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«Wir müssen Allianzen bilden. Unerschütterlich»

Jeremias Heppeler ist Multi-Media-Artist. Er arbeitet als Autor, Journalist, Musiker, Filmemacher und bildender Künstler in Konstanz. Seine Produkte vertreibt er selbst, ohne Verlage, Produktionsfirmen oder Galerien. Mit Veronika Fischer, die ähnlich arbeitet, spricht er über diesen Ermächtigungsprozess.
Von  Veronika Fischer
Jeremias Heppeler. (Bild: Christof Heppeler)

Veronika Fischer: Hinter uns liegt schon fast ein ganzes Jahr im Ausnahmezustand. Die Grosse-Pause-Taste ist gedrückt. Wenn man dir aber auf Social Media folgt, gewinnt man einen anderen Eindruck. Du hast einen Kinofilm in Buenos Aires gedreht, eine Punkband gegründet, ein Kultur-Magazin veröffentlicht, Musikvideos gedreht, Kunsteditionen erstellt, ein Hörbuch produziert und deinen ersten Roman veröffentlicht. Wie war das letzte Jahr für dich?

Jeremias Heppeler: Ich kann das Corona-Jahr rückwirkend nur ambivalent und von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten – und nur für mich alleine sprechen. Mein künstlerischer Entwurf zeichnet sich, glaube ich, durch zwei Faktoren aus: Vermischung und Intermedialität einerseits, und eine schiere Lust am «Machen» auf der anderen Seite. Das ist in einem Pandemie-Jahr ein grosser Vorteil, weil ich schnell reagieren kann und selten lange im Voraus plane – und mich vor allem auch in digitalen Räumen bewege. Ich habe viele analoge Veranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen und Konzerte, die dieses Jahr stattgefunden hätten, ins Digitale verschoben. Oder in ein anderes Medium. Solche Spannungen und Anspannungen finde ich retrospektiv interessant, im Erleben aber auch oft schmerzhaft. Auch weil man parallel dazu den Schmerz anderer Kunst- und Kulturschaffender sieht, die eben anders arbeiten. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Beim Schreiben habe ich zudem gemerkt, dass auch die Entschleunigung ihren Reiz und ihre Vorteile hat. Man muss sich nicht immer an den Rand des Scheiterns manövrieren.

Die Absage deines Auftritts an den Baden-Württembergischen Literaturtagen war vermutlich eines dieser schmerzhaften Erlebnisse?

Ja, das war aus verschiedenen Gründen die bitterste Geschichte. Wir waren mit der Lesebühne BarJederVernunft gebucht. Am selben Wochenende hätten wir mit unserem Film beziehungsweise unserer Punkband Dieter Meiers Rinderfarm auf dem «Independent Days Filmfest» live gespielt – das hat dann nur online stattgefunden. Das sind Sachen, auf die man lange hinarbeitet, für die man viel investiert. Und den ganzen Sommer über waren diese beiden Termine das schummrige Licht am Horizont, weil sich alle irgendwie einig waren, dass Corona im Herbst vorbei wäre – aus der heutigen Sicht ist das selbstverständlich vollkommen absurd. Bei all dem ist mir klar geworden, wie komplex die Auswirkungen auf die Kulturszene sind. Wie viel da dranhängt. Geld, klar, immer. Leider. Aber auch Emotionen. Arbeit. Zeit. Ängste. Ganze Leben eben.

Und es geht bei solchen Veranstaltungen ja auch um neue Kontakte. Das geht online nicht so easy. Ihr hättet zum Beispiel die gleiche Bühne wie Saša Stanišić bespielt. Du hattest dann aber einen Beitrag von ihm in deinem Buchprojekt das insektarium. Wie kam es dazu? Doch online?

Ich hab Saša Stanišić angeschrieben auf Instagram, als ich seine Tweets gesehen habe, die für mich irgendwie perfekt in das insektarium gepasst hätten. Da erkennt man auch die Utopie, die soziale Medien eröffnen. Ich habe für das Buch extrem viel auf Instagram recherchiert, Leute angeschrieben, von überall her. Deshalb sind jetzt Kunstschaffende von Chile bis Neuseeland mit in dem Buch.

Jeremias Heppeler und Veronika Fischer. (Bild: Anja Mai)

Andere warten jahrelang auf Zusagen von Verlagen oder Literaturagentinnen. Du hast das Buch im Eigenverlag herausgebracht. Warum?

Erstens: Ich arbeite seit vier Jahren an einem Romanentwurf. Ich habe Gelder beantragt, Ausschnitte eingeschickt. Vier Jahre. So viele Hürden. So viele Mauern. So viel tote Zeit. Ich weiss ja nicht einmal mehr, wer ich selbst vor vier Jahren war – wie soll ich mit so einem Text umgehen? Zweitens: Dank Förderung durch das Kulturamt Konstanz konnte ich mein Hörbuch darunter veröffentlichen. Und das war ein sehr erfüllender Prozess. Woche für Woche ein Kapitel, direktes Feedback, ständig neuer Druck. Und am Ende stand dieser rohe, aber fertige Text. Dann drittens: Eine Förderung durch den Landkreis Konstanz hätte darunter live realisieren sollen, doch auch das Vorhaben hat Corona einfach verschluckt – also brauchte es eine Alternative, und da habe ich die drei Stränge verknotet. Literatur, zumindest in Buchform, ist schon ein zähes Medium. Andererseits ist im Sektor der Selbst-Releases ganz viel Trash und Schund dabei. Ich frage mich da: Wo ist die Zwischenwelt? Und was können wir von der Musikszene, von Rap und Trap lernen? Wie kann man ungefilterte Direktheit mit wertiger und ungewöhnlicher Literatur verknüpfen?

