, 4. Oktober 2011
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Wie man klimbimfrei durchs Filmfest kommt

Die Filmfestivals haben den Vorteil für die cineastischen Provinzler auch mal Filme im Vorfeld sehen und bewerten zu können. Was die redaktionellen Entscheidungen später erleichtert und Klogriffe besser ausschliesst. Leider liegen Venedig, Berlin und Wien ausserhalb der alltäglichen Reichweite und Locarno, Freiburg und Neuenburg sind auch nicht grad nah. Dafür Zürich. Aber Zürich! – Ein […]

Die Filmfestivals haben den Vorteil für die cineastischen Provinzler auch mal Filme im Vorfeld sehen und bewerten zu können. Was die redaktionellen Entscheidungen später erleichtert und Klogriffe besser ausschliesst. Leider liegen Venedig, Berlin und Wien ausserhalb der alltäglichen Reichweite und Locarno, Freiburg und Neuenburg sind auch nicht grad nah. Dafür Zürich.
Aber Zürich! – Ein halbgares Pseudofestival? Ein Möchtegerne-auch-so-gerne? Vielleicht. Aber es geht auch ohne Klimbim. Und zwar so:
1. Man halte sich nicht lange im Mediencenter auf

Wo die Pressemenschen ihre Akkreditierungen abholen können, wo es Beizli und Stühle gibt, hier im Ticketcenter ist die Gefahr am Grössten, doch noch an einen Ähm zu geraten. Also besser schnell machen. Man muss den Raum gezielt scannen, die Lage blitzartig checken und auf direktem Weg zum Tickettypen am Pressedesk streben. Der prüft die ID, stellt den Pressepass und die Tickets aus und reicht am Ende eine Tasche mit Programm, Werbung und einer ordentlich grossen  Pralineeschachtel von Lindt über den Tisch. Man bedanke sich und gehe.

Nur zwei Glorie-Schrecksekunden:
Beim Blickeschweifen auf der Suche nach dem Pressedesk, bleibe ich an einer grossen Frau hängen. Ach da. Die. Die Ähm. Die das Festival organisiert. Die Strickmatter? Nein, ist sie doch gar nicht. Heisst die nicht eh Strittmatter? Das ist doch die andere … Eine mit S jedenfalls. Gross, doch. Momoll.
Beim Hinaussteuern und während dem Wühlen in der Wundertüten-PR-Plastiktasche, schneidet mir ein Auto den Weg ab. Mercedes, wohl so eine A-Klasse. Und es steigt der ähm aus. Der … ähm. Röbi? Der Arena-Typ mit dem breiten …? Nein, ist doch der vom Club. Eben doch Röbi. Wusst ichs doch. Wo gibts hier Kaffee?

 

2. Man wähle die grossen Produktionen und wohne nicht in der Stadt

Zürich ist eben Zürich. Über sich hinauszudenken, tut sich die Stadt schwer. Wer nicht hier wohnt, hat es auch schwer – mit den Tickets. Die sind zwar numeriert, was stundenlanges Anstehen vor den Kinosälen erspart; aber versuchen sie mal mit dem Presseausweis am Freitag eine Karte für – sagen wir mal Lars von Triers «Melancholia» – Donnerstag zu reservieren.

Freitag, zweiter Festivaltag. Der Ticketmann ist freundlich: «Das Ticket können Sie erst am Mittwoch beziehen.»
«Aber ich bin am Mittwoch nicht in Zürich.»
«Sie können es auch am Donnerstag probieren.»
«Aber ich reise doch nicht extra her, wenn ich gar nicht sicher bin, ob ich noch ein Ticket bekomme. Kann man auch telefonisch reservieren?»
«Nein, das geht nicht.»
«Könnte ich einer Freundin den Pressepass da lassen und sie bezieht ein Ticket für mich?»
«Nur mit ID und auch nur mit Goodwill – ich würds jetzt machen, weil ich sie kenne, aber wer weiss, wer dann hier arbeitet.»

Man sollte sich nicht ärgern, weil die ausverkauften Filme sind die Gala-Premieren mit grünem Teppich (die Stars fliegen CO2-kompensiert ans Fest). Und auf dem grünen Ding stehen dann jede Menge Ähms – viel zu anstrengend, sie alle einzuschublädlen.

 

3. Man schaue den Rändern entlang

Darum: Wer keine Chance hat, in Zürich laufend persönlich auf der Matte zu stehen, vergisst die grossen Produktionen besser gleich (kommen ja eh in leere Kinos später) und darf sich Ausweichfilme suchen.

«Shame? Ausverkauft!»
«Dann …, mh, einmal <Halt auf freier Strecke>, bitte.» Hirntumorgeschichte.
Auch die kleinen Filme mit nicht ganz grossem Publikum werden anmoderiert. Diese deutsche Produktion moderierte die vom Kulturplatz. Das heisst, die die momentan nicht so viel zu sehen ist. Die Blonde ist ja wieder zurück, die, die sich kürzlich kunstvoll verwackelt in der Lokremise St.Gallen aufnehmen liess. Ähm. Ich komm nicht drauf – aber es geht ja auch um den Film.

Ganz sicher ist man den Rändern entlang also auch nicht, aber besser als an den Galas ist es alleweil.

 

4. Man besuche Branchenscreenings

Ganz und gar gefahrenfreie, unprominente Kinobesuche gibts dafür am Branchenscreening. Was Kinosäle füllen mag, zieht drei ungesprächige Knochen ans gemeinsame Brachengucken. Am Festival findet das anstatt am Bellevue in der Sihlcity draussen statt, im dunklen Kinoplex, dessen Name so simpel ist, man vergisst ihn extra leicht wieder.

«Ich bin zu spät. Ich müsste in den Saal 8.»
Die Kassendame guckt: «Jaaa. Da müssen Sie da rauf.» Sie deutet auf eine grosse breite Treppe.
«Jaaa?!»
«Ich bin eben neu hier, ich weiss es auch nicht genau. Dann müsste eine Rolltreppe kommen und dann müssen sie glaub ich rechts …»

So tief in der kinobaulichen Dunkelheit, glitzert rein gar nichts mehr.

 

5. Zu guter Letzt: Man treibe sich auf keinen Parties rum

Ist ja logisch. Dafür erfährt man die Gewinner halt erst aus der Presse: … Vier Filme, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Logisch.

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