Iris Betschart ist gerade in ihr neues Atelier im Dachstock der Hauptpost gezogen. Die St.Galler Modedesignerin und Künstlerin hat Glück gehabt: Eine Bekannte hat es ihr vermittelt. Am alten Ort musste sie kurzfristig raus, weil die Stadt das Haus verkauft hatte (mehr dazu auf: saiten.ch/dann-wird-ploetzlich-von-leuchttuermen-gesprochen/). Im neuen Atelier sieht es aber so aus, als ob Iris Betschart schon immer dort arbeiten würde. Die Regale sind mit Schachteln voller Knöpfen, Bänder, Fäden und Stoffreste zugestapelt. In der Mitte des Raums stehen drei Nähmaschinen. Es gibt einen Werktisch und Kleiderstangen, an denen Einzelstücke hängen. Aus dem einzigen kleinen Fenster oben im Dach fällt etwas Licht herein.
Iris Betschart setzt in der Kochnische einen Kaffee auf. Während sie darauf wartet, dass der Dampf aus der kleinen Kanne sprudelt, sagt sie: «Mein neues Atelier liegt zwar ziemlich versteckt, meine Kunden finden mich hier aber trotzdem. Es sind immer etwa dieselben Personen, die es in meine ‹graueZone› zieht.» So nennt die 39-Jährige ihr Atelier und ihr Label, weil nie ganz klar ist, ab wann Handwerk zu Kunst wird und wo die Grenze liegt. Bei allen ihren Arbeiten steht allerdings stets der Kleider-Überfluss im Zentrum. «Würden wir Kleider aus dem Fenster werfen, würde sie niemand mitnehmen. Die Kleider würden nur stören, so gross ist der Überfluss», sagt sie.
Aktuell arbeitet Iris Betschart daher im Rahmen der «iigfädlet»-Ausstellung an ihrem Projekt «KleiderKontaktBörse». Dabei handelt es sich um Kleider, die sie personalisiert: Hemden werden mit einer Etikette versehen und dann an Orten wie Bushaltestellen ausgesetzt. Einerseits arbeitet sie an vielen solcher Einzelstücke und Projekte, andererseits flickt sie aber auch kaputte Kleider und nimmt Aufträge an. Ihren Stil bezeichnet sie als «Secondlife», weil sie mehrheitlich mit gebrauchten Dingen arbeitet. Zerrissene Hosen werden zu Rucksäcken, alte Lederjacken zu Mappen für Computerkabel und aus drei Pullovern ein Einziger. Ihr Material findet sie vor allem in Brocken- und Zeughäusern. Zurück in ihrem Atelier zerschneidet sie die alten Kleidungsstücke und näht Stoffschichten über Stoffschichten. «Es gibt so viele Kleider überall, dass sich aus ihnen leicht etwas ganz Neues zusammennähen lässt», sagt sie. An manchen dieser Einzelteile arbeitet sie über einen so langen Zeitraum, dass sie schliesslich zu einer Skulptur werden. «Dieser Prozess macht Handwerk zu einem Kunsthandwerk», sagt sie.
Ausstellung «Kleid»: 9. Juni bis 7. Juli, Eisenwerk Frauenfeld eisenwerk.ch
grauezone.ch
silk.ch
stoff-und-so.ch
Weil ihr die öffentliche Debatte um die Kleiderverschwendung wichtig ist, initiiert Iris Betschart regelmässig Projekte wie etwa die «Flickeria» im grünen Markthäuschen auf dem Marktplatz. Alle, die interessiert waren, konnten ihr dort ihre kaputten Kleider zum Flicken abgeben. Bei Aktionen wie dieser hat sie beobachtet, dass es vor allem drei Gruppen gibt, die das Angebot nutzen: Zur ersten Gruppe gehören ältere Personen, die noch handwerklich wertvolle Kleidungsstücke besitzen, die sich zu flicken lohnt. Die zweite Gruppe setzt sich aus Personen zusammen, die ein Zeichen gegen Kleiderverschwendung setzen wollen, und zur dritten Gruppe zählt Iris Betschart all jene, die hoffen, so ihr Lieblingsstück retten zu können.
