, 5. Oktober 2020
2 Kommentare

Wir brauchen eine Sprache für den Fick

Sex hat es in der Literatur schwer. Sex hat es in der Schweiz schwer. Was das mit der Demontage von mächtigen Boomer-Boys zu tun hat. von Jessica Jurassica

Bilder im Titelthema: Saitengrafik

Irgendwann in meinen späten Teenager-Jahren las ich Fifty Shades Of Grey. Ich las es heimlich und ich las es weder besonders kritisch noch besonders begeistert, aber Sex interessierte mich und Spielarten des BDSM auch. Kürzlich ist mir Fifty Shades Darker, der zweite Band der Trilogie, in die Hände geraten. Ich begann zu lesen, musste aber irgendwann abbrechen, weil Christian eifersüchtig auf Anastasias Chef war und deshalb das komplette Unternehmen gekauft hatte, in welchem sie arbeitete. Schliesslich soll sie ihm gehören. Anastasia machte das wütend, weil sie diesen Eingriff in ihr Leben verständlicherweise sehr übergriffig fand und eigentlich hatten sie sich sowieso getrennt. Aber sie hatten dann trotzdem Sex und zwar ausnahmsweise Vanilla-Sex, also keinen BDSM-Sex, was in diesem Fall bedeutete, dass Christian sie ans Bett fesselte und mit Ben & Jerry’s Vanilleeis teaste, anstatt sie auszupeitschen.

Diese Bücher haben für mich heute nicht mehr viel mit Sex zu tun, sondern sind einfach nur eine sehr uninspirierte Form der Romantisierung von Abhängigkeitsverhältnissen und psychischem Missbrauch. Mit BDSM hat es auch nichts zu tun, weil für diese Praktiken Consent und Transparenz essenziell sind. Beim Lesen von Fifty Shades Darker erschrak ich jedes Mal, wenn er ungefragt in sie eindrang. Woher kann der wissen, dass sie das auch will? Und ich erschrak, wenn sie seitenlang einen inneren Monolog führte, in welchem sie Signale zu deuten versuchte, ob er sie nun liebte oder nicht. Warum reden die nicht einfach miteinander? Als ich das vor zehn Jahren las, stellte ich mir diese Fragen nicht, und ich kann nur vermuten, dass es mich auf keine sehr gute Art und Weise geprägt hat. Jedenfalls verbrachte ich die ersten fünf Jahre meiner Zwanziger damit, Typen hinterher zu schmachten und mich ihnen subtil unterzuordnen.

Jessica Jurassica, 1993, ist Literatin, Musikerin, Künstlerin und arbeitet an einer Bar. Sie ist im Appenzeller Hinterland aufgewachsen und lebt seit sieben Jahren in Bern. Während dem Corona-Lockdown hat sie eine erotische Fan-Fiction über Alain Berset geschrieben. (Bild: co)

Auch wenn ich Fifty Shades nicht lesen will, finde ich den ganzen Hype rückblickend nicht schlecht. Es war ein Durchbruch dessen, was allgemein abwertend als Trash-Erotik-Literatur bezeichnet wird. Plötzlich musste sich sogar das Feuilleton dieser Kunstform, die eigentlich keinen Platz in der Hochkultur hat, annehmen. Dass Fifty Shades ein Bestseller wurde, ist dem Internet zu verdanken, denn die Verbreitung der Trilogie lief über Blogs und die Fan-Fiction-Community. Das Internet dient in einem solchen Fall einer Demokratisierung der Literatur, es ermöglicht Autorinnen auch ohne grossen, gut vernetzten Verlag einen Bestseller zu landen. Und es ermöglicht, dass sich Sex seinen Platz in der Literatur nimmt. Denn Sex hat es in der Literatur schwer.

In der metaphysischen, intellektuellen Welt der Literatur hat Sex keinen Platz. Es gibt in der deutschsprachigen Literatur kaum eine Tradition des erotischen Schreibens. Erotische Texte sind eine Ausnahme und in den Kanon werden sie selten aufgenommen, vieles davon verstaubt in der Feminismus-Nische. Gerade wenn sie von Frauen geschrieben sind, gelten diese Texte als «provokativ» oder «mutig» – und das offenbart einmal mehr misogyne Strukturen. Was ist daran mutig, als Frau über Sex zu schreiben? Literatur soll sich doch mit allen Aspekten des Lebens befassen und Sex gehört da dazu. Das soll Provokation sein?

