Saiten: Toni Bürgin, auf der Website naturmuseumsg.ch sagt der Countdown: «Noch 5 Tage bis zur Eröffnung des neuen Naturmuseums». Was ist für Sie der grösste Gewinn gegenüber dem alten Museum?
Toni Bürgin: Das kann man einfach sagen. Im Museum im Stadtpark befand sich die Dauerausstellung im Untergeschoss. Das war eine spezielle Atmosphäre, damals bei der Renovation war sie sicher zeitgemäss, aber im Vergleich mit anderen neueren Museen waren die Platzverhältnisse beengt, der grosse Dinosaurier war geradezu eingepfercht. Im neuen Haus, das man von Grund auf konzipieren konnte, haben wir jetzt helle, grosszügige Ausstellungsräume erhalten. Es ist ein Tageslichtmuseum, was einerseits eine Herausforderung für den Objektschutz ist, aber andrerseits eine ganz andere Welt erleben lässt.
Man wollte damit die Natur hereinlassen und nicht ganz aussperren?
Die Erfahrung zeigt, dass man in einem nur mit Kunstlicht ausgestatteten Museum schneller ermüdet als bei Tageslicht. Die Zertifizierung als Minergieplus-Bau erforderte ebenfalls zumindest zum Teil natürliche Beleuchtung. Das Museum ist bei aller «Natürlichkeit» eine hochtechnisierte Anlage, mit Zwangsbelüftung, Wärmetauschern, Lichtsteuerung und so weiter.
Und: Die Natur bleibt eben doch im Haus eingesperrt.
Das ist in jedem Museum so. Der Aussenraum ist jedoch von Anfang an mitgedacht worden als Museumspark. Dessen Realisierung hat sich verzögert, weil er die Decke des Autobahntunnels mit einbezieht. Nachdem die Vorschriften zur Tunnelsicherheit verschärft wurden, hat das Bundesamt für Strassen einen Stopp verfügt. Wir sind jetzt aber wieder auf gutem Weg, die Baueingabe soll bis Ende Jahr erfolgen. In diesem Museumspark sollen Themen aus dem Innern nach Aussen getragen werden, zum Beispiel Tier- und Menschenspuren. Vielfältig und spannend soll auch die Bepflanzung werden, ohne den Botanischen Garten konkurrenzieren zu wollen. Der Park soll ein schönes Naturerlebnis bieten.
Eröffnung Naturmuseum St.Gallen: 12. und 13. November, 10 bis 17 Uhr naturmuseumsg.ch
Drinnen ist das Naturerlebnis zwangsläufig «übersetzt».
Absolut. Wir sind kein Zoo, in dem die Tierwelt lebendig einsperrt ist, sondern das Museum präsentiert Natur in konservierter Form. Das hat Vorteile, man muss nicht füttern und die Tiere laufen nicht davon. Letztlich muss man aber das Museum nicht nur unter dem Aspekt des Ausstellens sehen. Die drei zentralen Funktionen sind: erstens das Sammeln – wir sind das Archiv für die Naturgüter der Region. Zweitens geht es um das Erforschen – es kommen immer wieder neue Dinge zum Vorschein, wie jüngst die Versteinerung eines Hais. Es gibt vielleicht auch bei Säugetieren, etwa bei den Fledermäusen, noch Überraschungen, das weiss man nie. Die Forschung decken wir zum Teil in den Bereichen Zoologie, Mineralogie und Paläontologie selber ab, wir arbeiten aber auch mit Universitäten und anderen Fachleuten zusammen. Die dritte Säule schliesslich ist das Vermitteln in Ausstellungen, Führungen, Veranstaltungen aller Art. Das Museum soll Raum bieten für möglichst vielfältige Themen aus Natur, Naturwissenschaft und Naturschutz.
Das heisst auch: kritische Reflexion, etwa in Bezug auf die natürlichen Ressourcen?
Genau. Es gibt neu eine Abteilung zu Energien und Rohstoffen. Wir versuchen eine Plattform für Diskussionen zu sein, aber ohne missionarischen Ansatz. Der Zeigefinger funktioniert bekanntlich in den wenigsten Fällen, aber Themen in aller Breite aufzuspannen ist wichtig. Die Debatten um Energiewende oder Klimaerwärmung werden zunehmend intensiver – aktuelle Themen, die im alten Museum gefehlt haben. In Sonderausstellungen kann man sie vertiefen; so zeigen wir im nächsten Frühling in Zusammenarbeit mit Helvetas die Ausstellung Wir essen die Welt. Da geht es ganz konkret um die globalen Zusammenhänge unserer Ernährung.
Nicht «missionarisch» sein zu wollen: Bedeutet das politische Zurückhaltung? Oder sagen Sie: Wir sind das Naturmuseum, wir sind die Experten, wir beziehen Stellung?
Wir machen durchaus Setzungen. So gibt es im Ausstellungsraum «Leben im Wandel» eine Leuchtanzeige, die rund 120 im Verlauf der letzten zwei, drei Jahrhunderte ausgerottete Tierarten auflistet. Um zu zeigen, dass es in Bezug auf gewisse Entwicklungen schon fünf vor oder zwei vor zwölf ist. Allerdings gibt es in den aktuellen Umweltdiskussionen, Beispiel Wind- oder Solarenergie, unzählige und teils völlig konträre Expertenmeinungen. Am Schluss blickt man kaum noch durch. Aber wir wollen dennoch zeigen, dass man etwas tun kann. Stichwort Fleischkonsum: Das wird im Museum thematisiert, Sie finden eine Reihe «goldener Regeln» für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Wichtig ist uns, dass die Leute Zusammenhänge verstehen. Und sich bewusst sind, dass die Wissenschaft nicht unfehlbar ist, es gibt auch Holzwege oder Nebeneffekte, die sich kaum voraussagen lassen.
