, 15. März 2024
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«Wir müssen wieder über staatliche Medien­finanzierung reden»

Im Interview spricht «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid über den Zustand und die Zukunft des Regionaljournalismus. Und er erklärt, wieso er seinen Ostschweiz-Hurrapatriotismus mittlerweile etwas heruntertemperiert hat.

Schon wieder eine Sparrunde beim altehrwürdigen «St.Galler Tagblatt» und seinen Ablegern in der Region: Zehn Prozent der Personalkosten müssen die Unternehmen, die zu CH Media gehören, dieses Jahr einsparen. Gemäss offizieller Kommunikation trifft es alle Regionen schweizweit gleich stark.

Für den Spardruck verantwortlich ist zum einen der Strukturwandel. Die Digitalisierung des Mediengeschäfts hat zu einem massiven Abfluss an Werbegeldern ins Ausland geführt. Davon betroffen sind alle grossen Medienhäuser in der Schweiz. Im Fall von CH Media sind es aber auch unternehmerische Entscheide, die zum finanziellen Engpass beigetragen haben. Mit der Strategie «CH Media 2025» will man die «digitale Transformation im Bereich Publishing» und den «Ausbau im Bereich Entertainment» vorantreiben. So haben sich etwa Investitionen zum Aufbau der «Today»-Portale in verschiedenen Schweizer Städten als Hypothek entpuppt, ebenso der Kauf der privaten TV-Kanäle der 3Plus-Gruppe, für die das von der Familie Wanner kontrollierte Verlagshaus einen tiefen dreistelligen Millionenbetrag hingeblättert haben soll, wie mehrfach kolportiert wurde. Auch teure Sportrechte von der Eishockey-National-League bis zur Uefa-Champions-League sowie Joint Ventures mit Ascot Elite, Paramount und Sunrise schenken ein.

Den Preis für diesen Drang nach Grösse bezahlen im Moment vor allem die regionalen und lokalen CH-Media-Redaktionen, die laufend zum Abbau gezwungen werden, und damit auch die Abonnent:innen, die für ihr Geld immer weniger regionalen Inhalt bekommen. Die Nachrichten aller CH-Media-Radiokanäle, zu denen auch das St. Galler Radio FM1 gehört, werden mittlerweile ausschliesslich in Luzern produziert. Und von den Dächern pfeift es, dass an einem Projekt gearbeitet wird, bei dem eine künstliche Intelligenz mit Informationen gefüttert wird und automatisiert Artikel verfasst. Ein Ende dieser Entwicklungen ist nicht abzusehen.

Strategische Entscheide aus Aarau, dem Geschäftssitz von CH Media, will und kann Stefan Schmid nicht kommentieren. Es gibt dennoch mehr als genug Gesprächsstoff, um sich mit dem Chefredaktor des «St.Galler Tagblatt» zum Interview zu verabreden. An einem sonnigen Februardienstag treffen wir uns am «Tagblatt»-Sitz an der St.Galler Fürstenlandstrasse in der aquariumartigen, nachmittäglich leergefegten Personalkantine.

 

Saiten: Vor deiner Rückkehr zum «Tagblatt» 2016 warst du mehrere Jahre in Bern als Inlandchef des Zeitungsbunds «Nordwestschweiz» der AZ Medien tätig. 2018 folgte der Zusammenschluss der NZZ-Regionalmedien und der AZ Medien zur CH-Media-Gruppe. Du bist damit unverhofft gleich wieder im Schoss der Verlegerfamilie Wanner gelandet. Wie hat sich das für dich angefühlt?

Stefan Schmid: An dem Tag, an dem das Joint Venture bekannt gegeben wurde, habe ich von einigen ehemaligen Aargauer Kolleg:innen «Welcome back»-SMS erhalten. Ich musste schmunzeln. Für mich war es positiv, da ich den Verlag und die Verlegerfamilie bereits gut kannte. Ich war vorher viereinhalb Jahre Leiter der AZ-Bundeshausredaktion. Ich wusste, wie sie ticken. Und ich konnte insofern auch etwa erahnen, was auf die Ostschweiz zukommt und die meisten hier noch nicht wissen konnten, weil man Wanners in der Ostschweiz nicht gut kannte. So gesehen war es für mich eine Rückkehr an bekannte Ufer. Und ich bin damals ja nicht im Schlechten gegangen, sondern weil mich die Aufgabe als «Tagblatt»-Chefredaktor gereizt hat.