Vom Abstrakten zum Handwerk
Um Lieblingsstücke und das bewusste Kleidertragen geht es auch jenen Interessierten, die den Weg ins Atelier Silk in St.Gallen finden. Katja Koller und Silvia Zwicker haben das Atelier vor drei Jahren gegründet. Das Spezielle am Konzept von Silk ist, dass die beiden Schneidermeisterinnen dort zwar Kleider und Schnittmuster entwerfen und verkaufen, die Kundinnen und Kunden diese aber selber nähen. Zehn mal zweieinhalb Stunden dauert ein Kurs. Danach geht jede mit jener Hose, jener Bluse oder jenem Mantel nach Hause, für den sie sich im Vorfeld entschieden hat. Die so angefertigten Kleidungsstücke sind Unikate, weil alle die Stoffe und Materialien selbst kaufen und mitbringen. In diesem Jahr sind bereits alle Kurse bei Silk ausgebucht. Vier neue Modelle entwerfen Katja Koller und Silvia Zwicker pro Jahr. Zu jedem gibt es eine Schnittmusterbox, die Schnitte und Nähanleitungen enthält.
Eine solche Box ist mit dem entsprechenden Kleidungsstück aktuell anlässlich der «iigfädelt-Ausstellung im Zeughaus in Teufen ausgestellt. «Viele, die zu uns ins Atelier kommen, wollen wieder etwas mit den Händen machen», sagt Silvia Zwicker. Es gehe vielen Teilnehmenden auch um die Einzigartigkeit. Katja Koller ergänzt: «Sie haben in den Geschäften nicht gefunden, was sie gesucht haben, und wollen daher etwas Eigenes nähen.»
Zunehmend mehr Personen machten sich ausserdem Gedanken darüber, dass der Grossteil der Kleider in den Geschäften nicht fair hergestellt wird. Zu diesem Bewusstsein beigetragen haben Kampagnen und jüngst Ausstellungen wie «Fast Fashion» im Textilmuseum in St.Gallen, welche die Schattenseite der globalisierten Textilwirtschaft aufzeigen (mehr dazu auf: saiten.ch/in-der-modehoelle/). Näherinnen etwa in den asiatischen Ländern müssen zu menschenunwürdigen Löhnen arbeiten; In den Färbereien kommen die Arbeiterinnen und Arbeiter mit giftigen Stoffen in Berührung, die in Europa verboten sind. Kleidung machen ist hierzulande zu etwas Abstraktem geworden. Dass es sich dabei aber auch um ein traditionelles Handwerk handelt, ist in den Hintergrund gerückt. «Vielleicht hat aus diesem Gegensatz heraus das Interesse am Selbermachen und am Handwerk wieder zugenommen», sagt Silvia Zwicker. «Gerade junge Menschen ab Mitte 20 wollen wissen und selber erfahren, wie viel Arbeit in Kleidung steckt.»
Stoffe mit Pommes, Burgern und Glace
Stoffe für selbstgenähte Kleidungsstücke findet man etwa bei «Stoff & so». Vor einem Jahr haben die beiden Besitzerinnen Mariella Huber und Sandra Naef das Geschäftslokal im Westen von St.Gallen eröffnet. Davor befand es sich in einem privaten Keller. Mittlerweile ist die Nachfrage so gross, dass die beiden sogar eine Filiale in Zürich planen. «Die meisten Bestellungen kommen zwar online rein, aber es gibt trotzdem viele Kundinnen und Kunden, die sich die Stoffe in Echt anschauen wollen», sagt Sandra Naef. Zudem fühle sich jeder Stoff anders an. Es sind hauptsächlich Frauen, die bei «Stoff & so» einkaufen. Kürzlich habe aber auch ein Mann einen Stoff für einen neuen Sofabezug ausgesucht, den er selbst nähen wollte. Im Ladenlokal ist alles nach Farbe und Material sortiert. Es gibt Regale mit Baumwoll- und Regale mit Jersey-Stoffen, die sehr beliebt bei Babykleidung sind. Daneben sind Spezialstoffe mit Glitzer und mit Skandinavischen Motiven sowie Stoffe zum Dekorieren ausgestellt.
