, 7. November 2017
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Wieder zum Fussball gehen

Der FC St.Gallen ist derzeit eine Wundertüte und steht damit beispielhaft für den Fussball. Es ist das Unvorhersehbare, das diesen Sport so reizvoll macht.

Bild: Bruno Zanvit

Zur grün-weissen Fan-DNA gehört ein wenig Zynismus. «Und wenns mol gar nöd lauft, hämmer s’Chlosterbräu.» In der Ostschweiz ist der sportliche Wettkampf keine Notwendigkeit, um ein Spiel zu besuchen. Die Ära Zinnbauer hat den St.Galler Anhang weiter diszipliniert, sich selber zu genügen. Nur elf der 30 Heimspiele unter dem deutschen Fussballlehrer gewann der FC St.Gallen. Die Erinnerungen an grün-weisse Partien 2015 und 2016 vor eigenem Publikum werden schon zeitnah verblassen. Wenn sie es denn nicht schon sind. Es waren meist uninspirierte, schwerfällige Auftritte.

Unter Giorgio Contini hat sich das verändert. Sechs der zehn Heimspiele seit seinem Amtsantritt gestalteten die Espen siegreich. Man kann wieder des Fussballs wegen zum Fussball gehen. Man kann bei den Spielen des FCSG wieder die Kernkompetenzen des Fussballs ausmachen: das Unvorhersehbare, die Hoffnung auf Erinnerung. Und es scheint beinahe so, als müsse man in St.Gallen erst wieder realisieren, dass im Westen der Stadt nicht nur ein als Sportevent verkleidetes Freundestreffen stattfindet, denn die Zuschauerzahlen sinken weiterhin. Offenbar muss man erstmal verinnerlichen, dass neuerdings auch wieder ein Kribbeln beim Matchbesuch da ist, eine Sehnsucht nach einem Erlebnis, das bleibt.

Zeichen einer Annäherung zwischen Mannschaft und Publikum sind dennoch zu beobachten. Dem letzten Treffer gegen die Grasshoppers – Barnettas Schlenzer zum drei zu eins – wohnte eine kollektive Übereinkunft inne. Eine Art stillschweigendes Nicken, dass man bei etwas dabei war, das bleibt.

Die leeren Sitzschalen dürften aber nicht zuletzt auch ihre Gründe im spätsommerlichen Machtkampf der Teppichetage haben. Zum sterilen Beton der Arena mischte sich ein bitterer Nachgeschmack. Es lag die Frage in der Luft, ob die St.Galler Fussballfunktionäre wirklich ausschliesslich das Wohl des Vereins im Sinn haben. Das alles rückt erstmal in den Hintergrund. Vorläufig zumindest. Denn im Stadion verdrängt das ausgeschüttete Bier nach eigenem Torerfolg den bitteren Nachgeschmack der Vereinsführung. Es ist ein trügerischer Duft. Parfüm verblasst irgendwann.

Statistiken geben wenig Aufschluss

Es gibt aber weiterhin einige Baustellen. St.Gallen erzielt die wenigsten Tore nach Eckbällen – kein einziges bisher – und sie kassieren die meisten Tore der Liga im zweiten Durchgang einer Begegnung, deren 17 (von 26). Das sind denn aber auch schon die bemerkenswertesten Zahlen zum FC St.Gallen. Wer die hiesige höchste Spielklasse statistisch studiert, stolpert kaum über die Espen. Sie führen keine wesentliche Statistik an, haben in ihrem Spiel kaum eine statistisch belegbare Prägung.

Wer diese Equipe verstehen will, muss sich ihr Spiel für Spiel widmen, denn sie folgt keinen verlässlichen Gesetzmässigkeiten. Man schlägt den Meister und drängt den Tabellenführer an den Rand einer Niederlage, geht aber gegen Lausanne mit einer beispiellosen Naivität unter. Unvorhersehbarer Fussball, unvorhersehbarer FC St.Gallen. Mit einem Lauf wären europäische Berufsreisen im nächsten Herbst möglich. Die Mannschaft befindet sich derzeit in einer spannenden Findungsphase.