Kurz vor deiner Rückkehr gab es in St.Gallen noch eine eigene Inland- und eine Auslandredaktion. Es kam dann bei den NZZ-Regionalmedien unter der publizistischen Leitung von Pascal Hollenstein zum Zusammenschluss mit der «Luzerner Zeitung» und einer gemeinsamen Mantelredaktion mit geteiltem Sitz in St.Gallen und Luzern. Wie gingst du als Chefredaktor mit dem Verlust des eigenen Inland- und Auslandressorts und dem fortschreitenden Bedeutungsverlust des Standorts St.Gallen nach dem Zusammenschluss zu CH Media um?

Als ich nach St.Gallen kam, gab es den gemeinsamen Mantel mit Luzern ja bereits. Ich hatte 50 Prozent der Verantwortung dafür. Ab dem Joint Venture und dem Aufbau der Mantelredaktion in Aarau hat St.Gallen die Mitverantwortung des überregionalen Teils verloren. Aus St.Galler Sicht war das ein gewisser Verlust. Die Inland- und Auslandredaktor:innen sassen nicht mehr an der morgendlichen Blattbesprechung oder beim Zmittag mit den Regionalen am selben Tisch. Journalistisch und publizistisch war es aber ganz offensichtlich auch ein Gewinn.

Das musst du erklären.

Mit dem Zusammenschluss hat das «Tagblatt» eine so grosse Bundeshausredaktion erhalten wie noch nie in seiner Geschichte. Früher hätten wir uns nie ein knappes Dutzend Inlandredaktor:innen leisten können, auch nicht zusammen mit Luzern. Der Zusammenschluss gab uns mehr Mittel für bessere Geschichten, und wir wurden so schweizweit zu einem grösseren Player. Darum gibt es ein weinendes und ein lachendes Auge: Es gibt einerseits weniger direkte Einflussmöglichkeiten für die Ostschweiz. Wobei wir bis heute einen engen, guten Austausch mit der Mantelredaktion pflegen. Es gibt zwei tägliche Telefonkonferenzen. Und andererseits aber eine Stärkung des überregionalen Angebots.

Das führt aber auch zum vielzitierten Einheitsbrei. Der Mantelteil ist in der ganzen CH-Media-Schweiz derselbe. Die Inlandberichterstattung aus Ostschweiz-Perspektive übernimmt heute ein Redaktor des «Tagblatt»-Ressorts Ostschweiz. Und seien wir ehrlich: Die Leute abonnieren das «Tagblatt» nicht wegen dem In- und Auslandteil.

Du hast ein Stück weit recht: Unsere regionalen Titel – das «St.Galler Tagblatt», die «Thurgauer Zeitung», die «Appenzeller Zeitung», das «Toggenburger Tagblatt» und die «Wiler Zeitung» – werden wohl in erster Linie wegen der Regional- und Lokalteile gelesen und abonniert. Aber: Das «Tagblatt» verfügte in seiner Geschichte stets über einen starken überregionalen Teil. Es gab zuletzt im ersten Bund die Themenseiten, phasenweise hatten wir drei eigene Auslandredaktoren. Wir waren nie ein Provinzblatt, das nicht über den regionalen Tellerrand hinausgeschaut hat, auch wenn der USP (Unique Selling Point) natürlich das Regionale ist. Die Hälfte des Blatts war aber immer überregional.

Andri Rostetter, ein gemeinsamer Ex-Kollege*, schreibt in der NZZ: «Einst stolze Traditionsblätter wurden bis zur Unkenntlichkeit zusammengespart, zu Satelliten von grossen Medienhäusern degradiert, zu Befehlsempfängern von sogenannten Mantelredaktionen, die wenig Ahnung von den Verhältnissen haben, in denen ihre Aussenstationen zu überleben versuchen.» Hat er mit diesen Aussenstationen auch das «Tagblatt» und seine Regionalausgaben gemeint?

