, 12. Januar 2021
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Wie ein Box in die Magengrube

Céline Fuchs tummelt sich das Jahr über eigentlich auf und neben den Bühnen von Openairs, Humorfestivals oder Konzerten. Mit der Eventhalle «Hektor» wollte die Geschäftsführerin eine Spielwiese für alle Veranstaltungsideen schaffen, die noch keinen Platz in St.Gallen haben. Nicht nur wegen Corona hängt dieser Plan derzeit in der Schwebe. von Emil Keller

Die Hektor-Geschäftsleiterin: Céline Fuchs. (Bild: Hannes Thalmann)

Morgens eine Yogaklasse, nachmittags ein Firmenanlass, abends eine Theateraufführung – und mittendrin Céline Fuchs als Managerin all dieser Veranstaltungen. So stellte sich die 40-jährige Kulturschaffende ihren Alltag anfangs 2020 noch vor. Stattdessen steht die zweimal 1000 Quadratmeter grosse Lagerhalle am St.Galler Güterbahnhof immer noch leer. «Als ob gleich ein Strohballen aus einem Western-Film durchrollt», beschreibt Fuchs ihre derzeitige Gefühlslage bezüglich «Hektor».

So haben ihr Geschäftspartner Walter Boos und sie ihr Projekt getauft, das eine feste Nutzung des letzten freien Zipfels im Lattich-Quartier ermöglichen soll. An den Wänden hängen die Visualisierungen von Galerien, Treppenaufgängen und Garderoben, um die rustikale Lagerhalle in eine multifunktionale Eventhalle zu transformieren.

Doch im März gingen Einsprachen gegen das Baugesuch ein. Seither liegen die Umbauarbeiten auf Eis. Der gemeinsame Dialog zwischen «Hektor», Stadt und Anwohnern, in dem letztere missverständlich einen weiteren lauten Klub befürchten, verläuft kräfteraubend.

Etwas fehlt

Normalerweise kein Problem für die energiegeladene Céline Fuchs, die am Openair St.Gallen moderiert oder am Openair Lumnezia die Startrampenbühne produziert, im Organisationskomitee des Humorfestivals Arosa mitwirkt oder den Ostschweizer Bandwettbewerb «BandXost» auf die Beine stellt. Doch seit der Corona-Pandemie und den vom Bundesrat beschlossenen Einschränkungen fiel für Fuchs nicht nur ein beträchtlicher Teil ihres Erwerbs weg, vielmehr wurde sie auch in ihrem Schaffensdrang gebremst.

«Die Leidenschaft für das, was wir in unserer Branche tun, geht über den Feierabend hinaus», sagt Fuchs. Berufliches und Privates würden sich da natürlich vermischen, und deshalb hängt über 2020 ein dicker, grauer Nebel. «In meinem Leben hatte ich noch nie so wenig Erinnerungen an ein Jahr wie an dieses», konstatiert sie verblüfft. Es fehlen ihr der Austausch, die Reaktionen und Freudenrufe, mit denen ihr Alltag sonst durchsetzt war. Sie ist überzeugt, dass ohne Kultur auch der gesamten Gesellschaft ein Teil fehlt. «Wir alle brauchen ein Ventil und die Gelegenheit, uns auszutauschen und Energie zu tanken.»

Ihre jahrelange Erfahrung, wie man das am besten anstellt, wollte sie in «Hektor» einfliessen lassen. Kindergartenkinder, Geschäftsleute, Kultur- und Sportschaffende sollten sich täglich die Klinke in die Hand geben und die bis zu 1800 Personen fassende Halle zu einer zeitgemässen Eventlocation machen. Doch gerade diese Mischnutzung könnte «Hektor» zum Verhängnis werden. Denn das Start-up fällt derzeit durch alle Maschen staatlicher Auffangnetze. Noch existieren keine Umsatzverluste, die man vom Vorjahr geltend machen kann. Und Investoren, die oft selbst aus der Eventbranche kommen, müssen plötzlich für sich selber Kredite aufnehmen.

Derzeit versucht Fuchs über das Crowdfunding-Portal «Lokalhelden» den Traum von der Eventhalle am Leben zu erhalten. Hier verspürt sie weniger Wohlwollen und Spendierfreude als noch zu Beginn der Pandemie. «Jeder hat derzeit mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen.» Nach Jahrzenten als Medien- und Kulturschaffende überlegt sie sich, ihr KV-Diplom wieder auszugraben.

Die Zuversicht ist verflogen

«Zu Beginn der Pandemie waren wir alle noch voller Zuversicht», erinnert sich Fuchs. Denn ruhig zu Hause sitzen könne niemand in der Kulturbranche. Doch immer wieder scheiterten Ideen an den Unsicherheiten und den sich laufend ändernden Vorschriften. Nach der neuerlichen Lockerung der Auflagen organisierte das Team von «Hektor» zum Beispiel innert Rekordzeit den Rollschuh-Event «Roll-Gallen». Dieser hätte bis Ende Jahr im Kanton unterwegs sein sollen, doch zwei Wochen nach Eröffnung war per Bundesratsdekret schon wieder Schluss.

Mehr von Saiten zum Projekt: hier.

Wer «Hektor» und den Rollschuh-Event «Roll-Gallen» unterstützen möchte, kann sich hier einbringen.

hektor.sg

Solche Rückschläge das ganze Jahr über zehren die Energie und den Ideenreichtum auf. «Anfangs hatten wir alle noch finanzielle Reserven, doch diese sind nun langsam aufgebraucht», stellt Fuchs ernüchtert fest. Sie beobachtet, wie namhafte Veranstaltungsorte und Klubs ihre langjährigen Mitarbeiter entlassen müssen. «Das ist wie ein Stich ins Herz.»

Sie selbst kämpft auch damit, ihre vier Teilzeitangestellten halten zu können. «Der zweite Lockdown war deshalb ein Box in die Magengrube», beschreibt Fuchs die sich ausbreitende Lethargie in der Branche. Die Geschäftsführerin will nun selbst erstmals den Ball flach halten, sich auf die hängige Baueingabe konzentrieren und den Frühling abwarten. Das bietet ihr immerhin die Möglichkeit, mehr Zeit mit ihrer dreijährigen Tochter zu verbringen. Mit dieser entdeckte sie letzthin, dass auch Marienkäfer Winterschlaf halten. «Vielleicht muss nun auch die Kulturbranche Winterschlaf halten, um zu überleben.»

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