Das Schicksal brachte die mexikanische Malerin zu ihrer Kunst. Am Samstag hatte das Tanzstück «Frida Kahlo» von Philipp Egli am Theater St. Gallen Premiere. Stefan Späti war beeindruckt.
Von Anfang an ist sie da. In Form einer leuchtenden Röhre hängt sie senkrecht von der Decke der noch leeren Bühne und markiert Präsenz als eine der Hauptdarstellerinnen: die Eisenstange, die sich der 18-jährigen Frida Kahlo bei einem Busunglück durch das Becken bohrt und sie für Monate unter höllischen Schmerzen ans Bett fesselt.
Noch ist sie selber nicht zu sehen, Zaida Ballesteros Parejo als Frida Kahlo, lediglich zu hören: Von Gitarrenklängen begleitet erklingt ihr «Gracias a la vida» von der Seitenbühne, während Sebastian Gibas auf der Bühne als raupenhaft robbender und rollender Sprecher ihre göttliche Aura beschwört. Mehr die Stimme als der Tanz bestimmt die ersten Minuten der Künstlerinnen-Biographie. Dann taucht sie auf, die junge Kahlo. Ganz Schulmädchen, unbeschwert flirtend, verträumt suchend, die Gitarre in der Hand.
Der Tod triumphiert
Sie bringt die Bewegung mit sich. Die Tänzerinnen und Tänzer formieren sich in Gruppen, lösen sich wieder auf, formieren sich neu. Die Choreographie von Philipp Egli entwickelt Temperament. Mit Sprüngen, Drehungen, zwischen Balancieren und Fallen fordern sich die Tanzenden gegenseitig heraus und zelebrieren eine unbeschwerte Jugend. Schliesslich mutet das Geschehen auf der Bühne wie ein Popkonzert an: Ballesteros Parejo steht am Mikrofon und singt den «One Day/Reckoning Song» von Asaf Avidan («One day, baby, we’ll be old…»). Weit weg scheint dieses angekündigte Alter zu sein.
David Schwindling als Tod mit schwarzem Hut und einer Gesichtshälfte zum Skelett geschminkt ignoriert jedoch die Aufforderung, das Leben im Hier und Jetzt auszukosten. Noch bewegt er sich im Hintergrund, eilig hat er es nicht. Doch das Motorengeräusch, das den Bus symbolisiert, schwillt immer mehr an, setzt sich über die Musik hinweg. Sechs Leuchtstangen senken sich über die Köpfe der Tanzenden. Dann der Crash. Der Tod hangelt sich triumphierend an der Stange hoch, Kahlos Schicksal ist besiegelt.
Spätestens hier wird klar: Ein grobes Wissen um das Leben von Frida Kahlo ist für das Verständnis des Stückes hilfreich. Fortan werden Stationen aus ihrem Leben gezeigt. Die mühevolle Rekonvaleszenz, die Leidenschaft, die sie mit dem Künstler Diego Rivera verbindet, ihr Engagement in der kommunistischen Partei, ihre Bisexualität. Und mittendrin die Stange als kontrollierendes Requisit, das Ballesteros Parejo in der Bewegung einschränkt und sie nach versuchtem Ausbrechen wieder auf ihren Platz verweist. Wiederholt lässt Philipp Egli die Tänzerinnen und Tänzer als Alter Ego die Gefühle von Kahlo durchleben. So müssen sie mit zusammengeklebten Beinen balancieren oder verzweifeln an ihrer Stelle an der Untreue Riveras.
Störender Slapstick
Dazwischen hemmen kurze, unvermittelte Grimassen-Slapstick-Einlagen den Fluss des Stückes. So betritt nach einem Trio zwischen Kahlo, Rivera und Stange ein keifendes Paar die Bühne. Sie will nicht, er schon, sie wird schwanger, bis schliesslich die Geburt des Kindes in Form eines Kissens wieder Harmonie bringt. «That’s not funny», schreit Kahlo, die selbst keine Kinder bekommen konnte. Und sie hat Recht. Funny ist der kurze Klamauk nicht. Möglicherweise als Auflockerung der schweren Kost gedacht, wirkt er deplatziert und reisst aus dem choreographischen Ablauf heraus.