Diese Frage müsstest du ihm stellen. Er hat eine spitze Feder. Das ist ihm natürlich nicht zu verübeln. Aber es ist doch einiges übertrieben in diesen Zeilen.

Seit dem Joint Venture hat es bei CH Media schon zahlreiche Sparübungen gegeben. In der aktuellen muss die CH-Media-Gruppe schweizweit rund 140 Stellen einsparen. Welche Gebiete und Ressorts in der Ostschweiz müssen diesmal Federn lassen?

Im Detail kann ich dazu keine Angaben machen. Wir müssen zehn Prozent der Personalkosten einsparen. Das betrifft alle CH-Media-Regionen und alle Bereiche im Unternehmen ungefähr im gleichen Mass.

Der Druck in der Medienbranche bleibt hoch. Muss früher oder später doch der Staat den Medien unter die Arme greifen?

Ich war ein starker Befürworter des Medienförderungsgesetzes, weil auch regionale Titel wie das «Tagblatt» davon profitiert hätten. Als grundsätzlich liberal gesinnter Mensch wäre es mir lieber, der Staat müsste die Medien nicht finanzieren. Es gibt in diesem Land eigentlich genug Leute, die in der Lage sind, Geld für journalistische Qualitätsprodukte auszugeben. In der Vergangenheit verdienten die Medien ja genug Geld, weil Zeitungen auch Werbeträger waren. Seit sich das entkoppelt hat und sich Rubrikinserate, Stellenanzeigen, Immobilienanzeigen et cetera ins Internet verlagert haben, muss sich der Journalismus erstmals in seiner Geschichte selber finanzieren.

Wohin soll das führen?

Es ist ein harter Kampf um jeden Abonnenten, jede Abonnentin, auch bei uns in der Ostschweiz. Chapeau an alle Medienunternehmen, die sich einen digitalen Kund:innenstamm aufbauen und davon leben können. Im Moment ist das Thema staatliche Medienfinanzierung vom Tisch, das Stimmvolk hat das Medienförderungsgesetz deutlich bachab geschickt, in den Ostschweizer Kantonen sogar besonders deutlich mit jeweils über 60 Prozent. Mittelfristig müssen wir aber – das ist meine persönliche Einschätzung – sicherlich wieder darüber reden, welche Möglichkeiten es geben könnte, um Medien zu unterstützen, die einen regionalen Service public erbringen.

Die Relevanz einer fundierten regionalen und lokalen Berichterstattung ist unbestritten.

Absolut, heute mehr denn je. Die sozialen Medien, die in vielerlei Hinsicht eben nicht sozial sind, verbreiten ungefiltert Desinformation, Propaganda und Hass – bei allen Vorteilen, die diese Netzwerke auch mit sich bringen. Aber da gibt es Inhalte, die ein traditionelles Medienunternehmen wie wir niemals publizieren würde. Und je mehr Leute sich ausschliesslich über soziale Medien informieren, desto wichtiger werden traditionelle Medienunternehmen, die nach journalistischen Kriterien und jenseits reiner Aufmerksamkeitslogik arbeiten.

Gerade während der Pandemiejahre ging zusätzlich zum «normalen» Leser:innenabgang eine weitere Gruppe an die Telegram- und andere fragwürdige Gratis-Kanäle verloren. Auch junge Menschen informieren sich heute kaum oder höchstens noch über TikTok oder andere Socials. Wie geht das «Tagblatt» mit diesem gesellschaftlichen Trend um?

