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Ausstellungsansicht mit Blick auf die Viktoria Binschtok Digital Semiotics. (Bild: pd/Fotomuseum Winterthur)

Ausstellungsansicht mit Blick auf die Viktoria Binschtok Digital Semiotics. (Bild: pd/Fotomuseum Winterthur)

Memes, Emojis, Deepfakes – im Netz zieht uns die Bilderflut in ihren Bann. Auch die neue Ausstellung «The Lure of the Image» im neu eröffneten Fotomuseum Winterthur verführt. Aber der schöne Schein trügt: Zur Kunst gibts das eigene Unbehagen gleich mit dazu.

Was zeigt dir dein Al­go­rith­mus? Blu­men, Kat­zen, Son­nen­un­ter­gän­ge? Ein Papst-Deepf­ake? Oder doch eher Me­mes, «Cur­sed Images», pa­ra­nor­ma­le Low-Res-Vi­de­os? Das sagt dir al­les gar nichts? Die Aus­stel­lung «The Lu­re of the Image – Wie Bil­der im Netz ver­lo­cken», seit dem 17. Mai im frisch wie­der­eröff­ne­ten Fo­to­mu­se­um Win­ter­thur zu se­hen, packt dich ver­mut­lich trotz­dem. Denn schon das Mu­se­um selbst wirkt wie ein Ver­spre­chen: war­me Braun­tö­ne, viel Glas, ein ver­spie­gel­tes Vor­dach, ei­ne Ram­pe, die nie­man­den aus­schliesst.

In der ers­ten Aus­stel­lung nach dem Um­bau geht es um ei­ne Welt, die wir al­le be­reits ken­nen: den di­gi­ta­len Raum. Wir wi­schen, scrol­len, schau­en. Und mer­ken kaum mehr, was wir da ei­gent­lich se­hen und tun. Oder war­um. Oder was da­von über­haupt echt ist. Ge­zeigt wer­den 14 künst­le­ri­sche Po­si­tio­nen, spie­le­risch, aber zu­gäng­lich in­sze­niert. Kei­ne QR-Codes, kei­ne App. Das Smart­phone darf in der Ta­sche blei­ben. Was hier auf den Wän­den hängt oder flim­mert, ist oh­ne­hin et­wa das, was wir täg­lich auf dem Dis­play se­hen. Nur jetzt ist es eben Kunst – oder die Re­fle­xi­on ei­nes kul­tu­rel­len Kon­troll­ver­lus­tes.

Ernst­haf­te Emo­jis

Mit­ten­drin im Aus­stel­lungs­the­ma ist man aber schon von An­fang an: In Sa­ra Cwy­nars Vi­deo­es­say Scroll 1 fla­ckern Bil­der aus Wer­bung, Kunst, Trash, Nach­rich­ten in End­los­schlau­fe. Der Ef­fekt ist hyp­no­tisch. Und ver­stö­rend. Ir­gend­wann weiss man nicht mehr, was man sieht, nur, dass man nicht auf­hö­ren kann zu schau­en. Das kennt man viel­leicht. Vom ei­ge­nen Bild­schirm. Die Ar­beit von Vik­to­ria Binschtok Di­gi­tal Se­mio­tics da­ge­gen ist ein se­ri­el­les Still­le­ben: Emo­jis fo­to­gra­fisch um­ge­setzt. 

Auf den ers­ten Blick scheint das fast ba­nal. Doch Binschtok nimmt die bun­ten Mo­ti­ve ernst und ver­deut­licht, dass die­se Ein­fach­heit täuscht. Die Be­deu­tung selbst ent­steht nicht im Mo­tiv, son­dern erst durch die Les­art. Und die ist kul­tu­rell ge­prägt, po­li­tisch und vor al­lem ei­nes: per­sön­lich. Man­che Emo­jis be­deu­ten So­li­da­ri­tät, an­de­re Kri­tik, wie­der an­de­re um­ge­hen Zen­sur. Was be­deu­tet das Was­ser­me­lo­nen-Emo­ji? Was die Trau­be? Wer weiss, ver­steht. Wer nicht, bleibt draus­sen.

Wäh­rend die Emo­jis bei­na­he ver­spielt da­her­kom­men, wird es bei Jon Raf­man düs­ter. In sei­ner drei­tei­li­gen Vi­deo­in­stal­la­ti­on Eg­re­go­re I, II, III glei­tet man hin­ab in ei­ne alb­traum­haf­te Welt aus «cur­sed images». Das sind je­ne Bil­der, die sich dem halb­wegs ge­sun­den Men­schen­ver­stand ent­zie­hen. Bil­der von ver­zerr­ten Kör­pern, ver­stör­ten Tie­ren, di­gi­ta­le Glit­ches und all dem, was man ir­gend­wie halt doch se­hen will.

