Mit der St.Galler Wiborada-Brunnenfigur im St.Mangen-Quartier fängt der Text an. Märtyrerin, Heilige – und so harmlos? fragt die Autorin und zitiert ein Gedicht von Clara Wettach, das die Figur auf dem «Bröneli» kurzerhand zum «Wiborädli» verniedlicht.
Dabei steckt im Namen der Wîberrat. Und in ihrer Biografie der Widerstand: 911 kommt sie als Nonne nach St.Gallen, 916 lässt sie sich als Inklusin einmauern. Als St.Gallen in der Völkerwanderungszeit von den Ungarn bedroht ist, warnt sie vor einem Überfall «feindlicher Horden» und rettet so den St.Galler Buchschatz. Sie selber wird von den Eindringlingen erschlagen.
Die Mauer um den Körper
Auch wenn zu Wiboradas Zeit die Bibliotheken aus Büchern «einer männlichen Vater-Sohn-Geist-Gottheit» bestanden, erinnert Ruth Erat daran, dass auch geistliche Frauen wie Wiborada hohe Bildung hatten, dichteten, Klöster bauten, Kranke pflegten, die Welt (zumindest bis nach Rom) bereisten und Bücher lasen. Und sich schon damals das Misstrauen der Männer einhandelten.
Weiblicher Eigensinn war nicht erwünscht. Er bedrohte die angeblich unverrückbare göttliche Ordnung, erst recht in Kriegszeiten wie dem 10. Jahrhundert, aber, so schlägt Ruth Erat in zwischengestreuten Gedichten den Bogen zum Heute, auch noch tausend Jahre später in einer katholischen Kirche, die «keine Relativität / keine Veränderung / keine Lebendigkeit» zulässt.
Die Textcollage Wiborada und Wyborada – notwendig radikal erscheint in Kleinauflage, zu bestellen bei der Autorin: rutherat@hotmail.com.
Ruth Erats Verdacht: Für eine Frau, die lebendig bleiben wollte in dieser Zeit und in dieser starren Ordnung der unfehlbaren Wahrheiten, gab es keinen anderen Weg als die Mauer um sich herum, lebenslänglich. «Eine Grässlichkeit. Rund um den Körper die Mauer. Endgültig. Kein Schritt hinaus. Nie. Nie mehr». In einer Mischung aus Irritation, Bewunderung und Ablehnung folgt Erat dem radikalen Lebensentwurf der Inklusin bis zu ihrer Ermordung 926.
Fundgrube Wyborada
Und parallel dazu holt sich Erat quasi «Weiberrat» von heute. Indem sie von der historischen Wiborada zur heutigen Wyborada umschaltet – der vor rund 30 Jahren ihrerseits «eigensinnig» gegründeten St.Galler Frauenbibliothek. In deren Regalen findet sie Vergleichs- und Gegengeschichten, bei Autorinnen wie Elisabeth Gerter, Iris von Roten, Lara Stoll, Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Ingeborg Bachmann, Lioba Happel, Gabrielle Alioth, Erica Engeler oder Christine Fischer.
Literaturhaus und Bibliothek Wyborada bieten neu coronabedingt eine Online-Ausleihe mit unbedientem Abholservice an. Infos: wyborada.ch
Die Wyborada-Bibliothek trägt so, wenn man Erats poetischem Text folgt, ihren Teil dazu bei zu jener «grossen Drehung, die den Himmel auf die Erde stellt und die Frauen aus ihrer Ummantelung wickelt». Dennoch aber – als Beispiel wird die St.Galler Universität und ihre feministischen Defizite genannt – bleibe «notwendig radikal» noch viel zu tun. «Und weiterzulesen. Hier. Da oder dort. Und weiterzuschreiben.» Das Schlusswort der Collage heisst: «…und nicht müde werden».
Neue Eigenproduktion
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