Ausstellungsraum «Leben im Wandel»: inkl. Leuchtanzeige aller 120 Tierarten, die in den letzten drei Jahruhunderten ausgestorben sind.
In solchen kontroversen Themen hat ein Naturmuseum eine exponierte Stellung – empfinden Sie das so?
Es ist die Rolle eines modernen Naturmuseums, dass es gesellschaftlich relevante Fragen aufnimmt. Und auch will. Ganz neu ist das nicht; als ich vor 20 Jahren hier kaum angefangen hatte, gab es eine Sonderausstellung über Gentechnik. Solche Themen müssen Platz haben, aber nicht im Sinn einer einseitigen Betrachtung, sondern einer möglichst neutralen Darstellung, die auch Widerspruch zulässt.
Gibt es Reaktionen aus der Politik? Negative Stimmen oder auch Forderungen, bestimmte Themen aufzugreifen?
Wir werden es sehen. «Lernen von der Natur» und «Energien und Rohstoffe», das sind neue Ausstellungsteile. Ich bin überzeugt, dass gewisse Aussagen gewisse Leute vor den Kopf stossen werden. Gerade im Bereich erneuerbare Energien ist die Debatte hitzig. Wir wollen Plattform für solche Diskussionen sein, auch mit Vorträgen und Gesprächen. So ist anfangs Jahr ein Vortrag über die neue, umstrittene Gentechnik Crispr/Cas 9 geplant. Politisch instrumentalisiert zu werden, versuche ich nach Möglichkeit auszuschliessen. Aber wir sind kein Neutrum, wir beziehen Position und wir versuchen, die Fakten so gut wie möglich abzustützen. Dieser Ausstellungsteil ist deshalb auch eine semipermanente Installation. Vielleicht gibt es in einigen Jahren einen Durchbruch bei der Kernfusion. Darauf können wir reagieren.
Die Räume sind auch im wörtlichen Sinn offen.
Die Qualität der Räume ist hoch. Heute hat eine sogenannte Dauerausstellung eine Lebensdauer von vielleicht zehn, fünfzehn Jahren. Das schnelllebigste Element sind die Sonderausstellungen im grossen Saal. Ein toller Saal, über 300 Quadratmeter gegenüber bisher etwa 200. Wir eröffnen mit einer Bilderausstellung von Ernst Schär über die alten Sammlungsräume. Im März folgt die jährliche Eierausstellung in einer neuen Form, danach im Mai die Schau Wir essen die Welt. Geplant haben wir bis 2019. Das ist aber auch notwendig. Und in manchem betreten wir Neuland, zum Beispiel mit dem Museumscafé, da wären vielleicht Anlässe möglich, wir müssen uns herantasten. Führungen, Vorträge, das wird beibehalten und ausgebaut, auch dank einer personellen Aufstockung. Wir müssen Erfahrungen sammeln. 2017 wird auch ein Jahr der Reflexion sein: Was funktioniert, was nicht?
Was ist Ihr liebstes Objekt?
Schwierig. Das schwankt. Ich habe ein Riesenfreude an dem Haifossil, das ist für den Durchschnittsbesucher nicht so spektakulär, aber wissenschaftlich aufregend, wenn man weiss, dass anhand dieses Funds eine neue Art beschrieben wird, die man bis dahin nicht kannte. Ein solcher Holotypus, das sind die wertvollsten Objekte in einer Sammlung. Die St.Galler Sammlung hat ganz wenige: einen Holotypen bei den Schnecken und bei den Orchideen. Rein monetär am wertvollsten ist der grosse Entenschnabel-Dinosaurier, das ist wie der Monet im Kunstmuseum. Aber man findet auch unspektakulär wertvolle Dinge wie die Goldschrecke, einen kleinen Grashüpfer, den es nur auf den Churfirsten gibt, oder eine Höhlenheuschrecke, die nur in der Festungsanlage Magletsch vorkommt. Für andere sind die Bären am wichtigsten oder die jungen Wölfe.
Blick aus dem Museum in die Natur.
Der Höhlenbär und sein Entdecker Arnold Bächler: Das ist für viele St.Gallerinnen und St.Galler eine Kindheitserinnerung.
Der Höhlenbär vom Wildkirchli, der über viele Jahre im Kirchhoferhaus kaum zugänglich war, ist ein weiteres Highlight. Und dann ist da natürlich noch das grosse Landschaftsrelief, ein einzigartiges und tolles Schaustück. Was auch wichtig ist: Wir schliessen die Natur im Museum ein, aber sie soll auch Brücken bilden in die Natur hinaus. Wir stellen den Naturreichtum dar, doch damit ist der Appell an die Besucher verbunden, diese Schätze in der Landschaft draussen zu suchen und zu merken, was fehlt, wo Veränderungen stattfinden. Diese Brückenfunktion ist ganz wichtig. Ebenso die Brücke zum Botanischen Garten, der bei der Standortwahl den Ausschlag gegeben hat.
Ihr Werbespruch fürs neue Museum?
Kommt und schaut euch das neue grosszügige Haus an mit seinen hellen Räumen, mit den vielfältigen Ausstellungsthemen, macht mit uns Reisen vom Beginn der Welt bis in die Gegenwart, Reisen ins Reich des Bären oder vom Bodensee bis auf den Ringelspitz. All das kann man hier erleben und noch viel mehr.
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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