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Wie tickt die Luzerner Zeitung?

«St.Galler Tagblatt» und «Neue Luzerner Zeitung» erhalten einen gemeinsamen Chefredaktor. Wir fragen in Luzern nach, mit wem es St.Gallen eigentlich zu tun bekommt.
Von  Peter Surber

Die Wochenzeitung WOZ ist skeptisch, ob sich die Leserinnen und Leser der Ost- und der Zentralschweiz im künftigen, «in Zürich konstruierten Regionalblatt wiedererkennen» – wenn schon die Rede von einer Ostschweizer Identität ein Unding sei. Ihre Skepsis illustriert sie in der heutigen Ausgabe mit einer Fotomontage: die Türme der Luzerner Kappellbrücke und der St.Galler Kathedrale innig vereint.

«Noch ist vieles unklar», sagt Diego Yanez, der Direktor der Journalistenschule MAZ in Luzern. Denn das Modell eines gemeinsamen Chefs für zwei regional weit auseinanderliegende Zeitungen sei in dieser Form einmalig für die Schweiz. Unter ökonomischen Gesichtspunkten überrasche ihn das Konzept eines «Super-Chefredaktors», mehr dazu später. Und inhaltlich sei es zwiespältig.

Denn: «Was ist die Aufgabe eines Chefredaktors? Er ist Manager im klassischen Sinn, er ist aber auch der Kopf, der das Blatt gegen aussen vertritt und verteidigt. Er exponiert sich, er kommentiert, er steht für die Linie der Zeitung ein im ständigen Diskurs mit der Zivilgesellschaft. Wie das funktionieren soll, wenn der Chef zum Beispiel am Montag und Mittwoch in Luzern und am Dienstag und Donnerstag in St.Gallen ist, kann ich mir nicht recht vorstellen.» Wer den gemeinsamen Mantel produzieren soll und wieviel Einfluss der «Super-Chefredaktor» auf das ganze Blatt ausüben könne, sei noch nicht abzuschätzen, sagt Yanez.

A2 ist nicht A13 oder: Verkehrspolitik ist regional

In St.Gallen und Luzern wird für das regionale Kerngeschäft zusätzlich eine Chefredaktorin oder ein Chefredaktor eingesetzt. Das zentrale Problem bleibe aber die regionale Bindung bei nationalen Themen: «In der Verkehrspolitik zum Beispiel gibt es in der Innerschweiz ganz andere Interessen und Empfindlichkeiten als in der Ostschweiz. Und zu solchen Themen will man als Leser die eigenen Politikerinnen und Politiker hören» – in St.Gallen also Paul Rechsteiner und nicht Josef Dittli. Auch Wirtschaftsthemen seien wesentlich regionale Themen; wie der Milchverwerter Emmi geschäftet, interessiert in Luzern mehr als in St.Gallen. «Das sind anspruchsvolle Aufgaben für den neuen Chefredaktor. Ich beneide ihn nicht», sagt Yanez.

Denn nicht nur die Regionen ticken unterschiedlich, sondern auch ihre Monopolmedien. Die NLZ setze schon heute stärker als das Tagblatt auf regionale Themen; das Tagblatt fahre (nicht politisch, aber publizistisch) einen konservativeren Kurs, sagt Yanez. Das heisst: In St.Gallen würden «relevante Themen noch detailliert und kontinuierlich gepflegt». Die NLZ macht dagegen Boulevard? So pauschal will Yanez das nicht sagen.

Stramm bürgerlich, stramm männlich

Zurückhaltend fällt die Einschätzung der NLZ bei deren Konkurrenz aus – der Onlineplattform zentralplus. Sie macht mit einer rund zehnköpfigen Redaktion seit drei Jahren in Luzern und in Zug Tagesjournalismus. Christian Hug, geschäftsführender und publizistischer Leiter von zentralplus, sagt auf die Frage, wie sich die Monopolstellung der LZ Medien in der Zentralschweiz ausgewirkt habe: «Generell ist es so wie allenorts, wo die Medienvielfalt abnimmt: Verschiedene Kräfte fühlen sich nicht eingebunden, Themen werden nicht abgebildet, mangelnde Konkurrenz und der Spardruck in der Medienbranche führen zu einem Leistungsabbau, es wird häufig nur eine Stimme gehört.»

