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«Wir haben ein unglaubliches Lernfeld verpasst»

Warum eine Expo? Weil sie der Ausnahmezustand sei, das Noch-nicht-Dagewesene – und damit ein Ort,
 wo man Dinge lernt, die man sonst nirgends lernen kann. Das sagt Margrit Bürer, Leiterin des Amts für Kultur von Appenzell Ausserrhoden.
Von  Peter Surber
Margrit Bürer, fotografiert von Tine Edel.

Das St.Galler und das Thurgauer Stimmvolk haben Nein zum Planungskredit für eine Expo 2027 gesagt. Sie sagen, das war falsch, man hätte die Expo machen sollen. Warum?

Margrit Bürer: Nach meiner Überzeugung war das Siegerprojekt und dessen Erzählung einfach, gut vermittelbar und offen für vieles. Es basierte auf dem Dreiklang der Fragen: Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir? Es baute auf der Topographie auf, mit See, Stadt und Berg, und auf bestehenden Infrastrukturen mit den drei Eisenbahnlinien: Seebahn, Stadtlandbahn, Bergbahn. Das war vielleicht banal, aber es war ein sehr einladender Teppich, auf dem viel hätte passieren können. Es war eine gute Grunderzählung, nicht verkopft, sondern verständlich und umsetzbar.

Was sind Ihre persönlichen Expo-Erinnerungsbilder?


Wenn ich zurückdenke an die Expo 1964 in Lausanne, dann stellen sich Erinnerungen ein, die unauslöschbar sind. Das können ganz kleine Geschichten sein, zum Beispiel: Ich habe dort meine Veloprüfung gemacht auf dem Veloparcours, mit neun Jahren. Das werde ich nie vergessen. Da geht es jetzt nicht um eine Ikone der Architektur, es geht nicht nur um die «grosse Erzählung», sondern um dies: Ich habe dort etwas erfahren und erlebt, was mich in die Gesellschaft eingeführt und einen Schritt vorwärts gebracht hat. Später, bei der Expo.02 sind es für mich im Rückblick ganz viele Begegnungen, die aufleuchten: zufriedene Leute voller Lust, sich Dinge anzusehen.

Wenn sich die Expo 64 auf die Veloprüfung reduziert: Ist das nicht zu wenig?

Das ist nicht wenig. Wir waren als Familie dort, es war einer unserer wenigen Familienausflüge. Und ich konnte meine Erfahrungen machen. Jede und jeder findet an einer Expo solche auf ihn zugeschnittenen Momente.

Das heisst: Die Chance, Erfahrungen zu machen, ist etwas Entscheidendes?

Ja, gemeinsame Erfahrungen für verschiedene Altersstufen, für Leute aus unterschiedlichsten sozialen Verhältnissen: Dafür ist eine Expo eine einmalige Konstellation. Sie ist schichtenübergreifend. Das ist eine Stärke, die es sonst selten gibt. Und was sehr verbindend ist: Der Zeithorizont ist für alle derselbe. 2002, die Expo, jener Sommer: Wir alle tragen Bilder davon mit uns bis heute mit. So etwas gibt es selten.

9/11 wäre ein vergleichbarer Fall kollektiver, allerdings traumatischer Erinnerung, oder die erste Mondlandung…

…oder auch die ersten Olympischen Spiele am Fernsehen. Die Erlebnisse, die wir damit assoziieren, haben etwas ungeheuer Verbindendes. Die wahren «Ikonen» sind die Erfahrungen, die man dort und dann gemacht hat – und weniger, um beim Beispiel der Expo.02 zu bleiben, der Monolith von Murten oder die Wolke von Yverdon.

In meiner Erinnerung an die Expo.02 sind allerdings gerade diese «Ikonen» fast das einzige, was im Kopf bleibt. Und dazu kommt das zwiespältige Bild eines Konsumtempels, der die Expo.02 ja auch war. Man stand Schlange, es war ein bisschen wie in der Migros. In einer Studie hat die Expo.02 im Nachhinein selber festgestellt, dass sie nicht nachhaltig genug gewesen sei.

Ich sehe das anders: Die Behauptung, die Expo.02 sei nicht nachhaltig gewesen, stimmt grundlegend nicht. Dieser gemeinsame Sommer im Dreiseenland hat einen Zusammenhalt und einen gemeinsamen Erinnerungsraum im Land geschaffen. Das ist Nachhaltigkeit von einer anderen Qualität, als es in einem Bauwerk auf dem Expogelände hinterlassen oder in einem Buch zusammengefasst werden könnte. Was bleibt, ist in den Köpfen und in den Herzen. Und darüber hinaus gibt es nachhaltige Aspekte – zum Beispiel haben sich viele tragende Netze von Leuten gebildet.