Um die­ses Phä­no­men zu be­schrei­ben, greift Raf­mann auf den Be­griff «Eg­re­gor» zu­rück. Ge­meint ist da­mit ei­ne Art Kol­lek­tiv­be­wusst­sein, das aus Ängs­ten und Ob­ses­sio­nen ge­formt wird. Raf­mans Eg­re­gor ist das In­ter­net. Und das ist hier de­fi­ni­tiv kein schö­ner Ort. Trotz­dem kann man nicht weg­schau­en, ist ab­ge­stos­sen und gleich­zei­tig fas­zi­niert. Schämt sich ein biss­chen, weil man das ei­ne oder an­de­re Bild be­reits kennt.

Son­nen­un­ter­gangs­bil­der

Den Ab­schluss der Aus­stel­lung macht Zoé Au­brys Ar­beit #In­grid. Still. Schmerz­haft. Zu se­hen sind schö­ne Bil­der: Blu­men, Kat­zen, Son­nen­un­ter­gän­ge. Doch sie er­zäh­len von Ge­walt. 2020 wur­de die Me­xi­ka­ne­rin In­grid Es­ca­mil­la von ih­rem Part­ner bru­tal er­mor­det. Ein Fe­mi­zid. Die Me­di­en zeig­ten voy­eu­ris­tisch ih­ren ver­stüm­mel­ten Kör­per auf Ti­tel­sei­ten, schrie­ben von ei­nem «Mord aus Lei­den­schaft».

Bilder, die sich unter dem #IngridEscamillaVargas versammeln ((Bild: pd/Fotomuseum Winterthur)

Bilder, die sich unter dem #IngridEscamillaVargas versammeln ((Bild: pd/Fotomuseum Winterthur)

Da­ge­gen for­mier­te sich di­gi­ta­ler Pro­test: Un­ter dem Hash­tag «In­gri­dEs­ca­mil­la­Var­gas» pos­te­ten Men­schen schö­ne Bil­der. Nicht, um die Tat zu ver­drän­gen, son­dern um ei­ne vi­su­el­le Ge­gen­öf­fent­lich­keit zu er­schaf­fen, die eben nicht das Op­fer zeigt, son­dern des­sen Wür­de ver­tei­digt. Au­bry hat die­se Bil­der ge­sam­melt und dar­aus ei­ne In­stal­la­ti­on ge­macht. Sie fragt: Wer hat die Macht, zu zei­gen? Und was wird ge­zeigt? 

Wie un­ser ei­ge­ner di­gi­ta­ler Raum aus­sieht, weiss nie­mand aus­ser uns. Was uns lockt, bleibt nor­ma­ler­wei­se in der schein­bar ver­trau­li­chen Be­zie­hung zwi­schen uns und dem Smart­phone. Die Aus­stel­lung «The Lu­re of the Image – Wie Bil­der im Netz ver­lo­cken» bricht mit die­ser In­ti­mi­tät. Hier sind wir nicht mehr al­lein.

Die an­de­ren se­hen, was wir se­hen, und mit ih­rer Ge­gen­wart kommt das Un­be­ha­gen. Un­ser Blick ist nicht mehr pri­vat, son­dern öf­fent­lich. Die Bla­se platzt. Im Aus­stel­lungs­raum ent­steht ei­ne Art kol­lek­ti­ves In­ne­hal­ten. Ein Kor­rek­tiv, das in der ver­meint­li­chen An­ony­mi­tät des Net­zes fehlt. Die Aus­stel­lung ist ent­lar­vend: Dem «Lu­re of Image» ver­fal­len wir nicht nur we­gen di­gi­ta­len Fil­tern und Al­go­rith­men, es pas­siert auch re­al, im Fo­to­mu­se­um Win­ter­thur.

«The Lu­re of the Image – Wie Bil­der im Netz ver­lo­cken», bis 12. Ok­to­ber, diens­tags bis frei­tags 11 bis 20 Uhr, sams­tags und sonn­tags 11 bis 18 Uhr, Fo­to­mu­se­um Win­ter­thur.

Mit Ar­bei­ten von: Zoé Au­bry, Sa­ra Be­zo­všek, Vik­to­ria Binschtok, Sa­ra Cwy­nar, Éa­monn Freel x Lyn­ski, Di­na Kel­ber­man, Mi­cha­el Man­di­berg, Joi­ri Mi­na­ya, Si­mo­ne C Ni­quil­le, Jon Raf­man, Jen­ny Ro­va, Hi­to Stey­erl, Nou­ra Taf­e­che und El­lie Wyatt.

fo­to­mu­se­um.ch

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