Wer finden will, muss suchen. Und Suchende gibt es beim FCSG. Zu diesen zählt auch Tranquillo Barnetta, der seinen Platz im St.Galler Ensemble noch nicht gefunden hat. Es gehört zum Aufgabenbereich eines Trainers, Rollen zu definieren. Aber Contini ein Versäumnis vorzuwerfen, greift zu kurz. Denn ein allgemeingültiger Plan, einen Instinktspieler wie Barnetta sinnvoll in einem System zu integrieren, existiert nicht. Ihre Laufwege haben etwas Unbegreifliches an sich. Dass sie kaum in ein Schema passen, ist Teil ihrer Wirkung. Sie bewegen sich intuitiv in taktischen Grauzonen, Halbräumen.

Contini dürfte vor allem im mentalen Bereich gefragt sein. Dass er jenes Coaching beherrscht, hat er bereits bewiesen. Exemplarisch ist die Entwicklung von Danijel Aleksic, der in zwölf Meisterschaftspartien schon sieben Skorerpunkte totalisiert. In der vergangenen Spielzeit verbuchte er nur fünf.

Fussballer wie Aleksic, Yannis Tafer oder Nassim Ben Khalifa sind aussichtsreich veranlagt. Doch sind es eben auch Fussballer, die empfindlich sind für Stimmungen. Ihr Einfluss auf das Spiel ist allzu sehr abhängig von Formkurve und dem Gelingen ihrer Mitspieler.

Taktisch flexibles St.Gallen

Zur Wundertüte St.Gallen passt eben auch Continis taktische Flexibilität. Während Zinnbauer meist stur auf Viererkette und eine Sturmspitze setzte, passt sein Vorgänger das taktische Konstrukt dem Widersacher an. Der FCSG verteidigte in dieser Spielzeit schon mit drei und vier Mann, liess alleine oder doppelt stürmen. Bei der naiven null-zu-vier-Niederlage gegen Lausanne wählte der St.Galler Coach die falsche Mischung.

Umso besser traf er sie gegen GC: Der Grasshopperclub unterlag den vorzüglich eingestellten St.Gallern auch auf der Taktiktafel. Murat Yakin umgibt eine seltsame Aura, die Zweifelnde in Selbstbewusste verwandelt. Taktisch aber entlarvte ihn sein ehemaliger Weggefährte Contini – zumindest für einen Nachmittag.

Womöglich gründet die Faszination dieses Sports auch auf seiner Flüchtigkeit. Woche für Woche fragt man sich, wie gut diese Mannschaft nun ist. Der Blätterwald versucht mit Fazits, Bilanzen und zu Charaktertests stilisierten Spielen das Verlangen nach abschliessenden Antworten zu stillen. Doch im Fussball ist das ein aussichtsloses Unterfangen. Dafür unterliegt er zu vielen Unwägbarkeiten. Formkrisen, Verletzungen oder unglückliche Schiedsrichterentscheide verhindern eine finale Gegenüberstellung.

Der Fussball folgt keinem allgemeingültigen Plan. Gerade dieses Unvorhersehbare macht den Reiz aus. Der Diskurs über Fussball ist im Grunde eine Sisyphusarbeit. Weil er nie zu einer Lösung gelangt. Wer sich den FC St.Gallen in dieser Saison bisher betrachtet, der sieht das exemplarisch.

Das Senf-Kollektiv besteht aus 15 fussballverrückten Frauen und Männern. Es gibt die St.Galler Fussballzeitschrift Senf heraus und betreibt daneben auch einen Blog. Senf kommentiert auf saiten.ch das Geschehen auf und neben dem Fussballplatz. Dieser Kommentar erschien zuerst auf senf.sg.

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