Im Palace St.Gallen ist am Freitag zum achten Mal der Paul-Grüninger Preis verliehen worden. Der Preis steht für die Würdigung von mutigem und menschlichem Einsatz in schwierigen Zeiten.
Bevor Stefan Keller beginnt, durch das Programm zu führen, und Paul Rechsteiner die Eröffnungsrede hält, startet der Abend im Palace mit einem musikalischen Stück von Martin Amstutz auf dem Bandoneon.
Dabei wird im Hintergrund eine Videosequenz von Aleksandra Signer abgespielt: man blickt aus einem Haus durch ein Fenster hinaus auf grüne Bäume, die sehr nahe stehen. Das im Loop gezeigte Video unterbricht die Musik, die Vorträge und Laudatio immer wieder mit einem Scheppern, wenn ein Vogel immer und immer wieder gegen die Scheibe fliegt.
Zwischen Polen und Belarus
Der Paul-Grüninger-Preis in Höhe von 50’000 Franken geht geht dieses Jahr an die polnische Primarlehrerin Paulina Weremiuk. Sie wohnt und unterrichtet in Narewka, einem kleinen Dorf in der Nähe der polnisch-belarussischen Grenze. Die Grenze selbst zieht sich durch einen unwirtlichen Wald. Durch diesen Urwald von Białowieża treibt der Diktator Alexander Lukashenko seit Herbst 2021 Flüchtlinge, mit dem Versprechen, sie würden ihre Sehnsuchtsländer erreichen können. Doch die Realität ist eine andere. Es handelt sich um eine niederträchtige Falle, die eine Spirale der Gewalt auslöst.
Der seit Jahren politisch geschürte Fremdenhass empfängt sie an der Grenze zu Europa. Einmal mehr hat Europa versagt, und sich eine Grenze der Schande errichtet, eine Grenze, an der Unsagbares passiert, Menschen erniedrigt und gefoltert werden, sterben oder verschwinden. Sie werden von einer Seite zur anderen geschickt, unausgerüstet für die Verhältnisse des Urwalds, treffen sie auf niemanden, der ihnen Asyl gewährt. Sie sind wie dieser Vogel, der permanent an der Scheibe scheitert. Sie geben nicht auf, irgendwann muss doch irgendwer dieses Fenster für sie öffnen?
Paulina Weremiuk, die sich im Unterricht schon immer für das Erinnern der jüdischen Geschichte Polens eingesetzt hat – um nicht zu vergessen – kann nicht mehr schlafen, als sie von diesen Zuständen erfährt. Sie setzt ein grünes Licht in das Fenster ihres Hauses – ein Zeichen unter der solidarischen Bevölkerung, welches zeigt, dass man helfen will. Und damit beginnt ein neues Kapitel in ihrem Leben, in welchem sie eine unbeugsame Haltung für Menschenrechte entwickelt, und eben dieses Fenster aufreisst, so gut sie kann.
Schriftsteller Martin Pollack und Historiker Stefan Keller von der Paul-Grüninger-Stiftung gratulieren Preisträgerin Paulina Weremiuk.
Zusammen mit den anderen Freiwilligen macht sie sich nachts, nur mit Rotlicht ausgestattet, um von den Grenzbeamten nicht zu schnell erkannt zu werden, auf, um Flüchtlinge zu suchen. Sie bringen Kleidung, Medikamente, Nahrung zu ihnen und versuchen ihnen so gut es geht, ihre Rechte beizubringen.
Sie ist nicht alleine. Der übermassig weibliche Widerstand setzt sich mit ihr vorbehaltlos für die Rechte anderer ein. Nach internen Schätzungen haben sie schon über 9000 Menschen geholfen. Leider sind auch mindestens 50 gestorben, weitere 150 Personen werden in den Tiefen des Waldes vermisst, 28’000 erfuhren den sogenannten «Push-Back» an der Grenze.
Anerkennungspreis geht an kurdische Aktivistin in Haft
Auch ein Anerkennungspreis wird ausgesprochen. Diesen erhält die kurdische Feministin und Menschenrechtsverteidigerin Ayşe Gökkan, welche von der Filmemacherin Tina Leisch gewürdigt wird. Sie selbst kann nicht an der Veranstaltung teilnehmen, hat ihre politische Arbeit sie doch 2021 für 26 Jahre ins Gefängnis in Ankara gebracht. Sie setzt sich seit 2009 – als erste weiblich gewählte Bürgermeisterin mit über 80 Prozent Stimmenanteil – für die Rechte der Frauen ein, bezog Stellung in einem Hunger- und Sitzstreik, als die «Mauer der Schande» zu Syrien hochgezogen wurde. Für ihre politische Arbeite wurde sie bereits über achtzig Mal verhaftet.
In einem Brief von ihr, der von ihrer Anwältin vorgetragen wird, betont auch sie die Wichtigkeit der Zusammenarbeit. Sie ruft auf zu Hoffnung, zur Solidarität. Auch sie ist nicht alleine. Sie sitzt mit mehreren, kurdischen Frauen im Gefängnis, die auch nach Absitzen ihrer Zeit nicht entlassen werden. Sie beginnt und beendet den Brief mit den Worten «Jin, Jiyan, Azadi» – dem Kampfspruch «Frauen, Leben, Freiheit», der vor allem seit der kurdisch-feministisch-iranischen Revolution im Herbst 2022 durch die Chöre von Menschen, ausgesetzt der Repression, aber auch solidarisch mit ihnen, zieht.
Paul Rechsteiner spricht anfangs von blankem Zynismus, der die Rechtspopulist:innen treibt. Europa sei «traumatisiert» von der «Flüchtlingskrise 2015» und es werden menschenrechtsverletzende Lösungen zur Ausschaffung «des Problems» gesucht, indem etwa Verträge mit Tunesien oder Libyen geschlossen werden. Zu Bedingungen, die dem Sklavenhandel gleichkommen. Er erwähnt aber auch die grossartige Solidarität der Schweizer Bevölkerung, wenn man z.B. nur an den Ausbruch des Ukrainisch-Russischen Krieges zurückdenkt. Für Paul Rechsteiner existiert eine rassistische und eine solidarische Schweiz, eine ausschliessende und eine inklusive. Und um Zweiteres nicht zu verlieren, liegt es an allen Einzelnen, sich in dieser Zeit zu bewähren.
Paul Rechsteiner spricht über die zwei Seiten der Schweiz.
Paul Rechsteiner erinnert in seiner Eröffnungsrede auch an die Ursprünge des Paul-Grüninger-Preises. Er erzählt, wie der ehemalige leitende St.Galler Polizeikommandant über die Jahre 1938 und 1939 mehreren hundert jüdischen Flüchtlingen über die Grenze half. Dies führte zu seiner Suspendierung, seine Ansprüche auf Lohn und Pension verfielen. Erst 1998 kam es mit der materiellen Wiedergutmachung – nach der politischen und juristischen Rehabilitation – in der Höhe von 1,3 Millionen Franken zur Gründung der Paul-Grüninger-Stiftung, die sich seither für die Unterstützung von Menschen einsetzt, die wiederum ihr Leben in den Dienst der Menschenrechte stellen. «Wir müssen uns in unserer Zeit bewähren», sagt Paul Rechsteiner. Der Paul-Grüninger-Preis wird alle vier Jahre verliehen.
paul-grueninger.ch
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