Beobachter kritisieren, die «Neue Luzerner Zeitung» und «Zuger Zeitung» betrieben Kampagnenjournalismus namentlich gegen links. Hat die Tatsache, dass in der Innerschweiz die Kantonsbehörden fast ausnahmslos stramm bürgerlich und stramm männlich sind (beispielsweise die Regierungen von Zug, Luzern oder Schwyz), einen Zusammenhang mit der Mediensituation? Hugs Antwort: «Schöne These, die ich aber nicht betätigen kann. Mit Yvonne Schärli war bis letztes Jahr eine SP-Frau in der Regierung, und ich habe die NLZ nicht als pointiert Anti-Schärli erlebt. Dass die Linke den Sitz nicht halten konnte, ist wohl eher mit dem traditionell konservativen Wahlverhalten der Zentralschweiz zu erklären.»

Der oft gehörte Vorwurf des Populismus richtet sich insbesondere gegen Thomas Bornhauser, seit 20 Jahren Chefredaktor der NLZ – auch er wird wie in St.Gallen Philipp Landmark im April seinen Stuhl räumen. Auf zentralplus kommentierte Christian Hug Bornhausers Ära einerseits anerkennend: «Wenn das Blatt trotz Medienkrise und jährlichem Obolus ans Mutterhaus auch finanziell noch halbwegs über die Runden kommt, dann kann der Chef nicht alles falsch gemacht haben.» Und andrerseits kritisch: Es sei «Zeit für frischen Wind», die NLZ sei «berechenbar» geworden und habe die Neigung, «Irrelevantes aufzubauschen».

Journalistische K.o.-Tropfen

Was das konkret heisst, lässt sich an Beispielen illustrieren. Etwa diesem: Der NLZ war es eine halbseitige Berichterstattung wert, als ein Kind auf dem Schwanenplatz mit seinem Trottinett stürzte und sich das Knie aufschürfte. Oder: In Zug erregte die auf tiefem Niveau geführte Privatfehde des «Zuger Zeitung»-Journalisten Charly Keiser mit der Politikerin Jolanda Spiess-Hegglin die Gemüter, Details hier. Oder der Fall Romer – die von der «Weltwoche» lancierte und von der «Neuen Zuger Zeitung» übernommene Geschichte um eine angebliche Veruntreuung durch den Zuger Stadtrat Ivo Romer führte zu einer parlamentarischen Untersuchung. Der Lokalzeitung wurden «Aufwiegelung» und andere «schwerwiegende Fehlleistungen» angekreidet, mehr dazu hier.

Es sei jedoch nicht die Aufgabe von zentralplus, Medienkritik zu betreiben, sagt Hug. Allerdings versteht sich das Onlineportal durchaus als Plattform für eine kritische Gegenöffentlichkeit zur NLZ; im Kommentar schreibt Christian Hug von einem «fast schon übermächtigen Gegner». Die Situation ist mit jener in der Ostschweiz vergleichbar; Radio Pilatus wie auch Tele 1 gehören ebenfalls zur LZ Medien Holding, wie TVO und Radio FM1 zur Tagblatt Medien AG. Regionale Zeitungen und alternative Zeitungsprojekte mussten in den letzten Jahren ihren Betrieb einstellen oder wurden wie in Schwyz von den LZ Medien übernommen.

Diese mangelnde Vielfalt sei die Hauptmotivation gewesen, die letztlich zur Gründung von zentralplus führte. Mit welchem Erfolg? «Natürlich ist es anspruchsvoll, in der Schweiz einen neuen Medientitel aufzubauen», sagt Hug. «Und das Fusionsprodukt aus einst drei Tageszeitungen hat einen hohen Bekanntheitsgrad und ungleich grössere finanzielle Mittel als wir. Wir haben seit unserem Start im Jahr 2013 aber sehr vieles erreicht. Im letzten Jahr konnten wir die Anzahl unserer Leser annähernd verdoppeln, und auch dieses Jahr konnten wir die Zugriffe erneut um 25% auf monatlich 125’000 Unique Users steigern.» Von der Wertschätzung zeugten «all die positiven Rückmeldungen und die breite Unterstützung aus allen politischen Bereichen».