Philipp Egli ist kurzfristig für den erkrankten St. Galler Tanzchef Marco Santi eingesprungen. Er stand vor vollendeten Tatsachen: «Das Stück war bereits bestimmt, ich musste mich an die Vorgaben halten. Das Thema hätte ich von mir aus nie gewählt.» Das anfängliche Misstrauen schwand nach wenigen Probentagen: «Ich entdeckte, wie spannend diese Frau ist. Eigentlich hat mir Santi eine Riesenfreude gemacht, indem er mir ein Stück auferlegt hat, zu dem ich wohl nicht den Mut gehabt hätte.» Produktiv sei die Zusammenarbeit mit Bühnenbildner Guido Petzold und Sounddesigner Roderik Vanderstraeten gewesen.
Den Einsatz von Farben, die für Frida Kahlos Werk so charakteristisch sind, sucht man in der Inszenierung weitgehend vergebens. Mit Absicht, sagt Egli: «Ich habe bewusst auf zu viel mexikanische Folklore verzichtet. Mich interessierte die Dramatik der Geschichte, nicht die Tatsache, dass Kahlo Mexikanerin war.»
Im festen Griff der Eisenstange
Davon, dass die Produktion vor wenigen Wochen noch an einem seidenen Faden hing, ist an der Premiere nichts zu merken. Die Tänzer leisten ganze Arbeit. Eglis Bewegungssprache strotzt vor Energie, mutet zuweilen beinahe wild an. Da wird gefallen, aufgesprungen, gerollt, gedreht und wieder gefallen. Ausholende, schwungvolle Bewegungen werden von hektischen, abgehackten Elementen unterbrochen.
Zaida Ballesteros Parejo hat die schwierige Aufgabe, ein Stück zu tragen, in dem sie über weite Strecken buchstäblich selbst getragen, gehoben und bewegt wird. Die Eisenstange hat sie als ständige Begleiterin fest im Griff und lässt nicht viel tänzerische Aktion zu. Trotzdem überzeugt die Spanierin. Ihre Darstellung ist stark, ihre Ausstrahlung authentisch und anrührend. Hilfreich ist sicherlich, dass sie der echten Frida Kahlo erstaunlich ähnlich sieht. Robert Przybyl als «Fettwanst» Rivera spart mit Emotionen, bietet tänzerisch jedoch einen starken Gegenpart in den Duetten der beiden.
Das kommt insbesondere im letzten gemeinsamen Auftritt zum Ausdruck. Kahlo ist geschwächt, knickt ein, kämpft um ihr Leben. Die Qualität der Choreographie zeigt sich hier im Zusammenspiel zwischen scheinbarer Kraftlosigkeit und der Stärke und Kontrolle, die es braucht, um genau diese Kraftlosigkeit tänzerisch zu vermitteln. David Schwindling überzeugt als fies grinsender Tod, der mit elastischen Bewegungen und kühler Gelassenheit das Geschehen kontrolliert.
Lieber heute leben als morgen
Das Ende naht. Eine schwarz gekleidete Kahlo setzt sich mit den Affären ihres Partners Rivera auseinander. Dazu wird eine akustische Brücke zum Beginn des Stückes geschlagen: Tänzerin Emma Skyllbäck zitiert den Text der deutschen Poetry-Slammerin Julia Engelmann, der auf dem Song von Asaf Avidan basiert: «Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können…». Er habe es einfach passend gefunden, begründet Philipp Egli die Wahl des Textes, der sich in den letzten Wochen lawinenartig im Internet verbreitet hat. «Wir schreien auf zeitgenössische Art heraus, was Frida Kahlo vor 50 Jahren auch ungefähr so hätte sagen können.»
Höhepunkt des Stückes ist der starke Schluss, der in seiner Ruhe und Schlichtheit berührt. Auf der Bühne bleiben lediglich Zaida Ballesteros Parejo und eine Statistin als ihr folkloristisch rot gekleidetes Ebenbild. Die leuchtende Stange aus dem Prolog sucht sich unaufhaltsam ihren Weg nach unten, drückt die echte Kahlo buchstäblich in den Boden, bis sie in der Versenkung verschwindet.
Ihr Bildnis jedoch bleibt auf der Bühne, unsterblich, ganz in rot, ganz Erinnerung an ein turbulentes Leben und eindrückliches Schaffen.
Bilder: Theater St.Gallen/Andreas J.Etter
Weitere Vorstellungen: 26., 28. Februar, 16., 19., 25. März, 12. April und 17. Mai.
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