Am 1. Mai wird wieder zur Solidarität aufgerufen. Schon ganz zu Beginn der Coronakrise hat Paul Rechsteiner, ehemaliger Chef des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds und heute Ständerat, an diesen Gedanken appelliert. Das tut er nun mit Blick auf die Kulturszene erneut. Am Palace-Podium, einer Veranstaltung der Erfreulichen Universität unter dem Titel «Soziale Absicherung in der Kultur», diskutierte er darüber mit Nicole Pfister, Präsidentin des Branchenverbands Suisseculture Sociale.
Man dürfe nicht vergessen, was mit den ausserordentlichen Massnahmen auf Bundesebene insgesamt schon erreicht werden konnte, so Rechsteiner. «Ein gewaltiges Programm. 30, 40 oder 50 Milliarden. Das sind Grössenordnungen, die man früher höchstens mit Bankenrettungen in Verbindung brachte, aber sicher nicht mit Hilfsmassnahmen für breite Teile der Bevölkerung.»
Die Kultur sei anderen Bereichen der Gesellschaft oft einige Jahre voraus, gab Nicole Pfister zu bedenken. Nicht wenige Kulturschaffende seien sowohl Selbständigerwerbende als auch Angestellte. Diese gemischten Anstellungsformen mit mehreren parallelen Klein- und Kleinstpensen könnten sich auch in anderen Branchen etablieren. Insofern sei es auch gesamtgesellschaftlich relevant, dass für solch neue Arbeitsformen respektive Lebensentwürfe entsprechende soziale Einrichtungen geschaffen werden.
Rechsteiner: «Deckel kann man heben»
Natürlich sprach sich Sozialdemokrat Rechsteiner für den Ausbau des Sozialstaats aus. Früh in der Diskussion stellte er aber klar, dass für die Kultur im Moment vor allem Investitionen nötig seien, damit der Kulturbetrieb bei erfolgreicher Impfkampagne wieder hochgefahren werden könne.
Soziale Absicherung sei erst der zweite Schritt. Kulturgelder sollten von der Politik eben nicht nur als Ausgaben, sondern als Investitionen in ein buntes, vielfältiges gesellschaftliches Leben betrachtet werden. Zudem würden es sowohl die politische Vernunft als auch die ökonomische Theorie gebieten, in der Krise allgemein und auch in die Kultur zu investieren. Dass der Kanton St.Gallen derzeit Sparprogramme durchziehe, sei geradezu grotesk, so Rechsteiner.
«Die Förderpraxis muss flexibilisiert werden», hakte Nicole Pfister ein. In den vergangenen Jahren sei man diesbezüglich in festgefahrenen Strukturen gefangen gewesen. «Ideen dürfen nicht aufgrund fixer Kriterienkataloge in den Förderprogrammen schon von vornherein ausgebremst werden.»
Das gelte auch für die Transformationsprojekte, deren Finanzierung der Bund aufgegleist hat – und der Kanton St.Gallen in der letzten Parlamentsdebatte bei zwei Millionen Franken gedeckelt hat. Paul Rechsteiner beschwichtigt in diesem Punkt: «Es ist doch super, dass die Transformationsprojekte nicht komplett gekippt wurden. Einen Deckel kann man auch wieder heben.» Dass mit Druck etwas erreicht werden kann, habe das Lobbying der Kulturverbände beim Bund gezeigt. Warum sollte das nicht auch im Kanton St.Gallen klappen?
Grundeinkommen? Kultursozialkasse? – Eher nicht
Das Moderationspaar Johannes Rickli (Palace, IG Kultur Ost) und Corinne Riedener (Saiten) bemühte sich immer wieder, das Gespräch aufs eigentliche Thema, die mangelnde soziale Absicherung in der Kultur, zu lenken.
Für ausländische Modelle konnten sich die beiden Podiumsgäste wenig erwärmen: Weder für das Grundeinkommen für Kulturschaffende wie in Holland, noch für das deutsche Sozialkassenmodell, die zu je gleichen Teilen von den Kunstschaffenden selbst, vom Staat und von den Nutzenden getragen wird.
