, 21. Januar 2017
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Weiss draussen und Gips drinnen

Raus in den Schnee – und dann rein in die Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell: «Schnee schaufeln» nennt Christian Hörler seine dortige Ausstellung. Ein sorgfältiger Arbeitsprozess eint das winterliche und Hörlers künstlerisches Tun.

 «… Draussen war das trübe Nichts, die Welt in grauweisser Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer Überlast, schüttelte stäubendes Weiss ins Grau. (…) alles blieb in geisterhafter Zartheit und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte nachvollziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten, verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose…»

Thomas Mann, Der Zauberberg, 1924

Der Schnee verhüllt, verunklärt und verwandelt. Grenzen sind aufgelöst, natürliche und gebaute Formen getilgt im gleissenden Winter. Christian Hörler setzt dem grossen Weiss die Facetten seiner Arbeit entgegen. Das grosse Panoramafenster der Kunsthalle Ziegelhütte verbindet zwei Welten. Draussen die unwillkürliche Anhäufung der weissen Masse, drinnen fein abgestimmte, präzise herausgearbeitete Farb- und Formuntersuchungen.

Im grossen Saal der Kunsthalle zwei Stelen wie Stalakmiten, dazwischen Kalk auf dem Boden, eine Lehmplastik. Der dunkle Boden umrahmt das Weiss des Kalks, dringt hindurch. Anders herum auf der Wand: Hier bricht das Weiss durch die per Kartoffeldruck aufgetragene schwarze Farbe. Das helle Eschenholz der Stelen wiederum wird durch blendend weisse Sockel gefasst. Die handgeformten Kugeln der Plastik sind nicht schneeballweiss, sondern lehmgrau.

Eigenleben des Materials

Christian Hörler, Jahrgang 1982, in Innerrhoden aufgewachsen und in Wald AR wohnhaft, beweist grosses Gespür für das Material und seine Eigenschaften. Er formt sie, ohne zu überformen; er lotet das Potential aufs Genaueste aus. Der Ausstellungsraum dient ihm dabei als Rahmen und Mitspieler.

Auch im ersten Obergeschoss bleibt der Raum nicht unangetastet. Gips ist an die makellose glatte Wandfläche geklatscht, schon dies ein eindrucksvoller formaler Kontrast. Diese Gipsklumpen fransen aus, stülpen sich in den Raum. Immer die gleiche Menge Gips, immer anders gelandet, zerdrückt, aufgetürmt. Das Material wird nicht gezwungen, sondern entfaltet ein Eigenleben.

Bis 19. März 2017
Dienstag bis Samstag, 14 bis 17 Uhr, Sonntag 11 bis 17 Uhr
kunsthalleziegelhuette.ch

Auf einige der Klumpen hat Hörler klar umrissene Gipsformen gedrückt. Das Material bleibt das gleiche, aber es übernimmt eine neue Funktion. Es ist Werk und ist auch Träger des Werkes – eine Idee, die Christian Hörler in seinen Plastiken weiterführt: Wann wird eine Form zum Sockel? Wie unterscheiden sich Sockel und Plastik? Kann ein Sockel gleichzeitig auch Plastik sein? Es sind die kleinen, feinen Unterschiede, die Hörler untersucht, die Verhältnismässigkeiten und Verbindungen. Sie sind in besonders verdichteter und anschaulicher Form im zweiten Obergeschoss präsentiert.

Form vs. formlos

Dick liegt hier der Schnee auf dem schrägen Glasdach. Zuweilen rutscht er ab und ballt sich zu Haufen. Grünlich schimmert er durch das Glas. Die Aufmerksamkeit für diese Details ist geweckt durch Hörlers Werke und ihre bedeutungsvollen Details. Der Künstler vertraut in die Kraft einer sich verästelnden Linie, einer Farbwolke und zarter Farbübergänge.

Oft genug strebt die Malerei heute nach dem Grossen, kommt inhaltsschwer und formal überladen daher. Christian Hörler geht nicht hinter die gegenwärtige Bildsprache zurück, sondern leistet sich ein unbeeindrucktes Neuanfangen. Seine Bilder sind keine Behauptungen, tragen keinen Endgültigkeitsanspruch, sondern sie sind Stadien des Arbeitens und Denkens. Formen werden nicht erfunden, sondern sie ergeben sich oder eben nicht. Manchmal gerinnen sie unerwartet, dann wieder werden sie mit einer Bleistiftlinie angedeutet oder entstehen durch eine formatfüllende Fläche, einen Abdruck eines Objektes.

Das Unprätentiöse wird durch die gesamte Präsentation unterstrichen. Die Wände sind tapeziert mit Packpapier, die Blätter sind lose darauf geheftet. Durch die dunkle Tönung rücken die Wände optisch zusammen, es entsteht der Eindruck einer Klause, eines Denk- und Werklabors, in dem erstaunlich viele Farben klingen. Der Begriff «bunt» drängt sich nicht auf, ist doch die Grundstimmung verhalten. Aber es ist wie im Schnee, je länger der Blick verweilt, desto vielfältiger sind die Nuancen.

Christian Hörler lässt den Farben ebenso Raum und Eigenleben wie den Materialien. Er erzwingt nichts, alles entfaltet sich leise, aber umso kraftvoller in dieser gelungenen Ausstellung.

 

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