 1977/78 komponiert, passen in ihrer meditativen, repetitiven und virtuosen Art zu Peter Waters.

Der St.Galler Pianist spielt den rund 20minütigen Klangtrip, eines der Zentralwerke der Minimal Music, in einer Studioaufnahme (zu finden auf YouTube). Und dies mit einer Leichtigkeit, die auch den Komponisten selber überzeugte: «Peter Waters kann die grossen Momente mit unausweichlicher Energie liefern, aber nicht weniger beeindruckend ist sein Sinn für die zarten Farben und differenzierten Klangbilder.»

Waters selber sagt zu dem Stück, das er als seinen «Liebling» bezeichnet, es sei ein Exerzitium des Atmens. «Das ist die Essenz für mich: ein musikalisches Werk ins Leben zu ‹atmen›.» Dafür sei die Erfahrung der chinesischen Bewegungslehre Tai Chi, die Waters seit Jahrzehnten praktiziert, entscheidend: Sie mache ihn «frei und leer genug, um die Musik aus sich selber spielen und wie Wasser fliessen zu lassen. Nur Wasser kann all diese Millionen von Noten spielen…».

Waters is flowing: Das ist auch der Übertitel über eines der drei Konzerte, die Peter Waters im November in seiner alten Heimat gibt. Der aus Australien stammende Pianist, in den 1970ern nach St.Gallen gekommen, lebt und arbeitet seit rund zehn Jahren auf Sardinien, unterrichtet dort am Konservatorium in Cagliari Jazzimprovisation. Und wird jetzt von einer Gruppe von Freunden für den Zyklus zurückgeholt: Peter Waters is back.

Grenzgänger zwischen zwei Existenzen

Ganz weg war er allerdings nicht. Peter Roth, der Toggenburger Chorleiter und Komponist, hat mit Waters zum Gallusjubiläum 2012 in der Kathedrale das Requiem von Gabriel Fauré aufgeführt, in Arrangements von Waters für Chor, Solisten und Jazzquintett. Der Auslöser, ihn dafür anzufragen, sei Waters‘ CD mit dem Treya Quartett gewesen: Fauré, interpretiert von einem illustren Jazzquartett mit dem Trompeter Paolo Fresu, dem Bassisten Tony Overwater, dem Drummer Gilbert Paeffgen und Waters am Klavier. Peter Roth hat seinerseits eine vieljährige «Liebesgeschichte» mit Faurés Requiem – und fand jetzt in Waters einen Musiker, mit dem auf Anhieb die Akkorde stimmten. Das Gemeinschaftswerk erklang bis heute rund ein Dutzend Mal unter den Titeln Libera me und In Paradisum.

Er nehme das Wort nicht leichtfertig in den Mund, sagt Peter Roth, aber: Waters habe etwas Geniales, ein Pianist mit unanfechtbarem Handwerk, einem Anschlag, der weich und bestimmt zugleich sei, in der Klassik wie im Jazz heimisch. Und begabt mit Charisma. Das habe sich damals bei der Probe mit dem Chor zum Fauré-Projekt vom ersten Ton an, einem einfachen D, gezeigt. Wie Waters diesen Ton spielte…: «Mit seiner aussergewöhnlichen Musikalität und Präsenz nimmt er Chorsängerinnen und -sänger mit auf eine Reise, auf der sie über die eigenen Grenzen hinauswachsen.»

«Was mich an ihm fasziniert, und das ist vielleicht auch sein Problem: Er geht mit der Musik quasi in einen anderen Raum», sagt Peter Roth. «Er ist völlig offen. Das macht die Musik grandios – und das Zurückkommen schwierig.» Auch so ein Thema, über das sich nicht leicht Worte finden lassen. Peter Roth spricht von den «zwei Existenzen» des Peter Waters, die sich schlecht vereinen liessen: die musikalische, «universale», und die praktische mit ihren menschlichen und materiellen Anforderungen.

Dass Waters heute in Sardinien lebt, hing nicht zuletzt mit Trompeter Paolo Fresu zusammen, der von dort stammt. In Sardinien, sagt Waters heute, seien die musikalischen Bedingungen vielfältig: Auftrittsorte, gute Musikerkollegen, ein «Jazz Country» mit diversen Festivals, allerdings weniger Experimentiergeist als auf dem Kontinent – insgesamt: «The musical conditions are excellent… the financial conditions less excellent…».

Der unwiederholbare Moment

Auf die Konzerte «back in der Ostschweiz» freut sich Waters, denn das Appenzellerland, wo er die Hälfte seines Lebens verbracht habe, sei «one of my two eyes». Waters spielte bereits letzte Woche ein halbstündiges Mittags-Rezital in der Laurenzenkirche, ein Soloprogramm im Schloss Wartegg sowie ein Konzert in der Kirche Stein AR zusammen mit dem Trompeter Michael Neff folgen dieses Wochenende. Mit Neff hat Waters 2007 die bei amiata emozioni erschienene CD Songs from the Present eingespielt.

Encounter Waters/Neff: Samstag, 21. November, 20 Uhr, Kirche Stein AR
Waters is flowing: Sonntag, 22. November, 17 Uhr, Schloss Wartegg Rorschacherberg

Waters zum Geist der Improvisation, der den Kern des Jazz-Moments ausmacht: «Michael hat eine unnachahmliche Fähigkeit, in einer simplen Balladenmelodie neue Räume aufzutun mit unerwarteten, aufregenden Wendungen. Er sucht nicht nach diesen Noten oder Phrasen, sie kommen vielmehr zu ihm, so wie es unmöglich ist, Momente wie diese in der Musik ‹produzieren› zu wollen oder auch zu wiederholen. Sie passieren einfach…».

Das «Backwaters»Programm, wie es die organisierende Gruppe scherzhaft nennt, lässt erneut auf solche unwiederholbaren Momente hoffen.

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