Eine Woche vor der Geburt meines zweiten Kindes erhielt ich von meinem Schweizer Arbeitgeber eine Email mit der Mitteilung, man erwarte meine Kündigung zum Ende meines Mutterurlaubes. «Mutterurlaub», welch herrliches Wort! 14 Wochen ausschlafen, Babykuscheln, vom Traummann bekocht werden und ansonsten nur Latte Macchiato trinkend in pastellfarbenen Cafés abhängen – so sieht sie aus, die Realität einer frischgebackenen Mutter, das weiss ja jeder.
Natürlich hätte ich nach dieser erholsamen Zeit wieder mein volles Pensum antreten können, das Kind ist ja dann auch schon über drei Monate alt und fängt gerade an, sich von rechts nach links zu drehen – da kann es doch auch in eine Ganztagsbetreuung, so what! Leider war das nicht mein Plan vom Mutterglück, ich wollte mehr: ein ganzes Jahr, nicht nur diese läppischen 14 Wochen!
«Da kann man nichts machen…»
Da ich in Deutschland wohne, ist das möglich. Das Zauberwort heisst: «Elternzeit». Klingt nicht ganz so sexy, dafür ist es aber mehr: Wenn der Partner mit einsteigt, gibt es 14 MONATE, nicht Wochen. In dieser Zeit erhält das zuhausebleibende Elternteil 60 Prozent des letzten Einkommens bei einer Obergrenze von 1800 Euro. Will man noch länger nicht zurück ins Office, lässt sich der Zeitraum auch auf zwei Jahre strecken, dann halbiert sich die monatliche Auszahlung. Der Arbeitsplatz muss freigehalten werden. Wird eine Frau im Rahmen der Elternzeit erneut schwanger, so gilt für die Elternzeit des zweiten Kindes die Berechnungsgrundlage des Einkommens vor dem ersten Kind.
Klingt komplex? Auf gut deutsch: In Deutschland gibt es die Möglichkeit, bei relativ stabilem Gehalt in relativ knappen Zeiträumen relativ viele Kinder zu bekommen. Im Gegensatz zur Schweiz. Meine Nachfrage bei einem Anwalt, wie ich mit der eingangs erwähnten Email umzugehen habe – in Deutschland wäre das illegal –, wurde beantwortet mit: «Sie sind schwanger und arbeiten in der Schweiz. Da kann man nichts machen.» Die Auskunft kostete mich übrigens 350 Franken, naja, auch schon wurst. So ist es wohl, das Leben als «das Mami», wie der Schweizer sagt. Adieu Weiblichkeit, adieu Berufstätigkeit, es war sehr schön mit euch!
Zurück nach Deutschland: Nach dem Jahr Elternzeit steht jedem Kind gesetzlich ein Krippenplatz zu. Und dieser kostet in Deutschland kein Monatsgehalt. Die Berechnung erfolgt nach verschiedenen Kriterien und ist damit nicht pauschal zu sagen, aber mit gut 300 Euro im Monat hat man in der Regel einen Ganztagesplatz inklusive Mittagessen abgedeckt.
Vom Gekritzel in den Unterlagen
Rein theoretisch ist das Gras also grüner jenseits der Grenze. Die Praxis sieht allerdings anders aus. Im Jahr 2018 bezogen 1,4 Millionen Mütter und 433ʼ000 Väter Elterngeld – Gleichberechtigung ist irgendwie anders, oder? Auch die Krippenplätze sind rar, es gibt ein strenges Auswahlverfahren und viele Eltern stehen mit ihrem einjährigen Kind vor einem Problem, da sie keinen Betreuungsplatz erhalten. Allerdings muss man den zuständigen Behörden und Ämtern zugute halten, dass sie bemüht sind, nach Alternativen zu suchen. Zum Beispiel Tagesmütter oder die Kostenübernahme von Babysittern. Trotzdem arbeiten in Deutschland zwei Drittel der Mütter in Teilzeit, von den Vätern sechs Prozent.
Vielleicht liegt die Gleichberechtigung nicht nur an den staatlichen Möglichkeiten. Ein Kleinkind von 7.30 Uhr bis 17 Uhr in eine Fremdbetreuung geben? Ich persönlich könnte das machen und Vollzeit arbeiten gehen. Für mich ist das aber keine schöne Vorstellung. «Kind oder Karriere?» ist eine Frage, die ich mir nicht stellen möchte. Ich mache beides. Gleichzeitig. Darum arbeite ich selbstständig und somit flexibel, meistens abends, wenn es ruhig ist im Haus. Oder ich mache Interviews und Businessmeetings am Spielplatz und nehme die Kids mit.