«Wir haben im Verband natürlich auch schon über solche Modelle nachgedacht», sagte Pfister. «Das Hauptproblem besteht aber darin, zu definieren, wer denn jetzt genau zu den Kulturschaffenden gezählt wird.» Ihres Wissens sei es so, dass der Kultur zudienende Branchen wie Licht- und Tontechniker in Deutschland eben nicht dazu zählten. Sie sieht die Lösung eher in punktuellen Verbesserungen der bestehenden Sozialwerke als in einem Systemwandel, der enorme Lücken aufweist.
Zuerst Standards einhalten
Paul Rechsteiner sieht dies ähnlich. In Zukunft könne zwar durchaus über so etwas wie ein Grundeinkommen nachgedacht werden. Aber in erster Linie gelte es, die bestehenden Sozialeinrichtungen zu stärken und ebenso, dass sich alle an die vorgegebenen Standards hielten.
Damit kristallisierte sich in der Diskussion auch ein Problem heraus, welches in den ganzen Kulturgelddebatten bisher allzu oft ausgeklammert wurde: Spärliche Einzahlungen in die bestehenden Sozialwerke aus der Kultur. Das beginne, so Nicole Pfister, einerseits bei der anständigen Honorierung kultureller Leistungen seitens der Veranstaltenden inklusive adäquater Sozialabgaben, betreffe aber auch die selbständigen Kulturschaffenden selber, die teils keine Sozialabgaben entrichteten – unabhängig davon, ob sie nicht wollten oder aufgrund von Minihonoraren nicht konnten.
Das sei nicht nur ein Versäumnis der Kulturschaffenden. Es müsse in diesem Sinne auch vermehrt informiert und weitergebildet werden. Kulturschaffende müssten eigentlich schon in ihrer Ausbildung auf das Thema sensibilisiert werden. Dies geschehe heute viel zu wenig, so Pfister. Einige Lehranstalten seien regelrecht taub für dieses Anliegen, obwohl Suisseculture Sociale es immer wieder vorbringe. Komme hinzu, dass viele Kulturschaffende auch komplett andere Ausbildungen genossen haben, in denen Sozialabrechnungen ebenso wenig oder gar nicht thematisiert werden.
Die Kulturschaffenden seien aber auch keine Naivlinge, schob Pfister später nach. Oft stünden sie, gerade aufgrund ihrer prekären Lebensumstände, fester mit beiden Beinen auf dem Boden als manch fix Angestellte mit regelmässigem Einkommen.
«Das Bruttodenken muss wieder vermehrt Einzug halten», forderte Paul Rechsteiner. Die Beiträge in die AHV und wenn möglich auch in die zweite Säule müssten solidarisch erfolgen. «Kulturelles Schaffen mag in vielen Belangen individuell sein. Aber soziale Absicherung ist das Unindividuellste, das es überhaupt gibt.» Dazu brauche es auch die kulturellen Verbände, die Lobbys und die Institutionen, die in den vergangenen Monaten enorm an Schlagkraft zugelegt hätten.
Auch Nicole Pfister will diesen «Schwung» aus der Krise mitnehmen. Was man bisher erreicht habe, mache Mut, weiterzumachen. Vor Corona erreichten Suisseculture Sociale jährlich rund 30 Nothilfegesuche. 2020 waren es 10’000. Vorher konnte ein Einzelner die Gesuche bearbeiten, heute sind dafür 25 Personen angestellt.
«Die Kulturverbände haben sich noch nie so stark formiert wie jetzt», freut sich Pfister. Die Erfahrung, dass dabei viele Einzelverbände ihre eigenen Anliegen zugunsten des grossen Ganzen zurückgestellt haben, sei einer der schönsten Erfahrungen im entbehrungsreichen ersten Coronajahr gewesen.
Das Podium zum Nachschauen gibts hier.
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