Was haben wir da nicht alles gesehen und erlebt in den letzten Jahren! Von Nils Peter Molvaer über Dilated Peoples bis Jack Stoiker war fast alles dabei, was ein musikaffines Herz begehrt. Zwei Highlights der letzten zehn Jahre: Parov Stelar und Agnes Obel. Der Electroswinger spielte 2010 im Museumsinnenhof, die Singer-Songwriterin und Pianistin 2012. Heute muss man schon einen ganz ordentlichen Batzen in die Hand nehmen, wenn man die beiden buchen will.
Vorletztes Jahr soll es sogar passiert sein, dass eine Mischung von Musikern und Gästen noch zusammen in die Weihern gejuckt ist nach dem Zapfenstreich. Ob es dieses Jahr, an der 12. Ausgabe des Festivals, wieder zu solchen Klassenfahrten kommt, wird sich zeigen. Kandidaten dafür gäbe es jedenfalls auch dieses Jahr. Ich denke dabei zu Beispiel an die «linksradikale Hass-Band» Antilopen Gang (5. Juli).
Das sind nicht unsere Worte, sondern die von wochenblick.at. Dort echauffierte man sich darüber, dass die drei Rapper im Juni am von der Stadt geförderten Bubbledays-Festival in Linz auftreten sollen (9. und 10 Juni). Die Stadt dürfe Extremismus keine Bühne geben, forderte die FPÖ.
Die Antilopen. (Bild: Robert Eikelpoth)
Um das klar zu stellen: Koljah, Panik Panzer und Danger Dan sind keinesfalls extrem. Höchstens extrem konsequent in ihrer Haltung. Die Antilopen haben etwas gegen Fremdenfeinde und Faschos und das ist auch gut so. Und sie machen Tracks mit Namen wie Beate Tschäpe hört U2 und Punkrock-Kollaborationen mit Titeln wie Atombombe auf Deutschland, doch wenn man genau hinhört, versteckt sich dahinter jede Menge Gesellschaftskritik, Tiefe und schräger Humor. Wir sind jedenfalls gespannt, wie ihr aktuelles Album Anarchie und Alltag live tönt.
Kulturfestival 2017: 4. bis 22. Juli, Innenhof des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen
Wesentlich ruhiger dürfte es bei Wallis Bird zu und her gehen (18. Juli). Als die irische Musikerin 2015 nur mit ihrer Gitarre auf der Kulturfestival-Bühne stand, rollte buchstäblich eine Gänsehaut-Welle übers Publikum. Ebenfalls auf der zarten Seite – für technoide Verhältnisse jedenfalls – ist Pantha du Prince (8. Juli). Er bringt melancholisch-verträumte Gegenwartselektronika in den Museumsinnenhof. Gerne auch mit Glocken, so dass man sich manchmal in einer Eishöhle wähnt. Dazu passt auch der wunderbare Pyrit, der an diesem Abend ebenfalls auf der Bühne sein wird.
Wers lieber heiss mag, dürfte mit Mbongwana Star gut bedient sein (4. Juli, die Tour wurde wegen Visa-Problemen leider abgesagt). 2015 waren sie an der «Kilbi im Fall» im Palace zu Gast und legten einen wahrlich schweisstreibenden Gig hin. «Herrlich, wie diese Band aus Kinshasa technoides Bassgrollen, treibenden Post-Punk, Strassen- und Elektro-Geschepper und flatternde Gesänge zu einem Gebilde auftürmt, das sich von Track zu Track umbaut», schrieb Johannes Stieger damals über das siebenköpfige Nachfolgeprojekt von Staff Benda Bilili.
Und wenn wir gerade beim Palace sind: Wer A-WA im Oktober 2015 dort verpasst hat und auf sehr tanzbare jemenitisch-jüdische Sound-Mischungen steht, sollte sich die drei Schwestern unbedingt geben (11. Juli). Oder Acid Arab (21. Juli). Vor drei Jahren im Palace haben wir uns die Füsse wund getanzt.
A-WA. (Bild: pd)
Lokalhelden und – einige wenige – Heldinnen sind natürlich auch dieses Jahr wieder dabei. Acid Arab haben Missue im Schlepptau, Faber das Pirmin Baumgartner Orchester (12. Juli), Judith Holofernes Panda Lux (22. Juli), Sona Jobarteh Royal Riot (15. Juli) und Newton Faulkner wird von Marius Bär samt Band unterstützt (13. Juli).
Und wie letztes Jahr Knöppel, darf auch dieses Jahr ein Ostschweizer Act seine Platte auf der Kufe-Bühne taufen: der St.Galler Musiker Marc Frischknecht und sein Projekt Yes, I’m Very Tired Now (6. Juli). Dessen neues Album ist im Mai erschienen und heisst Wait – mag im ersten Moment recht poppig klingen, hallt aber länger nach als gedacht. Mit dabei am Release: Grande Dame Natasha Waters aus St.Gallen und Crimer, der früher Batman hiess, ursprünglich aus Balgach kommt und gerade am Schweizer Pop-Himmel aufgeht. Wer schon mal einen Vorgeschmack will, kann Crimer am Openair St.Gallen vor der Startrampe seine Aufwartung machen.
Wir sagens ja schon seit Jahren: In die Ferien kann man auch noch im Herbst, wenn die Stadt wieder voll ist.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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