Als jüngstes von acht Kindern kam Beatrice Häfliger 1959 in Reinach im Aargauer Wynental zur Welt. Der armen Familie und dem stockkatholischen Umfeld zum Trotz studierte sie Philosophie und Soziologie. Im Zusammenleben mit Peter Angst entstand ein intensiver intellektueller Austausch. Ihr vor zwei Jahren verstorbener Lebenspartner war eine durch und durch literarische Existenz. Er stammte ebenfalls aus einer vielköpfigen Familie, jedoch aus dem Zürcher Bildungsbürgertum, arbeitete unter anderem als Journalist und übernahm schliesslich Lehrerstellvertretungen. Beatrice Häfliger dagegen fand zum künstlerischen Schaffen in der Bildhauerei.
Mit dem Schreiben begibt sich Beatrice Häfliger hinter die Mauer des Vergessens zur Kindheit. (Bild: Wolfgang Steiger)
In den 1990er-Jahren zog das Paar in ein abgeschiedenes, altes Bauernhaus im Neckertal, wo Beatrice Häfliger noch heute wohnt. Peter Angsts Haiku Prosa, aber auch autobiographische Texte kamen kurz vor seinem Tod zum Teil in Buchform heraus (nachzulesen in Saiten, Juni 2018).
Unter dem Auge Gottes
Beim Schreiben an Das Mädchen mit dem Pagenschnitt ging Beatrice Häfliger zuerst mit dem Zeichenstift auf Spurensuche. Bleistiftzeichnungen zu ihren Erinnerungen vom Reinach im Wynental der 60er-Jahre entstanden. Der Prozess des Zeichnens regte in der Folge einen literarischen Textfluss voller atmosphärischer Dichte an. Diese zarten Zeichnungen sind im Buch leider zu klein reproduziert, sodass sie sich beim Betrachten nur schlecht entfalten können.
Im Gespräch mit Saiten erzählt die Autorin von der erstaunlichen Wirkung, die dieses zeichnerische Vorgehen mitunter erzeugte: Die Romanprotagonistin, die kleine Eva, muss im Religionsunterricht eine Viertelstunde lang nachsitzen, weil sie zu spät gekommen ist. Ausserdem bezichtigen sie die Schulkameraden als Schlampe, weil sie mit Marcel Händchen hielt. Der Pfarrer zeichnet ein Dreieck mit einem Auge darin auf die Wandtafel und zwingt Eva, auf ein Lineal zu knien.
Als Beatrice Häfliger an dieser Szene zeichnete, rutschte die Hand des Pfarrers – wie sie es auch immer anging – unter das Pult. Jetzt erst merkte sie, dass sich der Pfarrer, während sich das kleine Mädchen abquälte, selbstbefriedigte.
Mythos Familie
Es sind die motivischen Linien in Das Mädchen mit dem Pagenschnitt, die als verbindende Elemente aus dem Text mehr als nur eine Aneinanderreihung von Anekdoten, sondern einen Entwicklungsroman machen. So kommt das Auge noch an weiteren Schlüsselstellen vor. Der Hund Rexli wird wegen der Unachtsamkeit Evas von einem Auto überfahren. Sie sucht den Nachbarn auf, der ihren Hundefreund häutet und ausnimmt, um ihn zu braten. Dieser bewirft Eva mit Schlachtabfällen, zu ihrem Schrecken rollt der Augapfel Rexlis auf dem Boden auf sie zu. An einer anderen Stelle sind es die Augen der Fische, die der Vater aus dem Weiher zieht und vor seiner Tochter totschlägt. Das kleine Mädchen erkennt das unangebrachte Verhalten der Erwachsenen gegenüber den Kindern und macht sich auf eine Odyssee durch den Wald, ins Moor und auf den Friedhof.
Beatrice Häfliger: Das Mädchen mit dem Pagenschnitt, Wolfbach Verlag Münchenstein 2019, Fr. 25.90.
Lesung: 27. Februar, 20 Uhr, Keller zur Rose, St.Gallen.
Film: Zeitloser Augenblick, Film über Peter Angst von Miklos Gimes, Beatrice Häfliger, Martin Woker, Sergio Mantovani: 7. März, 20 Uhr, Barackenkino Flawil.
Das Mädchen mit dem Pagenschnitt beschreibt beispielhaft die Kindheit der Babyboomer-Generation, die geprägt ist durch eine permanente Überforderung ihrer Eltern. Auch der gesellschaftliche Aufstieg aus der Armut wird beleuchtet, und als wichtiges Thema lenkt das Buch den Fokus auf den untauglichen Kitt innerhalb der Familie bei der herrschenden autoritären Gesellschaftsstruktur. Beatrice Häfliger begrüsst es im Gespräch denn auch ausdrücklich, wenn heutige Jugendliche ihre Eltern für ihre Klimasünden massregeln.
Die Erzählung, wie ein eigenwilliges, kleines Mädchen als eine Art 60er-Jahre-Pendant zum Simplizissimus ihre Umwelt analysiert und ihren Weg geht, ist auf jeden Fall sehr erhellend und lesenswert.
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
Der FC St.Gallen nützt eine frühe rote Karte gegen Lugano gnadenlos aus und schickt den bisher so souveränen Leader gleich mit 5:0 nach Hause. Ein denkwürdiger Nachmittag zum Nachlesen hier im SENF-Ticker.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.