Pflanzen sind dynamisch. Pflanzen wuchern. Pflanzen siedeln auch dort, wo sie nicht sollen. Sie halten sich nicht an Wegraine, Beete oder Grenzen. Kaum werden betonierte Flächen sich selbst überlassen, sind die Pflanzen wieder da. Sie wurzeln in kleinsten Spalten, brechen Asphalt auf und passen sich sogar erhöhter Radioaktivität an.
Pflanzen können viel und sind für Menschen und Tiere unerlässlich. Trotzdem werden Pflanzen vernichtet, manipuliert und instrumentalisiert. Pflanzenethik ist zwar durchaus ein Forschungsthema, aber breit etabliert hat es sich bisher nicht. Wer also gibt den Pflanzen eine Stimme?
Geprägt vom anthropozentrischen Blick
Das Kunstmuseum Liechtenstein ruft kurzerhand das «Parlament der Pflanzen» aus. Wie also sähe die Welt aus, wenn die Pflanzen demokratisch organisiert wären? Sicherlich nicht wie die Ausstellung in Vaduz. Nur an wenigen Stellen grünt es; sich selbst überlassen sind die Pflanzen an keiner Stelle, stattdessen gibt es sogar Schnittblumen – kaum eine erstrebenswerte Pflanzenexistenz. Aber ein Museum ist weder ein Botanischer Garten noch ein Dschungel. Die Ausstellung versucht auf anderen Wegen, den Pflanzen zu ihrem Recht zu verhelfen oder wenigstens ein neues Bewusstsein für sie zu wecken.
Pflanzen sind seit Jahrhunderten ein wichtiges künstlerisches Motiv. Aber ihre Darstellung war stets von einem anthropozentrischen Blick geprägt: Die Lilie wurde zum Zeichen der Reinheit erkoren, Rosen stehen seit dem Altertum für die Liebe, Eichen gelten nicht nur im Christentum als heiliger Baum.
Inzwischen sind neue Zuschreibungen entstanden. So grüsst bereits im Foyer des Kunstmuseum Lichtenstein ein roter Nelkenstrauss die Eintretenden – das Symbol der Nelkenrevolution 1974 in Portugal. Weitere Sträusse im Obergeschoss erinnern an die Rosenrevolution, die Tulpenrevolution, die Jasminrevolution. Die russische Künstlerin Anna Jermolaewa versammelt die Blumen der sogenannten Farbrevolutionen in unterschiedlichen Vasen: die unschuldige Pflanze als Sinnbild des friedlichen Aufstandes, aber leider als Schnittblume gekappt, nicht länger lebensfähig.
Das Parlament der Pflanzen: bis 17. Januar, Kunstmuseum Lichtenstein
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Ursprünglicher sind die Gewächse auf den gleich daneben hängenden Fotografien von Isabella Hollauf. Die Österreicherin hat die Barrandovské terasy nahe Prag aufgenommen. Diese Hotel- und Freizeitanlage ist seit Jahrzehnten sich selbst überlassen. Längst haben die Pflanzen selbst die unwahrscheinlichsten Winkel zurückerobert. Doch so poetisch die Bilder sind, einmal mehr dominiert sie der menschliche Blick.
Einen anderen Zugang hat Jochen Lempert. Der Fotograf und Biologe nimmt sich selbst zurück und überlässt den Pflanzen das Feld. Langes Beobachten, geduldiges Warten und sein geschulter Blick führen zu Bildern wie jenem einer explodierenden Brennesselblüte: Wenn es trocken und warm genug ist, platzt sie auf, Blütenstaub schiesst in die Luft und wird vom Wind davongetragen. Ein kleines Wölkchen voller Energie und Lebenskraft – im richtigen Augenblick von der Kamera festgehalten.
Pflanzen als Akteurinnen der Geschichte
So manches aus dem Leben der Pflanzen wirkt auf Menschen geradezu unheimlich. Carl von Linné beispielsweise entwickelte seine einflussreiche Pflanzenklassifikation basierend auf den Geschlechtsorganen von Blüten, weswegen Moralisten die Botanik als ungeeignetes Betätigungsfeld für Frauen empfanden. Aber bei den Moosen funktionierte Linnés System nicht, deren Fortpflanzung ist für das Auge nicht sichtbar.
Gerade deshalb interessiert sich die Künstlerin Andrea Büttner dafür: «Im Zuge ihrer Charakterisierung wurden Moose stets mit den Themen Minderwertigkeit, Erniedrigung und Bewertung in Verbindung gebracht.» Büttner fotografiert die Schönheit der Moose, lässt sie im Museum einen Stein bewachsen und zeigt, dass Anspruchslosigkeit eine Stärke sein kann.
Den meisten Eigenwert, die grösste Initiative traut Uriel Orlow den Pflanzen zu. Der Künstler versteht Pflanzen als Akteurinnen der Geschichte und zeichnet beispielsweise die Migration von Blumen oder Heilpflanzen nach. Immer wieder arbeitet er die starke Verschränkung von Europa und Afrika heraus.
Learning from Artemisia thematisiert die Malariaprophylaxe durch Beifuss. Da die Weltgesundheitsorganisation das Gewächs nicht offiziell als Medizin anerkennt, ist es unter dem Druck global agierender Pharmakonzerne, dennoch lassen seine Heilkraft und der Einsatz der Einheimischen hoffen.
Uriel Orlow geht den Spuren des Kolonialismus nach, braucht aber weder Erklärungen noch Ermahnungen. Seine Installationen und Filme sind bildgewaltig und eindrucksvoll. Solche Erzähler braucht die Welt der Pflanzen!
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
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Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
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Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
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