Verena Stefan: Häutungen
Charlotte Roche: Feuchtgebiete
Corinna T. Sievers: Vor der Flut
Sarah Berger: Sex und Perspektive
Stefanie Sargnagel: Weibliche Sexualität ist keine zarte Knospe

In der französischen Sprache hingegen hat es Sex weniger schwer. Da hat erotische Literatur Tradition, Sex gehört halt dazu, auch in Gesellschaftsschichten mit einem intellektuellen Selbstverständnis. Es gibt einige Werke von französischen Autorinnen, die Sexualität, queere Beziehungen oder Sexarbeit in literarischer und oft auch in soziologischer Art und Weise behandeln und damit durchaus ernst genommen werden.

Pauline Réage: Die Geschichte der O.
Virginie Despentes: King Kong Theorie
Simone De Beauvoir: Sie kam und blieb
Annie Ernaux: Erinnerungen eines Mädchens Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.

Annie Ernaux zu lesen, war für mich ein Schock. Ich hatte noch nie etwas gelesen, was mir so nah ging, wie Erinnerungen eines Mädchens. Dass ich mich so sehr in einem Text, der eine Jugend in den 50er-Jahren beschreibt, widergespiegelt sehe, ist erschreckend. Ich hatte in meiner Jugend im Appenzell mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, wie Annie Ernaux ein halbes Jahrhundert zuvor in der fran- zösischen Provinz. Wo ist die sexuelle Befreiung, die Emanzipation, der angebliche Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte?

Als ich das erste Mal einen Schwanz in der Hand hielt, war ich 18 und fühlte mich nicht wohl dabei. Er war mein erster Freund, löschte das Licht, nahm meine Hand und drückte sie gegen seinen erigierten Penis. Rückblickend war es für mich zu früh für sexuelle Erfahrungen, aber ich fühlte mich unter Druck gesetzt, schliesslich war ich bereits 18 und in diesem Alter soll man gefälligst ficken.

Ich lernte erst Jahre später meine Lust und Unlust zu artikulieren. In der Schule hatte ich nichts über Sexualität gelernt, jedenfalls nichts, das mir geholfen hätte, lustvollen, emanzipierten Sex zu haben. Ich lernte ein paar anatomische Halbwahrheiten oder wie Sex rein mechanisch funktioniert, Verhütungsmethoden, Geschlechtskrankheiten, Schwangerschaften, Menstruationszyklus. Dass es Homosexualität gibt, sagte uns unser Lehrer auch und doch weiss ich bis heute von keinem einzigen Menschen in meinem Heimatdorf im Appenzeller Hinterland, der offen homosexuell wäre. Dieser Lehrer erklärte uns ausserdem, was sexueller Missbrauch sei. Das war in der Fünften und er schien es für eine gute Idee zu halten, dies praktisch zu demonstrieren. Also trat er, während die ganze Klasse konzentriert Aufgaben löste, hinter mich, lobte mich für meine Arbeit und massierte dabei meinen Nacken. Dann erklärte er der Klasse, dies wäre jetzt eben ein sexueller Übergriff. Ich schämte mich und schwieg.

Im Dorf gab es ein Mädchen, das als frühreif galt. Sie hing mit den Älteren rum, rauchte Zigaretten und hatte Freunde, die Autos fuhren. Sie kam aus einer der eher konservativeren Familien und galt als Schlampe. Mit 14 wurde sie schwanger und sie schämte sich so sehr, dass sie es verheimlichte, bis sie im achten Monat war und sich die Schwangerschaft nicht mehr verstecken liess.

Diese Anekdoten sind typisch für das Appenzell und sie sind typisch für die Schweiz. Sex in der Schweiz ist schwierig. Nichts scheint so unschweizerisch zu sein wie Sex. Es ist schwer vorstellbar, dass in diesem Land gefickt wird und dass, wenn gefickt wird, das was mit Lust zu tun hat und nicht einfach nur mit Reproduktion. Natürlich haben wir unsere sexpositiven, queeren Bubbles, aber im Kern ist die Schweiz eine arbeitsbewusste, zweckorientierte Nation mit christlichen Werten. Die Protestant*innen «machen» Kinder und die Katholik*innen «zeugen» welche. Und eine lustfeindliche Nation sind wir sowieso, eine, wo Sex nicht mehr zu sein scheint als eine fette Headline in der Boulevardzeitung. Da wird dann gerne draufgeklickt, denn auch der Voyeurismus ist ein grosser schweizerischer Wert.

