, 29. September 2016
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Weine um uns, Argentinien

«Torturada» heisst die Installation, die der Komponist Alfons Karl Zwicker im Oktober in St.Gallen zeigt. Zur Vorgeschichte gehört Zwickers Oper «Der Tod und das Mädchen». Librettist Daniel Fuchs berichtet von der Spurensuche im Schatten des Terrors.

Die «Torturada» ist begehbar. (Bild: Daniel Fuchs)

Vor 40 Jahren putschte in Argentinien das Militär und enthob Isabel Perón ihres Amtes. Eine Militärjunta unter Oberbefehlshaber Jorge Rafael Videla knebelte das Land bis 1983 mit Staatsterror.

Die Generäle inszenierten sich als Retter der Nation: «Es müssen so viele Menschen wie nötig in Argentinien sterben, damit das Land wieder sicher ist», verkündete Videla nach der Machtübernahme. Massenverhaftungen, Folter und die Methode des «Verschwindenlassens» gehörten zum Alltag. In den sieben Jahren ermordeten die Militärs ca. 30’000 Menschen.

Ausstellung Kunst-Geschichten mit Werken von Alfons K. Zwicker und anderen: bis 13. November, Museum im Lagerhaus St.Gallen

Ende der 80er-Jahre fand ich in Ribaux’s Antiquariat in St.Gallen einen Roman aus Argentinien mit dem Titel Morgen ist ein anderer Tag, verfasst von Rubén Gallucci. An diesen Roman erinnerte ich mich zu Beginn der Arbeit am Opernlibretto von Der Tod und das Mädchen und konnte Komponist Alfons Karl Zwicker damals ein weiteres Exemplar zuspielen.2003 überraschte Alfons Karl mich damit, dass es zu einem Treffen mit Rubén Gallucci komme. Er hatte Rubén über Amnesty international suchen lassen. Es stellte sich heraus, dass der Gesuchte am Institut für systematische Botanik an der ETH arbeitet.

An dieses erste Treffen erinnert sich Alfons Karl scharf: «Es fand am 11. Dezember 2003 in der ‹Oepfelchammer› Zürich statt. Dort hielt Rubén einen separierten Tisch reserviert.» Er habe gesagt, es falle ihm heute besonders schwer zu sprechen, da es sich um den Jahrestag seiner damaligen Entführung durch das Militär handle. «Auffällig ist das viele Schweigen gewesen», erzählt Alfons Karl. Immer wieder Schweigen. Lange Pausen.

Erinnerungen im Ohr

Alfons Karl und ich beschliessen, in die vierte Szene unserer Oper Der Tod und das Mädchen ein «Fenster», basierend auf Rubéns Text, einzufügen. In Alfons Karls Werknotizen zur Oper findet sich am 13. Juli 2005 der Vermerk: «4. Szene: Verhör-Methoden in die Paulina- Arie hineingewoben. Dieses Verhör – mit Foltersequenzen – um den Gefangenen zum Reden zu bringen, endet mit dessen Tod. Die härteste Szene der Oper. Weiter kann man nicht gehen. Danach erfolgt die Rückkehr nach innen. Reduktion und Sprachlosigkeit».

Rubén besucht Ende 2011 in St.Gallen eine Aufführung der Oper am Theater St.Gallen und ist offenbar nachhaltig beeindruckt.

In konsequenter Weiterführung komponiert Alfons Karl drei Instrumentalstücke mit dem Titel Erinnerungen im Ohr, die im Dezember 2012 in der Lokremise St.Gallen uraufgeführt werden. In der Komposition verarbeitet er Teile aus Rubéns Roman Morgen ist ein anderer Tag. Nach eigenen Worten sind die Erinnerungen im Ohr ein «Konglomerat von auditiven Traumata». So steht, stellvertretend über dem Mittelstück Der Irre: «Ich höre die Schreie des Irren. Die Musik wird aufgedreht. Das Halleluja von Händel. Der Messias. Der Irre. Händel. Der Messias. Der Irre. Halleluja. Halleluja. Der Irre. Saukerl. Die Tür geht auf. Die Musik platzt in den Raum.» Die Komposition ist Rubén Gallucci gewidmet.

Rubén, der Film

Die Regisseurin Eva Danzl realisiert 2014 den Film Rubén – Fragmente aus dem Exil. Ein Film über ein Exilleben in der Schweiz, das bleibende Trauma der Folter und den lebenslangen Kampf für Gerechtigkeit.

Film Rubén – Fragmente aus dem Exil: 1. Oktober, 20 Uhr, Kultbau St.Gallen

Lesungen: 7., 14. und 21. Oktober, 19.30 Uhr, Keller der Rose St.Gallen

Entstanden ist ein erstaunlich stiller, fast poetischer Film. Mit unaufgeregter Kameraführung begleitet die Regisseurin ihren «Hauptakteur» in seinem Alltag, bei der Arbeit, mit Freunden. Ein Dokumentarfilm mit vielen Zwischentönen. Rubén reist im Sommer 2015 nach über 20 Exiljahren in der Schweiz nach Argentinien zurück. Ein Heimatloser, der hier wie dort um und für das Überleben kämpft – und für das «Nicht-Vergessen».

Torturada

Mit der dreiteiligen Installation Torturada, die in Zusammenhang und im Nachklang der Oper Der Tod und das Mädchen entworfen wurde, setzt Alfons Karl Zwicker ein weiteres Zeichen in der Auseinandersetzung mit der Thematik von Opfern und Tätern, die seit Jahren sein kompositorisches Werk mitbestimmt.

Torturada – Installation zur Oper: bis 23. Oktober, Keller der Rose St.Gallen, Vernissage: 30. September, 19.30 Uhr

Torturada ist eine begehbare Installation, die den Betrachter zu Nähe und Konfrontation auffordert.Mit dem Keller der Rose sei der ideale Raum gefunden, um nun eine definitive Version zu präsentieren, vermutet er. Ein zellenartiger Raum mit zerrissenen Stoffbahnen, eine neun Meter lange Namensliste von «Desaparecidos» und Instrumental-Installationen sollen den Betrachter zu einem geschichtlichen Gedächtnis hinführen.

In seinen jüngsten Emails berichtet Rubén von «chaotischen Zuständen» in Argentinien, doch spricht aus ihnen auch die Hoffnung, endlich Ruhe zum Schreiben in einer neuen Form von Texten zu finden.

Dieser Beitrag ist auch im Oktoberheft von Saiten zu finden.

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