Härter mit Noch-Chefredaktor Bornhauser ins Gericht geht das Luzerner Kulturmagazin 041 in seinem satirischen Gefäss «Guten Tag». Von einem «Terrorregime» habe man aus der Redaktion gehört, auch Sätze wie: «Es herrscht ein Klima von Angst und Schrecken» oder «Bekanntlich hat Bornhauser die Redaktion nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche geführt, wobei ihm die Peitsche deutlich lieber war». Mit der NLZ sei es «derweil steil bergab» gegangen. «Sie war zwar die einzige Tageszeitung in der Region, man fand aber keine einzige Person, die gesagt hätte: Moll, das ist eine gute Zeitung. Irgendwann war sie vor allem für die Rubrik ‚Perlen des Lokaljournalismus‘ relevant. Was wir vermissten: eine echte (politische) Auseinandersetzung. Ein Interesse für Hintergründe statt für Fassaden. Auch jedes Wort über Kultur schien für deine Zeitung eines zu viel zu sein.»

Immerhin: In ihrer heutigen Ausgabe bringt die NLZ einiges an Regionalkultur sowie eine ganze Seite zum 80. Geburtstag von Rolf Lyssi. Autor: «Tagblatt»-Filmspezialist Andreas Stock.

Die NZZ und ihre Milchkühe

Stilunterschiede hin oder her: Vergleichbar sind die Monopolmedien in Luzern und St.Gallen nicht zuletzt in ihrem wirtschaftlichen Erfolg. Darauf weist auch Diego Yanez hin: «Die beiden Unternehmen werfen für die NZZ Gewinn ab. Cashcow wäre vielleicht ein zu starkes Wort, aber NLZ und Tagblatt sind rentabel. Der Rückgang bei Inseraten und Abos war hier weniger einschneidend als bei anderen Bezahlzeitungen.»

Die Neue Luzerner Zeitung AG ist Herausgeberin der fünf Regionalausgaben mit einer Gesamtauflage von rund 125’000 Abonnenten, davon rund 70’000 NLZ-Abos und mit täglich 294’000 Leserinnen und Lesern. Innert der letzten neun Jahre ging die Auflage von 131’004 auf 118’795 Exemplare zurück, und dies, obwohl 2014 der «Bote der Urschweiz» mit 16’047 Exemplaren für die schwächere «Neue Schwyzer Zeitung» eingewechselt kam. Die LZ Medien Holding AG mit rund 500 Mitarbeitern gibt die NLZ und ihre Regionalausgaben sowie die Zuger Presse mit Lokalausgabe Zugerbieter und den Anzeiger Luzern heraus. Zu dieser Holding gehören auch die AGs Radio Pilatus, Tele 1, Multicolor Print, Maxiprint.ch, NZZ Fachmedien und NZZ Management. 2014 erzielte die LZ-Gruppe einen Gesamtertrag von knapp 136 Millionen Franken. Daraus resultierte ein Betriebsergebnis von 8,6 Millionen Franken. Ein Jahr zuvor waren es zwei Millionen mehr.

Die Tagblatt Medien AG gibt zum einen das «St.Galler Tagblatt» mit seinen sieben Regionalausgaben heraus, seit März 2013 auch mit einer siebten Ausgabe, der «Ostschweiz am Sonntag», sowie das Online-Portal tagblatt.ch. Daneben erscheinen der «Anzeiger» und die «Gossauer Wochenzeitung» sowie Fachzeitschriften im Verlag. Zu den Tagblatt Medien gehören zudem der Regionalfernsehsender TVO und Radio FM1. 2014 wurde bei einem Umsatz von 134 Mio Franken ein Betriebsergebnis von 4,5 Mio Franken erwirtschaftet. Das Unternehmen beschäftigte Ende 2014 497 Personen. Die Auflage des «St.Galler Tagblatts» und seiner Regionalausgaben beträgt gut 122’000 Exemplare und 271’000 Leserinnen und Leser. Die «Ostschweiz am Sonntag» kommt noch auf gut 53’000 Abos.

Für MAZ-Direktor Yanez steht fest: Der NZZ sei es mit ihrer Regionalzeitungsstrategie von Beginn weg nicht um ein publizistisches Anliegen gegangen, sondern um ein betriebswirtschaftliches. Ob die Rechnung auch nach der Hochzeit Luzern-St.Gallen aufgeht, wird man sehen.

 

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