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Wie «Andere» gesehen werden

Ein schwarzer Frauenkopf mit wulstigen Lippen, ein Händler mit stereotypisch jüdischen Gesichtszügen und ein junger Naturwissenschaftler, der vor der Rassenmischung «warnte»: Auch in der Stadt St.Gallen sind die Rassismus-Spuren der Vergangenheit sichtbar.
Von  Marion Loher , 
Stereotype Darstellung Australiens am Haus zur Waage. (Bilder: pd)

«Haben Sie schon einmal da hinauf geschaut?» Historiker Hans Fässler zeigt aufs Dach des Jugendstilhauses an der St.Galler Neugasse 43/49. Alle Blicke folgen ihm. Auf Dachhöhe des «Haus der Treue» stehen in goldenen Grossbuchstaben die fünf Bereiche des öffentlichen Lebens geschrieben: Kunst, Gewerbe, Industrie, Handel und Wissenschaft. Viele in der Gruppe schütteln den Kopf. Sie sehen den Schriftzug zum ersten Mal. Beim hektischen Gang durch die Altstadt-Gassen bleibt oft keine Zeit, um vom üblichen Geradeaus-Blick abzuweichen.

Der goldene Schriftzug ist jedoch nicht alles. Am unteren Teil der Fassade sind die fünf Bereiche als allegorische Figuren dargestellt: Die «Kunst» zeigt einen Maler mit Staffelei, das «Gewerbe» einen Steinmetz mit einer Zange, die «Industrie» eine Frau mit einem Stickrahmen und die «Wissenschaft» einen Mann mit einem Schädel.

Der «Handel» wird von einer männlichen Figur dargestellt. Sie hält als einzige Figur nichts in ihren Händen. Die Kleidung, Haare und Gesichtszüge erinnern stark an die aus antisemitischen Darstellungen bekannten stereotypischen jüdischen Merkmale. «Ist es rassistisch, wenn der Handel durch Juden dargestellt wird?», fragt der Historiker in die Runde. Die Antwort lässt er offen.

Mit rassismus-kritischem Blick durch die Altstadt

Rassismus zeigt sich nicht nur in subtiler, versteckter Form, sondern auch direkt und offensichtlich. Auf Denkmälern und Erkern sind Bilder und Figuren von aussereuropäischen Menschen oder religiösen Minderheiten dargestellt. Sie zeigen, wie «Andere» gesehen wurden. Meist überspitzt und überzeichnet.

Auch in St.Gallen wurden Minderheiten ausgestellt, erniedrigt und verfolgt. Der rassismus-kritische Rundgang durch die Innenstadt thematisiert solch rassistisches Gedankengut. Rund 40 Interessierte liessen sich am Mittwochabend von Historiker Hans Fässler die Spuren der Vergangenheit zeigen, die beispielsweise beim Soldatendenkmal im Kantipark und am Multertor, in der Stadtlounge, beim Globus und am «Haus zum Mohrenkopf» zu finden sind.

Hans Fässler erklärt das Soldatendenkmal im Kantipark. (Bild: Marion Loher)

Über letzteres wisse man wenig, sagt Fässler. «Vermutlich gehörte das Haus an der Spisergasse 20 der Witwe von Dr. Rotmund, die auch den Erker anbringen liess.» Zum damaligen Zeitpunkt – um 1625 herum – symbolisierte der Erker die gute Stellung der Familie. Auf dem Dach des Erkers ist auf einer Art korinthischem Säulenkapitell ein schwarzer Frauenkopf mit stereotypischen Merkmalen dargestellt: breite Nase, wulstige Lippen, goldene Ohrringe und Perlenkette.

«Wie gehen wir mit solchen Darstellungen um?», fragt der Historiker. «Müssen sie als rassistische Bilder aus dem öffentlichen Raum verschwinden oder sind sie von historischem Wert, weil sie an die kolonialen Verstrickungen der Schweiz erinnern?» Ein möglicher Mittelweg wäre eine Kontextualisierung.

Ähnliche Fragen zum Umgang mit Darstellungen von «Anderen» durch Bilder werden seit einigen Jahren auch in anderen Kantonen diskutiert. Dabei geht es unter anderem um die Mohrenköpfe der Firma Dubler, das Logo der Basler Fasnachtsclique «Negro-Rhygass» oder das Gemeindewappen von Oberweningen im Kanton Zürich.

Wissenschaftler, Shootingstar – und Rassist

Im heutigen Stadtpark und Gebäude der Musikschule fand 1830 die Jahresversammlung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft statt. Dabei hielt der damals noch junge Louis Agassiz (1807-1873) ein Referat über die Verbreitung der Süsswasserfische. In den naturwissenschaftlichen Kreisen der Stadt St.Gallen war der Fisch- und Gletscherforscher Agassiz ein beliebter und gern gesehener Gast.

Der nächste Stadtrundgang «Auf den Spuren von Rassismus» findet am 15. Mai statt, Treffpunkt ist um 18 Uhr beim Vadian-Denkmal.

«Er war der Shootingstar unter den Naturwissenschaftlern», erzählt Fässler. «Doch Agassiz war vor allem eins: ein Rassist.» Er «warnte» vor der Mischung der Rassen. Nach seiner Auswanderung in die USA 1846 wurde Agassiz zum bedeutendsten Vertreter des «wissenschaftlichen Rassismus» und zu einem Vordenker der Nazis. Für Agassiz habe es nichts Schlimmeres gegeben, als die Rassenmischung, so der Historiker, denn dabei würden dessen Meinung nach, nur schlechte Eigenschaften weitergegeben werden.

«Trotz allem ist er heute noch Ehrenmitglied des schweizerischen Alpenclubs SAC.» Rund 70 Orte sind nach ihm benannt, darunter das Agassizhorn in den Berner Alpen, ein See in Kanada und ein Kap in der Antarktis. «In der Schweiz wird Agassiz erst seit gut zehn Jahren auch als Rassist wahrgenommen», sagt Fässler, der schon mehrmals Anstrengungen unternommen hat, damit das Agassizhorn umbenannt wird. Bislang ist es ihm nicht gelungen.

Einen Erfolg gibt es trotzdem: Im Herbst 2018 hat der Stadtrat von Neuchâtel beschlossen, den «Espace Louis Agassiz» auf dem Universitätsgelände in «Espace Tilo Frey» umzutaufen. Tilo Frey war die erste dunkelhäutige Nationalrätin der Schweiz. Sie wurde 1971 für die FDP Neuenburg ins eidgenössische Parlament gewählt. Ihr Vater war Schweizer, ihre Mutter stammte aus Kamerun.

Die Warenhauskette «Globus», deren St.Galler Filiale im Jahr 1908 an der Webergasse eröffnet wurde, verkaufte unter aderem «exotische» Kolonialwaren. Die Comic-Figur «Globi»wurde im Jahr 1932 erfunden und diente ursprünglich als Werbeträger.

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

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Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

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Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

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