Was sind das für Netze?


Es sind Netzwerke von Leuten in der Kreativwirtschaft. Ich habe das in meiner Tätigkeit bei Pro Helvetia später immer wieder erlebt – wenn man Fragestellungen hatte, für die man Lösungen gesucht hat, dann sind diese Netze zum Tragen gekommen. Netze, die sich gebildet und geschult haben an den gemeinsamen Aufgaben, welche die Expo gestellt hat. Wenn man eine solche «grosse Kiste» durch alle Krisen und Querelen hindurch bewältigt, und am Tag der Eröffnung klappt alles, und für die Besucher ist es ein einziges grosses «Wow»… das ist eine grandiose Erfahrung. Niemand wusste, wie man so etwas macht, man musste es permanent erfinden, es gab ständig Situationen und Aufgabestellungen, die man nie zuvor durchgemacht hatte.

Das betrifft vor allem Architekten und Designer?


Nein, auch Logistik, Tourismus, die Infrastruktur, die Kommunikation… alles war neu. Hinzu kamen die Stressmomente: Wie federt man Krisen ab, wen stellt man vorne hin, damit die anderen weiterschaffen können? 2002 wurde bekanntlich Franz Steinegger, genannt «Katastrophenfranz» geholt. Das zeigt: Es bilden sich Koalitionen, auf die man unter anderen Vorzeichen nie gekommen wäre. Und es funktioniert…

…unter der Voraussetzung des Ausnahmezustands?


Ja, daran glaube ich. Eine Expo ist ein Ereignis mit einem Anfang und einem Ende. Klar, wir kennen solche Ausnahmegeschichten auch anderswo, etwa beim Tunnelbau in den Alpen. Aber dort gibt es ein hochtechnologisches Ingenieurswissen, das man abrufen kann. Das kann man bei einer Expo nicht. Wie man eine Wolke bauen soll, das lernt man in keinem Ingenieurstudium. Dazu braucht es spartenübergreifendes Denken. Solche unterschiedlichsten Kenntnisse und Wissensgebiete kommen an einem Ort zusammen: der Expo.

Zusammengefasst: Was hat die Ostschweiz mit dem Nein zur Expo verpasst?

Wir haben ein unglaubliches Lernfeld verpasst. Wir haben verpasst, unserer Jugend einen Erlebnisraum zu schaffen, der nachhallt fürs ganze Leben. Wir haben verpasst, eine Begegnungsstätte und einen Experimentierort zu schaffen für Krethi und Plethi. Hinzu kommen die inhaltlichen Auseinandersetzungen, die eine Expo ermöglicht und erzwingt, die Fragen, die sie aufwirft, die Visionen, die sie entwickelt, die Zustandsbeschreibungen, die sie vornimmt. Und natürlich haben wir verpasst, dass die ganze Schweiz neugierig ist auf die Ostschweiz. Wir haben es verpasst, ein Bild der Region zu vermitteln, das vielseitig ist und das zeigt: All das macht uns aus.

Eine Expo, sagen Sie, ist dazu da, Fragen zu stellen: Wo stehen wir, worum geht es etc.? Brauchen wir sie, weil solches Fragen im Tagesgeschäft keinen Platz hat?

Deshalb, ja – und weil sie einen Zeitraum festlegt, innerhalb dessen wir diese Fragen stellen können samt der Grossfrage: Was wird dann sein? Wir sind ja in aller Regel kontinuierlich unterwegs und finden kaum Zeit, von einem bestimmten Punkt aus zurück und nach vorne zu schauen. Die Expo ist ein solcher Punkt, sie schaut sogar sehr weit nach vorn; bis man dort angelangt ist, gibt es fast keinen Menschen mehr, der nicht in irgendeiner Weise involviert ist. Es gibt so viele Anknüpfungspunkte im Alltag. Und es ist ein Projekt, das verschiedene Generationen und Kulturen in Bezug bringt. Im Hinblick auf 2027 waren dies einige der grossen Fragen: die virtuelle Welt, die Migration etc. … Wir können uns vor diesen Fragen nicht drücken.

Vielleicht wollen die Leute genau diese Fragen nicht hören? Oder hat man die Qualitäten, die Sie beschreiben, nicht vermitteln können? Warum kam es zum Nein?

Ich weiss es nicht. Ich habe mich geärgert über die raschen Schlussfolgerungen noch am Tag der Abstimmung, all diese altklugen Einschätzungen, woran es gefehlt hat. Ich weiss es nicht. Vielleicht ist man nicht auf die Idee gekommen, dass die Expo scheitern könnte. Planungskredite sind in der Regel nicht gefährdet. Ein Planungskredit für einen Tunnel kostet schnell auch einmal sieben Millionen. Für unsere satte Schweiz ging es um eine im Grunde läppische Summe, das tönt etwas überheblich, aber es ist so.

