, 30. April 2014
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Wertschöpfung: mässig

Das Mindestlohn-Podium im Audimax der HSG war nicht gerade das, was man als sachlich bezeichnen würde. Wenigstens wars unterhaltsam. Für ein Weilchen.

Im grossen Hörsaal der Uni St.Gallen wurde am Dienstagabend gestritten. Allerdings nicht primär über Löhne und Leben oder über den Wert von Arbeit, sondern über Ideologien und die ökonomische Kompetenz der Anwesenden. Und über Frankreich. Doch der Reihe nach.

Eingeladen hatten Vimentis und der Dialog-Club der Uni. Zu Gast waren Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) und Zürcher FDP-Mitglied, Weltwoche-Chef Roger Köppel, SP-Nationalrätin und Unternehmerin Jaqueline Badran sowie Paul Rechsteiner, oberster Gewerkschafter (SGB) und SP-Ständerat aus St.Gallen. Moderiert wurde die Runde von SRF-Moderator Urs Wiedmer.

Köppel und Bigler brachten gleich ihre eigenen Publikationen mit; am Eingangsbereich lagen Stapelweise «Weltwochen» und aktuelle Ausgaben der Gewerbezeitung. Daneben, nicht ganz so akkurat geordnet, lagen die Flyer des Mindestlohn-Komitees.

Die Positionen waren auch ohne entsprechende Lektüre klar.

Badran und Rechsteiner: «Wer 100 Prozent arbeitet, muss genug zum Leben haben.» Besonders Frauen seien von Tieflöhnen betroffen, viele davon im Non-Food-Detailhandel. Und verglichen mit Deutschland etwa, fügt Rechsteiner hinzu, könne sich die Schweiz den Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde allemal leisten.

Bigler entgegnet: «Klassische Gewerkschaftsideologie!» Die Initiative sei trügerisch und «doppelbödig», man habe ja Sozialpartnerschaften (sprich Ergänzungs- und Sozialleistungen). Und zur Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern: diese habe «mit Funktion, Alter oder allfälligen Unterbrüchen zu tun». Mit den Strukturen demnach, und nicht mit den Frauen selber, wie Arbeitgeberpräsident Roland A. Müller tags zuvor behauptet hat.

Köppel über Mindestlöhne: «technokratisch-sozialistischer Gestaltungs-Wahnsinn». «Wir enden wie Frankreich!» – dessen prekäre Lage sei nämlich den Linken und Gewerkschaften zu verdanken. Und weiter: Die Schweiz sei von Natur aus arm, «ohne Bodenschätze oder Kolonien», deshalb müsse man weiterhin flexibel sein, um Wert «quasi aus dem Nichts» schöpfen zu können.

«Arbeit ist es doch, die Wert schöpft!», protestieren Badran und Rechsteiner. Von einem «staatlichen Lohndiktat» wollen sie nichts hören. «Der Staat sind wir alle», sagt Badran. Und wenn die Wirtschaft nicht von sich aus fähig sei, faire Löhne zu zahlen, müsse man eben nachhelfen. «Kinderarbeit haben wir auch einmal verboten.»

Nachfrageorientierung, Kostenstrukturen, Preiselastizität, Kaufkraft – schnell ist klar: Am 18. Mai geht es nicht einfach um Gerechtigkeit, sondern primär um Wirtschaftlichkeit.

Es ist zugegeben aber ganz amüsant, wenn sich Köppel und Badran gegenseitig ökonomische Glaubenssätze um die Ohren schlagen; wenn sie ihm den Unterschied zwischen Markwirtschaft und Kapitalismus erklären will und er mit den Worten ablehnt: «Ich mache doch nicht bei denen meine Feuerwehr-Ausbildung, die mir das Haus anzünden.»

Irgendwann tut es dann aber nur noch weh. Vor allem, wenn die diversen Studienabschlüsse der Podiumsgäste plötzlich als Indikator für deren angebliche (In)Kompetenz herhalten müssen. Eine seltsame Tonalität. Auch in der Fragerunde, wenn übereifrige Zweitsemestler eine Unternehmerin und HSG-Ökonomin wie Badran über wirtschaftliche Zusammenhänge belehren und umgekehrt.

Mit dieser Zeit hätte definitiv ökonomischer umgegangen werden können, was auch die offengebliebenen Wortmeldungen aus dem Publikum zum Schluss vermuten lassen.

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