Einige Designs haben Schülerinnen und Schüler der Talentschule Gestaltung St.Gallen entworfen. «Fast Food» heisst einer dieser Stoffe. Er ist mit Kuchen, Pommes, Burgern und Glacekugeln bedruckt. Wöchentlich bekommen Mariella Huber und Sandra Naef neue Stoffe ins Geschäft geliefert. Es gibt sogar veganes Leder, wobei es sich um ein spezielles Zellulosegemisch handelt, das sich waschen lässt. «Sachen selber zu machen, ist definitiv wieder zum Trend geworden», sagt Sandra Naef. Ein Laufmeter Stoff koste im Durchschnitt zwischen 20 und 30 Franken. «Immer mehr Personen sind bereit, dieses Geld auszugeben, obwohl es so viel fertige Billigkleidung gibt.»
Mäntel, die zum Leben erwachen
Diese Entwicklung haben die vier jungen Künstlerinnen Elea Rohner, Katia Rudnicki und Marion Täschler aus St.Gallen sowie Katherine Newton aus Basel mit ihrem Projekt «Kleid» aufgegriffen. Sie fragen: Was passiert, wenn sich unsere Kleider auf einmal um mehr als das Zehnfache vergrössern? Wie verändert sich die Wahrnehmung, wenn ein Knopfloch so gross ist wie ein Teller und man durch einen Nadelstich hindurch schauen kann? Im Kulturzentrum Eisenwerk in Frauenfeld nähen sie derzeit an drei raumhohen Mänteln. Diese werden dann als Konstruktion aufgebaut, so dass die Besucherinnen und Besucher die Innenräume der Kleidungsstücke begehen können. «Sie sollen in fremden Taschen wühlen und die Bedeutung der Kleidung als Grenze zwischen Innen- und Aussenleben erfahren können», sagt Marion Täschler. Aus diesem Grund würden die beiden Mantelseiten auch zur Projektionsfläche und bespielt. Womit bespielt, soll allerdings noch nicht verraten werden.
Während die Riesenmäntel durch die Projektionen ein eigenes Leben eingehaucht bekommen, treten die vier Künstlerinnen als Individuen hingegen ganz in den Hintergrund. Während ihrer Atelierzeit in Frauenfeld arbeiten sie zusammen, wohnen zusammen und tragen die identische Kleidung. Es handelt sich dabei um weisse Uniformen, die sich auch in der Grösse nicht voneinander unterscheiden. Würden sie am Abend auf einen Haufen geschmissen, wäre am nächsten Morgen nicht klar, wem am Vortag was gehört hat. «Dadurch lösen wir uns von unserer eigenen Identität, so dass einzig der Prozess des Kleidermachens im Mittelpunkt steht», sagt Katia Rudnicki, und Elea Rohner fügt an: «Kleidermachen ist eines jener traditionellen Handwerke, die heute an Platz und Wert verlieren.» Darin liege der Ursprung der Idee, dem Handwerk mehr Raum zu geben, als es in der alltäglichen Wahrnehmung hat.
Unterstützt werden die vier dabei von ihrer Mentorin Marion Steiner, tätig als Kostümbildnerin am Theater St.Gallen. «Sie hat uns auch darin bestärkt, dass der künstlerische und handwerkliche Arbeitsprozess genauso wichtig ist wie das Endprodukt», sagt Katherine Newton. Die Schnittmuster und Designs der Kleidungsstücke haben die vier daher nicht in einem verborgenen Atelier entworfen, sondern mitten in St.Gallen. Mit Kreide haben sie alles in Originalgrösse auf den Boden gezeichnet. Denn es gibt ja noch das altbekannte Problem: Ein bezahlbares Atelier in guter Lage zu finden, ist fast unmöglich.
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
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Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
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Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
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Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
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Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
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