In der Schweiz hat Zuschauen politische Tradition, das gehört zur sogenannten Neutralität. Damals hat man dem ganzen Kolonialismus zugeschaut, später dem zweiten Weltkrieg und heute schaut man zu, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken oder unter lebenswidrigsten Bedingungen in Lager gesteckt werden, die irgendwann niederbrennen, und auch dann schaut man noch zu, als würde einen die humanitäre Katastrophe nichts angehen. Und man schaut auch zu, wie sich Menschen aus Verzweiflung auf dem Bundesplatz selbst anzünden, weil sie in diesem Land abgelehnt werden. Das ist nicht Neutralität, das ist Voyeurismus. Man macht sich die Hände nicht schmutzig und schaut mit einer angenehmen Distanz ganz bequem zu, wie alles vor die Hunde geht. Deshalb wird in der Schweiz auch nicht wirklich gefickt, sondern auf Sex-Headlines geklickt.

Das Appenzeller Hinterland habe ich vor sieben Jahren hinter mir gelassen, sexuelle Emanzipation und Befriedigung suchte ich mir sonst wo, und emanzipative erotische Texte haben da eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Heute lebe ich in Bern und habe ein Tinderprofil, aber nicht um Menschen zu treffen, sondern weil die Kombination von öffentlichem und privatem virtuellem Raum gesellschaftlich ziemlich aufschlussreich sein kann. Es ist ein dunkler Ort und also wenig aufbauend, vermittelt aber einen guten Eindruck, was Sex in diesem Land auch sein kann.

«Hi Jessica … habe Dich nun etwas gegoogelt und bin hin und weg. Du bist eine intellektuelle Bombe, erregend und superattraktiv, spannend und umwerfend. Ich würde Dich fürs Leben gerne kennen lernen.» Balthasar, 57

«Eine bemerkenswerte Zusammenstellung von Bildern, etwas rätselhaft auch … Paraphrase auf unsere Epoche der Maskierung, so liesse es sich deuten. Oder auch ganz anders; guten Abend, Jessica!» Harry, 51

Auf Tinder finden mich vor allem Männer über 40 wahnsinnig toll. Am meisten mögen mich die intellektuellen Boomer-Boys, die kunstaffinen Akademiker. Ich mag, dass mich diese Männer mögen, denn sie gehören zu jener Gruppe Menschen, die am meisten Macht haben. Männern wie ihnen habe ich einen Teil meines Erfolges zu verdanken, indem sie mich fördern, mir eine Plattform geben oder einfach nur sagen, dass meine Arbeit relevant ist und man ihnen das glaubt, weil sie wichtig sind.

Ich mag, dass mich diese Männer mögen, weil ich unter dem Boomer-Boys-Stockholm-Syndrom leide. Und ich mag, dass sie mich begehren, weil ihr Begehren sie schwach macht und ich weiss, wie ich ihre Macht relativ einfach demontieren kann: mit Sex und Sprache. Wenn ich als Frau literarisch einen Mann in einer Machtposition sexualisiere, sei es ein einflussreicher Verleger oder Bundesrat, bekomme ich schnell zu spüren, dass ich eine Grenze überschritten habe. Die Reaktionen sind beinahe panisch, denn das ist in den gegebenen Hegemonien nicht vorgesehen. Es entspricht nicht dem Skript.

Ich habe das Privileg, dass ich schreiben kann. Das ermöglicht mir, das Skript literarisch zu brechen. Das Schreiben ist eine Waffe im Kampf gegen männliche Machtstrukturen und natürlich auch Spielzeug, denn es soll ja Spass machen. Erotische Texte sind im prüden deutschsprachigen Raum also nicht nur literarisch unterbewertet, sie sind auch ein unterschätztes Werkzeug zur Emanzipation.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

2 Kommentare zu Wir brauchen eine Sprache für den Fick

  • Vera sagt:

    Grande, danke.

  • M. Jäger sagt:

    Treffender Artikel mit packender und provokanter Sprache. Schön, dass so ein Wildtrieb dem Appenzellerland entsprungen ist.

    Obschon die Schweizer Gesellschaft durchaus eine gewisse Verklemmtheit widerspiegelt, lässt sich zur Zeit ein Trend ablesen, mit kunterbunten Festivals, fabelhafter Wesen, offen ausgelebter Sexualität und Pseudo-Glückseligkeit, welche des Öfteren auf chemischen Substanzen zurückzuführen ist… Sieht so die Zukunft aus als Zeichen einer gesunden Gesellschaft? Auch wenn ich Offenheit schätze, komme ich nicht umhin, diese Bewegung mit einer gewissen Skepsis zu betrachten.

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