Was viele sagen: Die grosse Geste ist vorbei… Eine Grossausstellung, das ist ein Format von gestern.

Das glaube ich nicht. Wir hängen vielleicht noch an den Bildern von gestern, beim Stichwort Landesausstellung kommt einem gleich eine Riesenolma in den Sinn. Aber die Olma holt man alljährlich aus der Schublade, man lädt einmal den, einmal jenen Kanton ein, einmal gibt es Most, im nächsten Jahr Fendant. Damit hätte die Expo nichts gemein gehabt. Logisch: Es ist eine Herausforderung, etwas Anderes, Neues zu schaffen. Aber es waren viele Leute dabei, die an dieses Andere geglaubt haben. Das Projekt «Offshore» zum Beispiel, das auf Rang zwei gelangte, wollte die Expo auf dem Bodensee platzieren, die Ostschweiz hätte sich mit anderen Seen auf der Welt vernetzt und so weiter. Die Idee war so poetisch wie weltbezogen, sie wäre zwar an den Realitäten gescheitert, aber die Kraft, die in der Idee steckte, war grandios. Was sich allein hier und in den anderen Projekteingaben an Kreativität und an Potential ankündigte, liess erahnen, was eine Expo 2027 hätte sein können.

Die grosse Geste, die grosse Erzählung, die Millionen kostet: Die brauchen wir wirklich?

Die grosse Erzählung verbindet, sie gibt uns einen zeitlichen Horizont, sie gibt uns inhaltliche Kristallisationspunkte, und sie gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu entwickeln, zu lernen, sich einigen zu müssen. Auf dem Weg dorthin hätte es ganz viele Verhandlungen gebraucht.

Und die erste Verhandlung ist jetzt am 5. Juni gescheitert… Man könnte ja sagen: Machen wir es trotzdem, halt kleiner.

Dann wird es schwierig: Wo ist der gemeinsame Begegnungsort, an dem die Generationen und Kulturen zusammenfinden können? Die heutige Gesellschaft splittert sich auf in ganz unterschiedliche, meist unverbundene Gemeinschaften. Fussball, Kultur, Urban gardening, Politik, und so weiter: Es gibt unzählige kleine Einheiten. Wie bringt man sie zusammen? Dazu habe ich im Moment keine Idee. Die Expo wäre die Idee gewesen.

Der Kern einer Expo wäre also: zusammenzubringen, was sonst nicht zusammenkommt?

Ja, das ist der Kern.

Den Blick auf die Zukunft richten kann man aber auch ohne sie. Was sind Ihrer Meinung nach die Themen anno 2027?

Mit der Zunahme der digitalen Kommunikationen zeigt sich immer mehr, dass sie kein Ersatz sind für reale Begegnungsräume. Und so umfassend die Zugänglichkeit von Informationen, so anspruchsvoll ist es, aus dieser Überfülle das herauszudestillieren, was für unseren eigenen Alltag relevant ist. Dafür zum Beispiel braucht es neue Konzepte. Auch der Share-Gedanke ist ein grosses Thema, das in den verschiedensten Kontexten auftaucht. Und dann der Wandel im Kulturbereich; vielerorts kommt man weg von den grossen Institutionen und sucht Nischen, das Temporäre, das Flüchtige, auch das Innehalten, die Entschleunigung.

Nischen, Kleinformen, Improvisationen: Das sind alles Gegenbewegungen gegen die «grosse Erzählung». Das ist alles gewissermassen Anti-Expo …

Ja, aber die Expo ist konkret, sie ist ein Ziel, man kann darauf hinarbeiten, man kann sich die Zähne daran ausbeissen, oder mit einem anderen Bild: Sie ist ein Stein, den man zuhauen und abschleifen könnte in den kommenden Jahren. Klar ist: Das Jahr 2027 findet statt. Der Säntisschwinget findet jedes Jahr statt, die Olma auch, beide sprechen ein grosses Publikum an und finden Gefallen. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber nur einzigartige Ereignisse bringen uns als Gesellschaft wirklich weiter.

Die Expo hätte uns weitergebracht?

Ich glaube es, ja. Sie hätte uns jedenfalls in Bewegung gebracht. Und: Man kann einander nicht ausweichen bei einer Expo.

Margrit Bürer, 1955, ist Leiterin des Amts für Kultur von Appenzell Ausserrhoden. Dieses Interview erschien im Oktoberheft von Saiten.

 

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