, 28. Oktober 2012
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Lambchop im Palace: Aura, Ruhe, Intensität

Ein Mann betritt eine Bühne, die Gespräche im Raum verstummen sofort, alle wenden sich zu ihm. Im Grunde genommen eine absurde Situation, die in der Medien- und Kulturtheorie immer öfter kopfschüttelnd hinterfragt wird. Man kennt das aus der Unterhaltungsbranche, wo Menschenhüllen gefüllt werden mit Inhalt, designt von grossen Firmen, gemäss dem, was der Masse gefällt. Oder: Was ihr gefallen wird, sobald die millionenschweren […]

Ein Mann betritt eine Bühne, die Gespräche im Raum verstummen sofort, alle wenden sich zu ihm. Im Grunde genommen eine absurde Situation, die in der Medien- und Kulturtheorie immer öfter kopfschüttelnd hinterfragt wird. Man kennt das aus der Unterhaltungsbranche, wo Menschenhüllen gefüllt werden mit Inhalt, designt von grossen Firmen, gemäss dem, was der Masse gefällt. Oder: Was ihr gefallen wird, sobald die millionenschweren Marketingstrategien in Taten umgewandelt werden.

Jene Bühnenkunst, bei der der oberste Hemdknopf auch offen bleiben darf – die Rede ist vom «Rock Business» – war schon immer Tummelplatz für solche, die dem grossen Geld auf der Spur waren. Labels, Promotoren und Manager riechen den Braten schon von Weitem, kaufen ihn roh, garen ihn im eigenen Ofen, würzen gerne nach und verkaufen mit viel Profit.

Umso schöner ist es, wenn jemand  vor dem Vorhang erscheint und das Publikum schlagartig still wird, just wegen der natürlichen Erscheinung, der Aura, der Geschichte. Man könnte hier schreiben von alten einflussreichen Grössen, Dylan, Bowie oder Ferry, oder zeitgenössischen, so David Berman, Mark E. Smith, etc. Aber es geht um Kurt Wagner, den Gitarristen, Sänger und Kopf der Gruppe Lambchop, die am Samstagabend im ausverkauften Palace das erste ihrer zwei Schweizer Konzerte dieser Tour gab. Olivbraune Stoffhosen und ein weisses Hemd, unter dem ab und zu ein schwarzer Sweater hervorlugt, dazu die obligate Baseball-Mütze; ein kurzes begrüssendes Lächeln, eine Geste des Wiedersehens (Wagner war schon mal solo im Palace) – dann nimmt er auf seinem Hocker rechts der Bühne für gut eineinhalb Stunden Platz.

Es ist kurz vor 22 Uhr. Ein surrender Orgelakkord durchbricht die typische Samstagabend-Geräuschekulisse. Die fünfköpfige Begleitband, darunter auch Musiker, die schon mit Silver Jews oder Bright Eyes auf Tour waren, ist bereit. «This is the kind of day you never wake up from» sind die ersten Zeilen von Wagner, begleitet von den sanft, nur knapp hörbar angespielten Saiten seiner Gitarre. Die Musik kommt so ruhig aus den Lautsprechern wie wahrscheinlich noch nie bei einem Konzert im Palace, und doch ist Wagners Stimme unglaublich fest hier, als sässe man in einem kleinen Akustik-Kämmerchen direkt neben ihm. Jedes Schlucken zwischen den Zeilen ist hörbar – ein Husten aus dem Publikum wird vom Mikrofon aufgenommen, durch den Delay-Kanal gewurstelt und von den Boxen wieder in den Saal zurück gespielt.

Grösser könnte die Konzentration im Raum kaum sein. Das Nicht-Aufwachen, von dem der 55-Jährige zu Beginn der Show sang, stand wohl bewusst am Anfang: Man ist entweder im Kinosessel oder in Gedanken vor der Bühne in die weichen, warmen Sounds versunken. Niemand sagt ein Wort oder wagt den Gang zur Bar, man hört nur zu. Die Wettersituation verstärkt die Konzentration nach innen noch, das Pubklikum scheint vom Blizzard optimal gestimmt für Lambchop. Wagner und seine Gruppe mit Gitarre, Bass, Klarinette, Trompete, Klavier, Schlagzeug usw. führen fast durchs ganze Album «Mr. M», welches dieses Jahr erschienen ist.

«Ich verstehe nicht, was es bringt, immer die gleichen ‚Hits‘ zu spielen, nur weil die halt erwartet werden von einigen Leuten an den Konzerten», sagte Wagner mal in einem Interview. Frühere Werke – Wagner hat nebst elf Alben auch zahllose Tour-Alben, Singles, B-Seiten veröffentlicht – spielt die Gruppe aus Tennessee erst in der zweiten Hälfte ihres Auftritts.

Wobei musikalisch stets dieser leicht soulige, alternative Country Stil vorherrscht, egal wie die einzelnen älteren Stücke nun auf Platte original klingen. «Psycho Sinatra» nennt Mastermind Kurt Wagner diesen Stil. Sinatra ist wohl etwas hoch gegriffen, die Ansätze stimmen allerdings. Zeitweise wirkt das Konzert im Palace auch wie eine gut durchdachte musikalische Abendunterhaltung, bei der es nicht schlecht wäre, wenn noch mehr Kinosessel oder Stühle verfügbar wären. So trocken wie die Abmischung des Sounds sind auch die gut gemeinten Spässchen, die vor allem der Mann am Konzertflügel zwei, drei Mal zwischen den Liedern bringt.

Foto: Timo Posselt

So kann auch nicht kritisiert werden, was auf der Bühne gespielt wurde. Auch wenn das Palace-Publikum wohl kein solches ist, das aufs fehlerfreie Spiel der einzelnen Musiker Wert legt, sei kurz gesagt, dass eben wirklich fehlerfrei gespielt wird. Die Aufmachung wirkt professionell, es gibt auch, eher unüblich fürs Palace, einen Monitor-Mischer auf der Bühne. Viel wichtiger zu erwähnen ist aber die Dynamik, die immer wieder entsteht innerhalb der Band. Meistens schon nach wenigen Sekunden. Sie ist entscheidend für die Intensität, die trotz der Ruhe immerzu da ist.

Die Ruhe – sie herrscht bis kurz vor Schluss des Auftritts. Das letzte Stück, es muss «Up With People» vom 2008er-Album «Nixon» sein, blüht dann nach den alten Rock-Regeln auf: Der Schlagzeuger tauscht erstmals seine Jazzpinsel gegen normale Schlagzeugstöcke, die Trompete wird immer lauter, die Röhrenverstärker übertreffen erstmals die Zimmertemperatur und die ersten Reihen tanzen. Doch dann – man will sich ja nicht selber verleugnen – ists auch schon wieder vorbei, eines der grossen Konzerte in dieser noch jungen Palace-Saison.

Verweise:
Homepage Lambchop

Homepage Palace St. Gallen
Kurt Wagner Interview im Guardian (2012)

Fotos:
raumsinn | dani fels
2 Handyfoto Marco Kamber
3 Timo Posselt

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