Will der Salamander ins Zimmer?
Annina Arter hat die Kunsthalle Arbon in einen imaginären Garten verwandelt und in eine Bibliothek. Ein Kinderbuch aus dem Jahr 1991 dient der Textildesignerin als Ausgangspunkt einer Gedankenreise mit üppigen Bildern und umweltethischen Fragen.
Annina Arter, The Salamander Room, Installation in der Kunsthalle Arbon, Textildruck, 2026 (Bild: pd/Ladina Bischof)
Kräftige gelbe oder leuchtend orangefarbene Flecken auf tiefschwarzem Grund, die Haut glänzend, die Augen ebenfalls tiefschwarz – Feuersalamander fallen auf. Ihre kurzen Beine sind leicht angewinkelt, so als wiege der kräftige Körper schwer. Sie kommen hervor, wenn es feucht und dunkel ist.
In früheren Zeiten wurden diese gedrungenen Amphibien mit Drachen verglichen; Brian denkt vielleicht an einen Minisaurier. Der Junge findet einen Salamander und versucht, seine Mutter zu überzeugen, ihn in seinem Kinderzimmer halten zu dürfen. Wenig überraschend äussert die Mutter Bedenken: Wo soll das Tier schlafen? Wird es nicht seine Artgenossen vermissen? Was soll es fressen? Brian hat auf alles eine Antwort und so entspinnt sich im Bilderbuch The Salamander Room von Anne Mazer ein Dialog, der die Grenzen des Kinderzimmers sprengt. Dies auch dank der Illustrationen von Steve Johnson und Lou Fancher.
Brian lässt die Natur immer mehr in sein Zimmer hinein. Zunächst quellen nur Blätter aus der Nachttischschublade. Doch bald gibt es ein Wasserbecken, Bäume wachsen neben dem Kinderbett und statt der Decke leuchtet schliesslich das Himmelsgewölbe über dem kleinen Raum. Die Künstlerin Annina Arter hat das Kinderbuch entdeckt und sich sofort in den Bann ziehen lassen von der einfachen und doch so eindringlichen Geschichte.
In der Erzählung stecken sowohl die Sehnsucht des Kindes, ein Geschöpf aus der Tierwelt zum Begleiter zu haben, als auch die Utopie, Zivilisation und Natur zu vereinen. Für ihre Ausstellung in der Kunsthalle Arbon hat Arter daraus eine raumgreifende Installation entwickelt – das Spezialgebiet der freischaffenden Textildesignerin. Sie arbeitete mehrere Jahre bei Jakob Schlaepfer und führt seit 2017 ihr eigenes Studio in Zürich. Ihre Projekte entwickelt sie an der Schnittstelle von Design, Kunst und Raum – so entstehen Tapeten, Teppiche, Objekte und Installationen.
Die Kunsthalle Arbon in ein Biotop zu verwandeln, in ein Salamanderzimmer oder einen Garten, ist nicht einfach. Die ehemalige Lagerhalle ist gross, ihre Tragstrukturen sind markant; rauer, an vielen Stellen aufgerissener Asphalt bedeckt den Boden. Trotzdem hat es Annina Arter geschafft, die träumerische Atmosphäre des Kinderbuches in die Halle zu übertragen. Die gebürtige St.Gallerin hat mit Gouachefarbe einzelne Motive entworfen, sie rapportartig – so wie im Textildesign erprobt – aneinandergefügt und auf durchscheinende Vliesbahnen gedruckt. Diese zarten Bahnen hängen nun jeweils zu zweien hintereinander über den Stahlträgern der Halle und verbreiten Dschungelstimmung.
Stachlige Ranken schlängeln sich auf den Bildstreifen empor. Sind es überhaupt Ranken oder schon die Tentakeln eines Tieres? Blutrot leuchten Stacheln aus dem dichten Grün hervor. Blätter fächern sich auf, überlagern sich, strotzen vor Lebenskraft, spriessen aus dicken Stängeln. Die Vegetation wuchert üppig und ist doch gebändigt. Hölzerne Gitter, Zäune und Stangen bilden ein Gerüst. Und das untere Ende einer jeden Bahn bildet ein Stück Trockensteinmauer – damit schafft Annina Arter den optischen Übergang zum Hallenboden und die gedankliche Verbindung zu den Wänden des Kinderzimmers.
Auch der Himmel aus dem Bilderbuch findet sich wieder. Mal strahlend blau, mal eindunkelnd wie zur Blauen Stunde, mal tiefschwarz durchbricht er das Blätterdickicht. In den Nachtbahnen – und nur dort – tauchen Tiere auf: Eulen blicken mit leuchtend gelber Iris aus dem Dunkel; ebenso leuchten gelb sind die Augen auf den Flügeln der Nachtfalter.
Wer jedoch den Salamander sucht, wird nicht fündig. Annina Arter hat die Vorlage bewusst frei interpretiert. Statt ein Suchspiel zu gestalten, bei dem es nur darum ginge, den Salamander zu finden, ist ihr der Gesamteindruck wichtig. Dieser lässt sich am besten in Bewegung erleben. Da jeweils zwei Vliese mit jeweils identischem, aber gespiegeltem Motiv mit kleinem Abstand hintereinander hängen, schieben sich die Motive beim Vorbeigehen ineinander, bis sie genau deckungsgleich sind. Mit jedem weiteren Schritt lösen sie sich wieder und erzeugen so ein tiefes räumliches Bild. Dabei bleibt die Hallenarchitektur stets im Blick: Die gedankliche und die gebaute Welt, der Naturentwurf und seine Umgebung sind nicht voneinander zu trennen.
Die Installation in der Kunsthalle Arbon aus der Nähe (Bild: pd/Ladina Bischof)
Annina Arter hat keine begehbare Geschichte gestaltet und keinen Abenteuerspielplatz, sondern eine Installation, die sich auf grundsätzliche Fragen bezieht: Wer soll sich wem anpassen, die Natur dem Menschen oder der Mensch der Natur? Wie kann ein Zusammenleben von Mensch und Tier gelingen? Ist die Natur ein Gegenüber oder funktioniert es nur im Miteinander?
Antworten gibt die Ausstellung nicht, aber sie lädt ein, die Gedankenreisen fortzusetzen: In Holzboxen steht eine Kinderbuchbibliothek zum Blättern und Entdecken bereit. Es ist die Sammlung von Luca Beeler, Cédric Eisenring und Carmen Tobler. Sie wurde über viele Jahre aufgebaut und legt einen besonderen Fokus auf die Literatur der 1970er Jahre – einer Zeit, die von antiautoritären Ideen und einem erstarkenden Umweltbewusstsein geprägt war. Eines der 500 Bücher ist «The Salamander Room» – die Reise in diesen Raum oder aus ihm heraus kann beginnen.
Annina Arter – «The Salamander Room»: bis 10. Mai, Kunsthalle Arbon.
Ausstellung
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