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Willkommen, Bienvenu, Welcome!

An zwei Abenden führten die Kulturkosmonauten im Talhof St.Gallen ihr neues Stück Zirkus Sardam auf. (Bild: pd) 

An zwei Abenden führten die Kulturkosmonauten im Talhof St.Gallen ihr neues Stück Zirkus Sardam auf. (Bild: pd) 

Halb Kabarett, halb Weltuntergang: Im Talhof haben am Wochenende die Kulturkosmonauten ihre diesjährige Stückproduktion Zirkus Sardam gezeigt. Rund zwanzig Spieler:innen aus zehn Ländern waren dabei.

Will­kom­men, Bien­venu, Wel­co­me! Drei Wör­ter, ein paar Tö­ne, und die Welt des Zir­kus und Ka­ba­retts ist da, hin­ge­zau­bert auf die bunt il­lu­mi­nier­te Tal­hof­büh­ne. Der Con­fe­ren­cier stellt die Trup­pe vor: Num­mern­girls, Clowns, Seil­tän­ze­rin, Or­ches­ter, Tier­bän­di­ge­rin, Pan­to­mi­me, die drei stärks­ten Män­ner der Welt und vie­le mehr. Bloss ei­ner stört die Show, will un­be­dingt auch «uftret­te» und bringt den La­den durch­ein­an­der. Will­kom­men im Cha­os Ca­ba­ret!

Für ih­re neue Pro­duk­ti­on ha­ben sich die Kul­tur­kos­mo­nau­ten die­ses Jahr an Ca­ba­ret an­ge­lehnt, das un­ver­wüst­li­che Mu­si­cal aus den Sech­zi­gern. Auch wenn kei­ne Li­za Mi­nel­li auf der Büh­ne steht: Die rund 20 Mit­spie­ler:in­nen brin­gen all ih­re Ta­len­te zum Fun­keln. Al­len vor­an der Pan­to­mi­me, der den be­rüh­ren­den Auf­takt vor der Glit­zer­show macht – wort­los, mit sei­nen weiss­be­hand­schuh­ten spre­chen­den Hän­den schlägt er das Pu­bli­kum in den Bann. Und deu­tet schon mal an, dass nicht al­les ganz rund lau­fen wird.

Die Spieler:innen

Die Mit­spie­ler:in­nen, vie­le von ih­nen mit Flucht­er­fah­rung, wa­ren: She­ha­di Ab­dal­lah, Ma­ria­ma Ab­dul­lahi, La­mya Amag­hour, Il­lia Wil­liam As­mo­lov, Baran Ca­buk, Ar­let­te Chris­tin­ger, Dé­si­rée Fäss­ler, Vasy­ly­sa Fro­lo­va, Ta­ra Ge­or­giou, Ghul­am Sakhi Hay­da­ri, Mai­ra Ja­cobs, Ivan Lav­ren­tiev, Es­ad Özir­ma­li, Ka­mi­la Na­za­ro­va, Vik­tor Shev­chen­ko, Li­nus Sohm, Ueli Spre­cher, An­ton Tka­chuk, Yev­hen Vel­has, Yu­nus Yil­maz, Ra­bia Zi­rek und Em­ma Zünd. Sie ha­ben Wur­zeln in Sy­ri­en, So­ma­lia, der Schweiz, der Tür­kei, der Ukrai­ne, Deutsch­land, Grie­chen­land, Tu­ne­si­en, Po­len und Af­gha­ni­stan.

Denn da spukt ein an­de­res Stück hin­ein: Zir­kus Sar­dam des rus­si­schen Au­tors Da­niil Charms. Der in der Sta­lin­zeit ver­fem­te und 1940 im Ge­fäng­nis ver­hun­ger­te Au­tor schrieb das Stück in den 1930er-Jah­ren für das kurz­le­bi­ge Le­nin­gra­der Ma­rio­net­ten­thea­ter. Die künst­le­ri­sche Lei­te­rin der Kul­tur­kos­mo­nau­ten, Pa­me­la Dürr, hat es für ih­re Grup­pe be­ar­bei­tet.

Glit­zer­show mit Hin­ter­sinn

Von Charms stammt der auf­säs­si­ge Frem­de, der un­be­dingt mit­spie­len will: Bür­ger Vert­un­ov, ein zwie­lich­ti­ger Zeit­ge­nos­se mit klo­bi­gen Schu­hen, kann kei­ne Zir­kus­küns­te, aber be­haup­tet, flie­gen zu kön­nen. Ein ums an­de­re Mal wird er mit dem Be­sen von der Büh­ne ge­fegt, ein Run­ning Gag, wie ge­macht fürs Cha­os Ca­ba­ret.

Bei Charms setzt der Frem­de den gan­zen Zir­kus un­ter Was­ser. Die Kul­tur­kos­mo­nau­ten keh­ren den Spiess um: Die Sint­flut kommt hier vom Kli­ma­wan­del, Fol­ge ei­nes Jahr­hun­dert­re­gens. Die Seil­tän­ze­rin merkt es als ers­te. In ei­ner der stärks­ten Sze­nen dreht die gan­ze Trup­pe den Kopf nach oben, schaut ge­bannt, «Oooh» und «Aaah» … man glaubt sie tat­säch­lich auf ih­rem Seil in 1237 Me­tern Hö­he ba­lan­cie­ren zu se­hen. Und dann die Hi­obs­bot­schaft: Das Was­ser steigt, der Bo­den­see steht schon bei Wit­ten­bach. Wei­ter­spie­len, be­schliesst die Zir­kus­di­rek­to­rin, the show must go on. Aber dann bricht die Sint­flut durch die Tür.

Zum drit­ten Mal Cha­os

Welt­un­ter­gän­ge und Dys­to­pien al­ler Art ha­ben Kon­junk­tur – sel­ten ver­lau­fen sie je­doch so hei­ter wie hier. Das En­sem­ble legt ei­ne ur­ko­mi­sche Un­ter­was­ser­cho­reo hin, das Pu­bli­kum ru­dert en­ga­giert mit, ein Hai­fisch ver­irrt sich aus Brechts Drei­gro­schen­oper ins Stück, all­ge­mei­ne Pa­nik, bis Bür­ger Vert­un­ov wie­der auf­taucht und den ge­nia­len Ein­fall hat, ei­nen Schacht zu öff­nen. So fliesst die Sint­flut mit ei­nem ge­wal­ti­gen Gur­geln ab, die Welt ist noch ein­mal ge­ret­tet, das Cha­os kann wei­ter­ge­hen. Und das Pu­bli­kum be­kommt ei­ne be­den­kens­wer­te Mah­nung mit auf den Heim­weg: «Sei­en Sie freund­lich zu al­len. Sie wis­sen nicht, wer Sie am En­de ret­ten wird.»

Zir­kus Sar­dam ist die in­zwi­schen drit­te Stück­pro­duk­ti­on der Kul­tur­kos­mo­nau­ten, her­vor­ge­gan­gen aus dem Mon­tags­trai­ning und je­weils über den Jah­res­wech­sel in rund zehn Ta­gen er­ar­bei­tet und auf­ge­führt. 2024 war es die Fa­mi­lie Cha­os und 2025 ein Stück ei­nes Au­tors, der wie Charms Op­fer der Stal­in­dik­ta­tur wur­de: Der Dra­che nach Jew­ge­ni Schwarz. Re­gie beim Zir­kus Sar­dam führ­ten An­na von Schrot­ten­burg und To­bi­as Stumpp, Em­ma Zünd schuf die fan­tas­ti­schen Kos­tü­me.


kul­tur­kos­mo­nau­ten.ch

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