, 24. Juni 2014
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«Wettbewerbe tun der Literatur gut»

Was ist sinnvolle Förderung von Autorinnen und Autoren? Heute abend macht ein neuer Wettbewerb mit dem Titel «Treibhaus» Station in der St.Galler Lokremise. Richi Küttel ist als Gastjuror mit dabei.

Richi Küttel, «Treibhaus» will junge Schweizer Autorinnen und Autoren entdecken und bekannt machen. Sie sind als Gast in der Jury – was bringt ein solcher Wettbewerb?

Ich bin gespannt, nehme es als Versuch. Hinter «Treibhaus» stehen auf jeden Fall gute Leute, Hildegard Elisabeth Keller vom SRF-Literaturclub als Moderatorin und renommierte Köpfe in der Jury. Ich habe zwar Respekt vor der Lokremise als Spiel-Ort, aber inhaltlich ist das sicher attraktiv.

Für wen?

Für das Publikum. Das Format sieht vor, dass diskutiert wird über Literatur, live. Das wird für mich eine neue Erfahrung sein, öffentlich Texte zu beurteilen. Aber ich begrüsse es sehr, dass das Publikum einbezogen wird, dass ein Diskurs über Texte stattfindet.

Tut eine solche Wettbewerbsform der Literatur gut?

Wieso nicht? Es gibt Wettbewerbe in allen Sparten, in der Musik, im Theater, von Rock bis zum Slam, und auch eine Bewerbung um einen Werkbeitrag ist im Grunde die Teilnahme an einem Wettbewerb.

Spiegelt sich darin die heutige Wettbewerbsgesellschaft?

Mir wäre das als Begründung zu simpel. Vielmehr finde ich zentral, dass ein öffentliches Gespräch über Literatur stattfindet. Der Bücherladen Appenzell hat zum Beispiel in seinem Jubiläumsjahr «Lektorat live» veranstaltet. Das war spannend, die Meinungen gingen weit auseinander, und das ist eine wichtige Botschaft: Es gibt keine absolute Wertung für Texte. Mir gefällt zudem, dass die Autorinnen und Autoren selber lesen.

Öffentlich zu lesen und bewertet zu werden, kann brutal sein, gerade für Schreibende, die noch am Anfang stehen.

Das kann heikel sein, ja. Aber als Slammer finde ich das hervorragend: Autoren wissen selber am besten, wie ihr Text tönen muss. Das öffentliche Auftreten gehört zum Schreiben dazu – nicht umsonst hat das Interesse an Lesungen zugenommen, und Festivals boomen. Es muss ja nicht gleich jemand auf der Bühne herumspringen.

Vom Wettbewerb abgesehen: Was hiesse sinnvolle Nachwuchsförderung in der Literatur?

Entscheidend ist, dass man Rückmeldungen bekommt. Dass es einen Ort gibt, wo man Reaktionen einholen kann. Was wir bei der neuen Plattform «Literaturnetz Ostschweiz» immer wieder feststellen ist: Wer schreibt, will gehört und lesen werden. Und ist froh, nicht allein zu sein. Schreiben ist ein einsames Geschäft.

Also Vernetzung?

Ja, und Information. Beim Rheintaler Jugend-Schreibwettbewerb gehen wir mit den jungen Autoren zum Beispiel zu Verlagen und in Druckereien. Auch bei diesem Wettbewerb für 14- bis 20-Jährige geht es im übrigen darum, öffentlich aufzutreten. Das ist wichtig für jene, die schreiben – aber auch für das Publikum: So kann man auch Junge für Literatur begeistern.

Wer schreibt, will publizieren.

Das ist das Problem: Es gibt kaum noch Verlage, ausser dem Appenzeller Verlag, der viel macht, aber nicht unter Förderaspekten, sondern nach unternehmerischen Gesichtspunkten, daneben im Thurgau noch Waldgut, Libelle oder die Edition Isele. Generell ist es für viele Autorinnen und Autoren schwierig, einen Verlag zu finden, nicht nur in unserer Region, sondern in der deutschsprachigen Schweiz überhaupt. Wir planen deshalb mit der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur in Zusammenarbeit mit der Verlagsgenossenschaft VGS eine Reihe «Belletristische Edition Ostschweiz», die neue Texte von Ostschweizer Autorinnen und Autoren in günstiger Ausstattung herausbringen soll.

Sie organisieren auch die Autorenlesungen in den Schulen. Was ist die Erfahrung?

Dort geht es hauptsächlich darum, das Lesen zu fördern. Das Buch ist ja nicht in erster Linie durch die elektronischen Bücher bedroht – sondern dadurch, dass insgesamt weniger gelesen wird. Gerade bei Kindern und Jugendlichen läuft in Bezug auf Leseförderung noch zu wenig. Da setze ich aber grosse Hoffnungen in das künftige Kinder- und Jugendmedienzentrum in St.Katharinen.

Die Initianten des «Treibhaus»-Wettbewerbs beklagen, dass sich kaum Schweizer Autorinnen und Autoren für Klagenfurt melden. Und ködern die «Nachwuchstalente» unter anderem mit einer 2000fränkigen Uhr als Siegpreis. Hat die Literatur solche Beglückung nötig?

Das müsste man die Veranstalter selber fragen. Was die Uhr betrifft: Ich hätte mehr Probleme, wenn der Wettbewerb von Orell Füssli oder sonst einem grossen Buch-Player gesponsert würde. Und zu Klagenfurt: Man kann die Schweiz natürlich nicht mit den viel grösseren Ländern Deutschland und Österreich vergleichen.

Sind unsere Dichter zu wenig mutig?

Vielleicht haben sie es auch einfach nicht nötig, sich vor laufender Kamera von Juroren auspeitschen zu lassen.

 

treibhaus«Treibhaus. Das Nachwuchsforum», St.Galler Final: heute Dienstag, 24. Juni, 20 Uhr, Lokremise St.Gallen. 

Richi Küttel, 1973, ist Slammer und Literaturvermittler (Wortlaut-Literaturfestival, Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur, Bleiwiis – Rheintaler Jugend-Schreibwettbewerb, schultur – Schule und Kultur Ostschweiz).

Das Gespräch erschien im Juni-Heft von Saiten. Bild: Tine Edel

 

 

 

1 Kommentar zu «Wettbewerbe tun der Literatur gut»

  • Andreas Niedermann sagt:

    „… Ich hätte mehr Probleme, wenn der Wettbewerb von Orell Füssli oder sonst einem grossen Buch-Player gesponsert würde. Und zu Klagenfurt: Man kann die Schweiz natürlich nicht mit den viel grösseren Ländern Deutschland und Österreich vergleichen.“

    Zum ersten Teil: „Wo genau würden die Probleme liegen, wenn Orell Füssli sponsert? Das dann auch Bücher gedruckt und verkauft würden? Oder so à la: Unternehmen pöse, Staat gut?
    Zum zweiten Teil: „Österreich hat etwa eine Handvoll Einwohner mehr als die Schweiz.“
    Und zur Verlagswelt:
    in Österreich gibt es jährlich 600 Neuerscheinungen von Klein-, Kleinst – und Pimperlverlagen – wie Songdog. Die meisten natürlich staatlich gefördert. Also kein pöser Kapitalismus, sondern edelster Sozialismus …
    Dann noch: Es gibt nicht zu wenig Autoren, es gibt zu wenig Leser.
    Man könnte ja vielleicht einmal einen Leser- wettbewerb oder Preis ausloben …

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