Hannes Geisser, Leiter des Naturmuseums des Kantons Thurgau, lud vergangene Woche die Wildkatzenexpertin Beatrice Nussberger zum Gespräch ein. Thema: Was passiert, wenn sich Hauskatzen mit Wildkatzen vermischen und was sind die Folgen?
Der Museumsleiter und die Wildbiologin, die gegenwärtig das Wildkatzenmonitoring in der Schweiz leitet und über die Vermischung forscht, waren sich einig. Von vielen Fragen sind einige erst im Ansatz oder noch gar nicht beantwortet. Das Gespräch war Teil des Rahmenprogramms der Katzenausstellung im Naturmuseum, die noch bis 27. Oktober dauert.
1,7 Millionen gegen ein paar Hundert
Quantitativ sind die Unterschiede zwischen den domestizierten und den wilden Miezen enorm. Es gibt in der Schweiz rund 1,7 Millionen Hauskatzen und nur ein paar Hundert Wildkatzen. Aufgrund ihres Aussehens sind die Samtpfoten jedoch schwer auseinanderzuhalten.
Das Fell der europäischen Wildkatze ist getigert, der Schwanz geringelt und am Ende stumpf. Hauskatzen hingegen haben unterschiedliche Fellmuster und -farben und ihr Schwanzende ist spitz. Je nach sozialer Einstellung sind sie dem Menschen gegenüber zugeneigt oder abweisend. Wildkatzen sind sehr selten, äusserst scheu und nehmen vor uns Menschen Reissaus.
Die Katze – Unser wildes Haustier: noch bis 27. Oktober, Naturmuseum Thurgau, Frauenfeld
naturmuseum.tg.ch
Forschungsmaterial über Wildkatzen sei nur schwierig zu beschaffen, sagt Beatrice Nussberger. Sie habe in den Museen die hintersten Ecken der Magazine durchstöbern müssen, um einiger weniger Präparate habhaft zu werden. Begegnungen mit lebenden Wildkatzen oder auch nur ihre Spuren zu entdecken, erfordere Geduld und viele Autofahrten, vor allem ins Jura, wo die grösste Population von Wildkatzen in der Schweiz anzutreffen sei, schätzungsweise einige Hundert Tiere. Genaue Aussagen könne man diesbezüglich aber nicht machen, nur Schätzungen, sagt die Wildkatzenforscherin.
Baldrian-Junkies
Feldarbeit in den Wildkatzen-Revieren wird hauptsächlich mit Fotofallen, Holzlatten und Baldrian betrieben, erklärt die Forscherin. Mit Fotofallen lassen sich die Tiere optisch nachweisen, mit Holzlatten, die in den Wäldern in die Erde gesteckt und mit Baldrian bestrichen werden, lassen sie sich physisch nachweisen.
Wildkatzen und auch ihre domestizierte Verwandtschaft sind eigentliche Baldrian-Junkies. Sie reiben sich an dem präparierten, geschmacksintensiven Holz und hinterlassen dabei Haare oder setzen auch Markierungen ab. Die eingesammelten Proben werden anschliessend wissenschaftlich ausgewertet.
Das Monitoring der Wildkatzen findet auch im schweizerischen Mittelland und in der Ostschweiz statt, weil schon einige Tiere in diese Gegenden ausgewandert sind. Wichtig ist, herauszufinden, ob die unbehausten mit den behausten Katzen Kontakt haben, wie oft und ob daraus auch regelmässig Nachwuchs hervorgeht.
Hybridisierung ist noch wenig erforscht
Hybriden gibt es, in welchem Ausmass ist aber unbekannt. Sie werden nicht überall geschätzt, weil sie gewissermassen die äusserst rare Marke «Wildkatze» genetisch verunreinigen. Welches die Langzeitfolgen sind, ob schlecht oder gut, wisse man vorerst nicht, erklärt Beatrice Nussberger. Allenfalls könnte die Vermischung negativ auf die Lebensräume der wilden Art wirken, Krankheiten übertragen oder auch eine Blutauffrischung bewirken.
Die Wildbiologin ist von der Erhaltung einer originalen Wildkatzenrasse nicht überzeugt. In der Natur, sagt sie, würde es «ohnehin keine reinen Arten» geben. Die Hybridisierung, soweit ist sich die Forschung sicher, ist genetisch stärker in der mütterlichen als in der väterlichen Linie vorhanden.
Wegen der hohen Hauskatzendichte kann aber nicht von einer natürlichen Vermischung gesprochen werden, daher braucht es eine gewisse Selektion, die für ein Gleichgewicht unter den Arten sorgt. Denn wünschenswert ist es nicht, dass plötzlich alle Wildkatzen Hauskatzen-Gene in sich tragen, sagt Nussberger. Büsis mit Freigang, die sich auch mal zum Streunen entschliessen, sollten deswegen rigoros sterilisiert werden.
Laut Beatrice Nussberger sind Wildkatzen seit 1962 in der Schweiz geschützt. In Deutschland war dies schon früher der Fall, Frankreich zog 1970 nach. Für Nutztierhalter sind die Schleichjägerinnen keine Reiztiere wie etwa Wolf, Bär und Luchs. Sie reissen keine Schafe. Höchstens, dass sie sich mal an einem Huhn vergreifen, «aber auch das nur, wenn ihnen der Magen knurrt», wie die Wildkatzenforscherin meint.
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