Willkommen, Bienvenu, Welcome! Drei Wörter, ein paar Töne, und die Welt des Zirkus und Kabaretts ist da, hingezaubert auf die bunt illuminierte Talhofbühne. Der Conferencier stellt die Truppe vor: Nummerngirls, Clowns, Seiltänzerin, Orchester, Tierbändigerin, Pantomime, die drei stärksten Männer der Welt und viele mehr. Bloss einer stört die Show, will unbedingt auch «uftrette» und bringt den Laden durcheinander. Willkommen im Chaos Cabaret!
Für ihre neue Produktion haben sich die Kulturkosmonauten dieses Jahr an Cabaret angelehnt, das unverwüstliche Musical aus den Sechzigern. Auch wenn keine Liza Minelli auf der Bühne steht: Die rund 20 Mitspieler:innen bringen all ihre Talente zum Funkeln. Allen voran der Pantomime, der den berührenden Auftakt vor der Glitzershow macht – wortlos, mit seinen weissbehandschuhten sprechenden Händen schlägt er das Publikum in den Bann. Und deutet schon mal an, dass nicht alles ganz rund laufen wird.
Denn da spukt ein anderes Stück hinein: Zirkus Sardam des russischen Autors Daniil Charms. Der in der Stalinzeit verfemte und 1940 im Gefängnis verhungerte Autor schrieb das Stück in den 1930er-Jahren für das kurzlebige Leningrader Marionettentheater. Die künstlerische Leiterin der Kulturkosmonauten, Pamela Dürr, hat es für ihre Gruppe bearbeitet.
Glitzershow mit Hintersinn
Von Charms stammt der aufsässige Fremde, der unbedingt mitspielen will: Bürger Vertunov, ein zwielichtiger Zeitgenosse mit klobigen Schuhen, kann keine Zirkuskünste, aber behauptet, fliegen zu können. Ein ums andere Mal wird er mit dem Besen von der Bühne gefegt, ein Running Gag, wie gemacht fürs Chaos Cabaret.
Bei Charms setzt der Fremde den ganzen Zirkus unter Wasser. Die Kulturkosmonauten kehren den Spiess um: Die Sintflut kommt hier vom Klimawandel, Folge eines Jahrhundertregens. Die Seiltänzerin merkt es als erste. In einer der stärksten Szenen dreht die ganze Truppe den Kopf nach oben, schaut gebannt, «Oooh» und «Aaah» … man glaubt sie tatsächlich auf ihrem Seil in 1237 Metern Höhe balancieren zu sehen. Und dann die Hiobsbotschaft: Das Wasser steigt, der Bodensee steht schon bei Wittenbach. Weiterspielen, beschliesst die Zirkusdirektorin, the show must go on. Aber dann bricht die Sintflut durch die Tür.
Zum dritten Mal Chaos
Weltuntergänge und Dystopien aller Art haben Konjunktur – selten verlaufen sie jedoch so heiter wie hier. Das Ensemble legt eine urkomische Unterwasserchoreo hin, das Publikum rudert engagiert mit, ein Haifisch verirrt sich aus Brechts Dreigroschenoper ins Stück, allgemeine Panik, bis Bürger Vertunov wieder auftaucht und den genialen Einfall hat, einen Schacht zu öffnen. So fliesst die Sintflut mit einem gewaltigen Gurgeln ab, die Welt ist noch einmal gerettet, das Chaos kann weitergehen. Und das Publikum bekommt eine bedenkenswerte Mahnung mit auf den Heimweg: «Seien Sie freundlich zu allen. Sie wissen nicht, wer Sie am Ende retten wird.»
Zirkus Sardam ist die inzwischen dritte Stückproduktion der Kulturkosmonauten, hervorgegangen aus dem Montagstraining und jeweils über den Jahreswechsel in rund zehn Tagen erarbeitet und aufgeführt. 2024 war es die Familie Chaos und 2025 ein Stück eines Autors, der wie Charms Opfer der Stalindiktatur wurde: Der Drache nach Jewgeni Schwarz. Regie beim Zirkus Sardam führten Anna von Schrottenburg und Tobias Stumpp, Emma Zünd schuf die fantastischen Kostüme.