, 30. Mai 2018
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Wiedergelesenes, Nachgelassenes

Im St.Galler Projektraum Nextex wird zur Finissage der aktuellen Ausstellung von Simon Bachmann über Künstlernachlässe debattiert. Und das «existentialistische Café» ist nochmal offen.

«Der geschichtliche Überblick hat gezeigt, dass die Männer immer alle konkrete Macht in Händen hatten. Seit den frühesten Zeiten des Patriarchats haben sie es für nützlich befunden, die Frau in einem Zustand von Abhängigkeit zu halten. Ihre Gesetze wurden gegen die Frau eingeführt, und auf diese Weise ist sie praktisch als das Andere konstituiert worden. Diese Situation diente den ökonomischen Interessen der Männer…».

So zugespitzt tönt die Lage der Geschlechterdinge im Buch Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir, Untertitel «Sitte und Sexus der Frau». 1949 ist es erschienen, vor bald siebzig Jahren also, und das merkt man, so zeitlos gültig der obige Passus aus dem dritten Kapitel «Mythos» tönt, dem Buch teils auch an. Arbeitende Frauen, erst recht intellektuelle, beschreibt Beauvoir als eine Rarität, traditionelle Frauenbilder dominierten, und wer als Frau die Hosen anhaben wollte – auch im wörtlichen Sinn –, riskierte Diskriminierung: «Eine Frau, die sich der herrschenden Vorstellungen nicht anpasst, entwertet sich sexuell und folglich auch gesellschaftlich», steht im 4. Kapitel, betitelt «Auf dem Weg zur Befreiung».

Beauvoir wieder lesen… ein Buch wieder zur Hand nehmen, das auf der Liste der «100 Bücher des Jahrhunderts» von Le Monde weit vorn, an elfter Stelle steht? Diese löbliche Idee hat das «Existentialistische Café» im Ausstellungsraum Nextex im Mai umgesetzt. Diskutiert wurde an drei Abenden, neben Beauvoir kam auch ihr Gefährte Jean-Paul Sartre vor, ausserdem Sören Kierkegaard. Initianten des anspruchsvollen philosophisch-zeitkritischen Programms waren Kuratorin Salome Hohl sowie Dominique Kuenzle, Caroline Ann Baur und Rada Leu.

Nachlass-Kunst

Heute abend ist Dernière, und wer die Debatten verpasst hat, kann sich von der Kuratorin in einer Kurzführung ins Existentialistische Café und in die Ausstellung von Simon Bachmann einweihen lassen.

Finissage: Do 31.5.
18 Uhr: Kurzführung
18.30 Uhr: Referat Corinne Schatz
20 Uhr: Bar

Nextex, Kulturkonsulat, Frongartenstrasse 9 St.Gallen
nextex.ch

Zur Finissage lädt das Nextex gemeinsam mit dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft SIK-ISEA ein. Im Anschluss an die Kurzführung spricht Corinne Schatz über die Nachlässe von Hedwig Scherrer (1878-1940) und David Bürkler (1936-2016). Diskutiert werden Fragen wie: Was soll mit Werken, Objekten und Skizzen, aber auch mit Rechnungen, Tagebüchern oder Malutensilien von Kunstschaffenden nach deren Ableben geschehen? Anschliessend klingt die Ausstellung von Simon Bachmann, «Lieblingsfreizeitbeschäftigung Nr. 13» an der Nextex-Bar aus.

Simon Bachmann: Ohne Titel (DIE MOTHAFUCKA), 2017.

Kierkegaard übrigens hat, im tiefen 19. Jahrhundert, die (damalige) Gegenwart als eine Zeit beschrieben, die vor lauter Reflexion das Handeln und die Leidenschaft verlernt habe. Darin gleiche sie «dem gegen Morgen Eingeschlummerten: grossartige Träume, dann Dösigkeit, dann ein witziger oder gescheiter Einfall zur Entschuldigung dafür, dass man liegen bleibt.» Also: aufstehen, hingehen!

Weitere Infos hier. Anmeldung an rahel.beyerle@sik-isea.ch. Spontane Gäste sind auch willkommen.

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