Istanbul ist ein 17-Millionen-Moloch, in dem jeden Tag Dramen des Alltags passieren. Der Episodenfilm Köpek (türkisch für Hund) erzählt drei solche Dramen und begleitet dabei deren Hauptdarsteller vom Morgen bis zum Abend durch die Stadt. Da ist die Transsexuelle Ebru, die sich prostituieren muss, um über die Runden zu kommen. Oder der zehnjährige Cemo: Er schwänzt die Schule, um auf der Strasse Taschentücher zu verkaufen und so Geld für seinen Vater, einen arbeitslosen Säufer, zu beschaffen. Und schliesslich Hayat, die in einer Ehe mit einem brutalen Kontrollfreak gefangen ist. Und in einer Art Mini-Drama auch der Namensgeber des Films: ein hilfloser Welpe, dessen Mutter jämmerlich auf den Strassen Istanbuls gestorben ist.
Der türkischen Regisseurin Esen Isik, die seit 1990 in der Schweiz lebt, geht es in der Summe um mehr als diese Einzelschicksale. Man kann Köpek nur als harsche Kritik an einem gesellschaftlichen und politischen System verstehen, in dem vieles nach dem Gesetz des Stärkeren abläuft: Frauen, Arme, Homosexuelle und herrenlose Hunde kommen dabei unter die Räder. Letztere sogar im wahrsten Sinn des Wortes.
Im Brautkleid ermordet
Inspiriert zum Drehbuch wurde Esen Isik vom Schicksal der italienischen Künstlerin Pippa Bacca. Diese wollte 2008 per Autostopp von Rom nach Palästina reisen, um für den Frieden zu demonstrieren. Auf diesem Trip trug Bacca ein Brautkleid. Dieses sollte den Schmutz der Strasse sammeln und am Ziel in einer Performance symbolisch gewaschen werden. Doch dazu kam es nicht: Unweit von Istanbul wurde Bacca von einem Autofahrer, der sie mitgenommen hatte, vergewaltigt und erwürgt. «Das hat mich schockiert und bewegt», sagte Esen Isik an einem Podiumsgespräch am diesjährigen Zürcher Filmfestival.
Der Trailer zum Film:
Aus der ursprünglichen Idee, die Geschichte von Bacca zu rekonstruieren, wurde dann ein Film über Gewalt an Frauen und Schwachen. An die junge Frau Bacca wird in einer Szene erinnert: Am Hafen sieht der Taschentuchverkäufer Cemo einer Strassenmusikerin zu, die in ein weisses, wallendes Kleid gehüllt ist und von Sehnsucht singt. Für Cemo, der nur Armut und die Strasse kennt, wirkt die Frau wie ein Engel.In solchen poetischen Szenen flackert in Köpek immer wieder Hoffnung auf – nur damit die Geschichte kurz darauf wieder die nächste üble Wendung nehmen kann.
Widerstand in der Türkei
Sehnsucht ist es auch, die die Protagonisten antreibt: Ebru hatte eine Affäre mit einem Apotheker, der sich nun aber mit einer Frau verlobt hat und mit Ebru nicht mehr reden will, aus Angst, sein gesellschaftliches Ansehen zu verlieren. Der aus den Slums stammende Cemo hat sich in ein Mädchen verliebt, das er jeden Tag beobachtet, wenn es aus einer Reichensiedlung tritt und in den Schulbus steigt. Aber wenn er sich ihr nähert, wird er vom Wachmann, der vor der Siedlung steht, gnadenlos verjagt. Und Hayat bekommt unerwartet Besuch von ihrem ersten Verlobten, ihrer eigentlichen Lebensliebe. Gefangen in ihrer brutalen Ehe kann sie sich ihm aber nicht öffnen, es kommt zum Abschied für immer.
Wer solche Filme dreht, stösst in der konservativ regierten Türkei nicht auf offene Türen: Esen Isik erzählt, Drehgenehmigungen seien äussert schwierig zu bekommen und teuer gewesen.
«Ärgere deinen Mann nicht»
Denn die Behörden kommen in Köpek nicht gut weg. Weil Hayats Ehemann gemerkt hat, dass sie sich mit einem anderen Mann getroffen hat, schleppt er sie zur gemeinsamen Wohnung und droht ihr, er werde sie dort «fertigmachen». Zwei Polizisten beobachten die Szene und nehmen den Ehemann kurz ins Gebet. Dann sagt einer von ihnen zu Hayat: «Geh mit deinem Mann mit, er wird dir nichts tun. Ärgere ihn nicht mehr.» Zuhause angekommen beginnt ein stundenlanges Verhör, das darin gipfelt, dass Hayat in ihrem Blut auf dem Sofa liegt.
Premiere am Freitag, 11. Dezember, 19 Uhr im Kinok in Anwesenheit der Regisseurin Esen Isik.
Ein Happy-End gibt es in keiner der drei Episoden: Am Ende gehen die Darsteller auf die eine oder andere Weise kaputt. Das schmerzt den Zuschauer, der sich schnell mit den sympathischen Underdogs Cemo, Ebru und Hayat identifiziert, rüttelt aber auch gnadenlos wach.
Dieser Text erschien im Dezemberheft von Saiten.
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