Das kostete mich anfangs ein wenig Überwindung, aber es gibt ja letztlich keinen Grund, sich für seine Kinder oder die Berufstätigkeit zu entschuldigen. In meinem Arbeitsalltag schreit jetzt halt mal jemand unqualifiziert in ein Telefonat, kritzelt in die Unterlagen oder schiesst einen Fussball auf die Tastatur. Dafür versinke ich nicht in der Ödnis der Wäscheberge, sondern mache Dinge, die ich kann und die ich gerne mache (ich hasse Haushalt …!). Meine Auftraggeber, Kollegen und auch meine Leserinnen wissen, womit sie es zu tun haben, und meine Kinder lernen, wie ich mein Geld verdiene und wie Zeitungen, Bücher und Theaterstücke entstehen. Das ist schön. Überhaupt ist das Muttersein sehr schön! Ich finde es daher ausgesprochen schade, dass darüber so wenig gesprochen wird. Oftmals stehen nur die Negativseiten und Benachteiligungen im Fokus. Muttersein ist ja so anstrengend… klar ist das anstrengend! Aber …
…Achtung, jetzt folgt ein Plädoyer!
Mamasein ist Chaos, Glück und Liebe. Das kann man doch nicht nur hinsichtlich der Rente und Kitaschliesszeiten betrachten! Auch wenn es manchmal furchtbar ungerecht ist, sind wir Mütter auch oft die Gewinnerinnen. Nicht auf dem Konto, dafür aber im Herzen. Schade finde ich, dass man in unserer Gesellschaft die Dinge oftmals nur an einem pekuniären Mass bemisst.
Natürlich kann man von Glück und Liebe nicht die Rechnungen bezahlen. Aber wenn man das System ganzheitlich betrachtet, dann ist Geld eben nur EIN Faktor von vielen. Und wenn man ein gutes soziales Umfeld hat, sind die Finanzen vielleicht nicht so entscheidend, weil man Dinge anders lösen kann. Glück und Freundschaft sind Ressourcen, die gesundheitsstärkend wirken und mit denen man das kapitalistische System umschiffen kann. Und wenn ich mich mit 80 Jahren sehe, dann lieber mit einem Stall voll Kindern als allein im Luxusaltenheim.
In einem Artikel der «Zeit» zum Thema Gleichberechtigung war kürzlich folgende Passage zu lesen: «Auf einer der unzähligen Jahresabschlussfeiern sass eine Frau auf einem Sofa neben dem Chef (ebenfalls klug und dem Selbstverständnis nach vermutlich modern) des jahresabschlussfeiernden Unternehmens, wobei der Chef so breitbeinig dasass, dass die Frau vom Sofa zu fallen drohte. Um dies zu verhindern, stand die Frau schliesslich auf. Das Verschwinden der Frau fiel jedoch weder dem Chef noch den übrigen Anwesenden auf.»
Die Autorin bedauerte im Weiteren sehr die allgemeine Breitbeinigkeit der Männer und die damit einhergehende Diskriminierung der Frauen. Ich bin beim Lesen fast von meinem Sofa gekippt, ganz ohne breitbeinige Verdrängung. Sondern weil es nicht in meinen Kopf geht, warum eine Frau nicht dazu in der Lage ist, zu ihrem Chef den einfachen Satz zu sagen: «Rutschst du mal bitte ein Stück?» Stattdessen beklagt sie sich bei ihrer Journalistenfreundin, die den Begriff der «Breitbeinigkeit» – Neudeutsch: Manspreading – bemüht, um die Unterdrückung der Frau zu zementieren. Da geht mir das Messer in der Tasche auf.
Dieses Gejammere geht mir dermassen auf die Nerven!
Wenn wir Frauen weniger verdienen, dann müssen wir eben unsere Vorgesetzten zur Rede stellen oder kündigen. Wenn kein Mann die Hausarbeit macht, müssen wir sie eben outsourcen (und zwar bitte nicht an unterbezahlte Migrantinnen oder unbezahlte Grossmütter, sondern an professionelle Services und Putzroboter) oder halt sein lassen. Es ist noch keiner an ungeputzten Fenstern gestorben. Wenn die Männer und die Gesellschaft uns keinen Lohnausgleich zahlen, uns nicht unterstützen und keine Veränderung zulassen, dann müssen wir eben neue Wege suchen.
Wir müssen unsere Rechte radikal einfordern. Dafür braucht es Eier und die haben wir Frauen, millionenfach. Sie machen sich mindestens einmal monatlich spürbar bemerkbar. Die damit einhergehenden Launen können wir damit verbringen, uns mit Wärmflaschen ins Bett zu verkriechen und zu bedauern, dass wir wieder ein paar Höschen auf 90 Grad waschen müssen. Wir können sie aber auch nutzen, um eine Gehaltsverhandlung oder ein Beziehungsgespräch zu führen. Wir Frauen müssen uns neue Welten bauen. Welten, in denen die Weiblichkeit und die Mutterschaft wertgeschätzt und hochgehalten werden.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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