Auftritte im Fernsehen haben zwei Vorteile. Vorteil Nummer eins: Man kann allen erzählen, man habe einen Auftritt im Fernsehen. Vorteil Nummer zwei: Jemand schminkt dich. Unabhängig davon, ob du Nationalrätin bist oder Gemeinderat; ob du scheisse aussiehst oder wie Ellen DeGeneres; ob du schon drei Schichten Make-Up drauf hast oder Mascara für eine Ska-Band hältst. Nein, alle werden geschminkt vor TV-Auftritten.
Während ich dann also so da sitze – sie nennen es «in der Maske» –, würde ich gerne darüber nachdenken. Wie wir plötzlich alle gleich sind, wenn eine Fachperson an unseren Visagen rumpinselt. Wie Gender plötzlich zu dem wird, was es ist: ein lustiges Konstrukt, das man selbst bemalen kann. Eine Art hügelige Leinwand.
Die Frage «Magst du die Brauen betont haben?» ist genderneutral. Die Antwort «Wie zur Hölle betont man Brauen?» ebenfalls. Jeder Dude muss da ebenfalls rein, ebenfalls in die Maske, weil Fernsehbildschirme wirklich, wirklich nach mehreren Schichten Foundation schreien. Aus dem TV-Studio rauslaufend, sieht man aus wie eine hautfarbige Torte.
Anna Rosenwasser, illustriert von Lukas Schneeberger.
Das ist ja eigentlich schon komisch: So viele Menschen sagen, sie bevorzugten den «natürlichen Look» bei Frauen (und ganz viele äussern das völlig ungefragt). Sie meinen damit aber oft einen Look, der mega nicht natürlich ist. Sorgfältig aufgetragenes Make-Up; geschickt subtiles Contouring, also diese Gesichts-Schattier-Kunst; Mascara in feinem Braun; teurer Nude-Lippenstift. Dann alle so: woooow, so natürlich!
Erscheint dieselbe Frau ungeschminkt, ists plötzlich nicht mehr natürlich. Sondern komisch. Alles okay mit dir? Bist du krank? Etwas müde heute? – Fragt mal jene Frauen in eurem Umfeld, die sich gern schminken, ob ihnen das bekannt vorkommt. Spoiler: Es kommt ihnen bekannt vor.
An all das würde ich gerne denken, während ich in der Maske sitze, weil ich ja politisch und feministisch und cool bin. Stattdessen denke ich nur: So schön. Wie unglaublich schön. Eine Person, die extra dafür angestellt ist, Menschen schön anzumalen, pinselt in meiner Visage rum mit einem megafeinen Pinsel, minutenlang, und ich kann einfach dasitzen und mir überlegen, ob ich lieber Ferrarirot oder Weinrot auf meinen Lippen hätte. Was ich dann
aber nicht selbst auftragen muss. Weil die jahrelang ausgebildete Feinmotorik dieser Magierin das übernimmt. Wie. Geil. Sind. Fernsehauftritte.
Dann lud mich letztens ein Zürcher Regionalsender zu einer Live-Sendung ein, und ich freute mich den ganzen Tag, weilwegen Maske, und ich schminkte mich mega fest nicht, weilwegen Maske, und ich spazierte heiter vorfreudig an den Bahnhof Bern, weilwegen Maske.
Dann verpasste ich meinen Zug. Zwischen Ankommen und Live-Sendung blieben mir fünf Minuten. Jede Minute Anpinseln, jedes Milligramm Mascara, jedes Pickel-Abdecken war verpasst. Vor mir stand ein rechtskonservativer Jungpolitiker, seine feinen Stoppeln ebenmässig mit Foundation abgedeckt, und ich und meine Erwachsenenakne standen live da und sahen aus.
«Hässlich und ekelerregend», schrieb mir einer dieser anonymen alten Männer, die immer dann mailen, wenn junge Frauen öffentlich für etwas einstehen.
Ich dachte mir: Mein Gott, wenns nur das ist.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.