Wieso findest du Literatur in Buchform zäh? Die Haptik von Büchern kann doch ein digitales Format nie ersetzen.

Buch als analoges Medium finde ich immer noch faszinierend. Während ich CDs, DVDs, Games nur noch digital besitze, sind mir meine Bücher heilig. Aber bis ein Buch als Text erscheint, das ist so ein langwieriger Prozess. Andererseits habe ich genau das jetzt gemacht und fand es spannend, diese Stufen zu durchlaufen und auf eigene Faust zu stemmen.

Ich kenne das. Zu den langen Warte- und Bearbeitungszeiten kommen ja auch noch die Absagen, die man kassiert. Das war für mich nicht aushaltbar. Im Selbstverlag muss man dafür alles selber machen und auch die Kosten übernehmen. Wie hast du das gemacht? 

Genau, Ablehnung muss man aushalten können, auch die Deutungsvollmacht über das eigene Werk aus der Hand zu geben. Das ist massiver psychischer Druck, und es ist als Künstler, glaube ich, wirklich ein Skill, mit dem Scheitern fertig zu werden. Bei mir schlägt das dann immer in Wut um und die Wut in den Antrieb, es jetzt erst recht zu beweisen. Aber auf Dauer ist das nicht gesund. Ich finde, wir sollten den Eigenverlag ein wenig aus der Hobby-Autoren-Sphäre befreien und viel eher als Punk und als Selbstermächtigung verstehen. Als Freiheit, die uns vor allem das Internet geschenkt hat. Aber das ist auch immer ein finanzieller Risikofaktor, ganz klar. Bei mir hat das nur geklappt, weil ich eben die Förderung des Landkreises komplett auf den Druck geworfen habe.

Wie stellst du dir das konkret vor, dass Künstlerinnen und Künstler sich selbst produzieren, ohne als Hobbykreative wahrgenommen zu werden? Selbst ein Erfolgsautor wie Peter Stamm hat mir in einem Interview mal gesagt, dass er quasi jeden Tag auf einer Lesung ist, um über die Runden zu kommen, weil er vom Buchverkauf allein nicht leben könnte. Wie könnte man professionell und trotzdem unabhängig arbeiten?

Die Qualität muss zwingend stimmen. Es muss zucken, da muss eine Reibung entstehen. Und es braucht dringend professionelle Herangehensweisen und Umsetzungen. Im Übrigen soll das kein blindes Verlagsbashing werden, im Gegenteil. Es gibt ganz grandiose Verlage. Aber wir reden ja von Alternativen. Und vielleicht auch von Utopien. Finanziell ist es natürlich ein schmaler Grat, ich glaube, es ist unglaublich schwierig, sein Geld mit nur einer Sache zu verdienen. Vielleicht muss man sich als eine Art Mini-Firma verstehen, die auch Cross-Finanzierungen ermöglicht. Ich arbeite eineinhalb Tage als Kunstlehrer, dazu als freier Journalist und mache ab und an Auftragsarbeiten im Text- und Videobereich. Die Sicherheit, die ich dabei gewinne, ermöglicht es mir, beinahe komplett autonom zu arbeiten. Aber das geht vielleicht jetzt und für mich, das können niemals allgemein gültige Aussagen sein. Und ganz klar: Nichts frisst Kreativität so konsequent wie Arbeit und Alltag.

Ich selber habe in meinem letzten Projekt It’s only Haushalt versucht, den Spiess umzudrehen und in der Alltagsroutine kreative Aspekte zu finden. Seither habe ich einen anderen Blick darauf. Ich habe drei Kinder und finde, dass das kreative Arbeiten eine Art Ausgleich zum Familienalltag darstellt, der gleichzeitig aber auch Inspiration birgt. Du hast in deinem insektarium ja auch Zeichnungen von Kindern mit drin. Ich schliesse daraus jetzt einfach mal, dass der Brotjob für dich mehr ist als Grundeinkommen und Krankenversicherung?

Ich unterrichte an einer Grundschule, und dieses Gefühl, manchen Kids vielleicht einen Impuls auf ihren Weg mitzugeben, das kannte ich zuvor nicht und das ist extrem erfüllend.

Was hilft dir am meisten beim anderen Part deiner Arbeit als Multi-Media-Artist?

Ein wichtiger Punkt, damit das alles klappen kann, ist die Vernetzung. Gerade im Independent-Sektor hat es sich leider eingebürgert, dass man oftmals eifersüchtig auf seinen Nebenmann, seine Nebenfrau schaut, wenn deren Videos mehr Klicks abgreifen als dein eigenes, oder wenn andere die Zusage für ein freshes Projekt bekommen haben. Und mir geht es doch genauso. Gerade wenn man Tag für Tag hustled, sind die Erfolge der anderen oft schwer zu akzeptieren. Aber das ist ein Trugschluss. Wir müssen uns zusammenschliessen. Allianzen und Banden bilden. Uns unerschütterlich unterstützen, teilen, Probs aussprechen, Hilfe anbieten. Fünf Accounts mit tausend Followern sind fünftausend Follower. Irgendwie ist es doch offensichtlich, wie das funktionieren kann – und muss… und wird!

Veronika Fischer: fronelle.de
Jeremias Heppeler: jeremiasheppeler.de

Leicht gekürzte Fassung des zuerst auf seemoz.de erschienenen Gesprächs.

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