Das ist ein Riesenthema. Ich denke, bei mittelalten und älteren Menschen sind wir nach wie vor gut verankert. Wie man heute die Jungen erreicht, ist die grosse Frage. Punktuell erreichen wir sie schon, vor allem durch die Präsenz in sozialen Medien. Auch mit unserem Portal «FM1 Today» sind wir in der Ostschweiz nahe am jüngeren Publikum dran. Aber vom Erreichen bis zum Punkt, aus ihnen zahlende Kund:innen zu machen, ist es ein sehr weiter Weg. Da gibt es auch kein Rezept, das man einfach aus der Schublade zücken könnte, sonst hätten wir das längst getan.

Wie lässt sich in diesem insgesamt schwierigen Umfeld die Qualität der Berichterstattung noch hochhalten?

Das ist eine berechtigte Frage. Die Anzahl Berichte nimmt leicht ab. Die Qualität misst sich jedoch nicht allein an der Anzahl Artikel pro Tag oder pro Woche. Da sind wir im ständigen Lernprozess: Was heisst Journalismus im digitalen Zeitalter, in dem zunehmend mehr Menschen Medien digital konsumieren? Wir messen, was wie gut und wie lange gelesen wird, oder zum Beispiel auch, welche Artikel den Kauf eines Abos auslösen. So erhalten wir täglich sehr viele Informationen über die Qualität unserer Artikel. Sind wir erfolgreich mit dem, was wir machen, oder schreiben wir an unserer Leserschaft vorbei? Ohne den Abbau beschönigen zu wollen – aber am Schluss kommt es vielleicht gar nicht mehr so darauf an, ob neun oder zehn Personen diese Geschichten erzählen. Die Qualität hängt nicht allein von der Anzahl Journalist:innen ab.

Aber auch nicht von der Anzahl Klicks.

Nein, auch nicht. Klicks sind für uns sowieso zweitrangig, weil wir kein reichweitenfinanziertes Medium sind, das gratis erhältlich ist. Die wichtigste Kennzahl für uns ist die Lesedauer: Wie lange lesen unsere Abonnent:innen die einzelnen Artikel? Sind sie zufrieden damit oder finden sie es uninteressant?

Mit dem Hinweis auf die Klicks meinte ich: Nicht alles, was eine Mehrheit «interessant» findet, ist automatisch auch für die seriöse Berichterstattung relevant.

Nein, das ist auch nicht das einzige Kriterium. Relevanz und Bedeutung spielen bei den redaktionellen Entscheidungen natürlich eine ebenso wichtige Rolle. Die Frage, ob ein Thema das Publikum interessiert, stellt sich dennoch.

Das ist gerade bei kantonalpolitischen Themen eine Herausforderung: Da geht es zwar immer um viel Geld, wichtige Verteilfragen etc., aber sie sind auch abstrakter und oft brötig. Nationale und lokale Themen sind dem Publikum näher, auch emotional. Wie gelingt es dem «Tagblatt», die Leserschaft auch kantonalpolitisch bei der Stange zu halten?

Du sprichst einen wichtigen Punkt an. Die kantonale Ebene ist die schwierigste. Auf Bundesebene hast du die sieben Bundesräte, es ist stark mediatisiert, viele berichten darüber. Im Lokalen ist die direkte Betroffenheit der Einwohner:innen hoch. Die Kantonalpolitik geht vielen nicht besonders nahe. Und für den Ringkanton St.Gallen gilt das gegenüber beispielsweise dem Appenzellerland oder dem Thurgau sogar noch stärker. Vielleicht hätte Napoleon damals doch besser den Kanton Säntis stehen lassen … Nichtsdestotrotz machen wir die kantonalen Geschichten gerne und haben hierfür auch einige sehr gute, langjährige Journalist:innen im Boot: Regula Weik, Adrian Vögele oder Marcel Elsener zum Beispiel. Wir fragen uns täglich, wie wir die kantonalen Geschichten so erzählen können, dass sie auch einen gewissen Impact haben. Journalismus zu betreiben, den niemand liest, und irgendwann in Schönheit zu sterben, nützt keinem. Mit simpler Matchberichterstattung aus den Kantonsratssitzungen ist es längst nicht mehr getan. Das Storytelling ist wichtig. Es funktioniert: Die Zahlen des Ressorts Ostschweiz sind gut, was Klicks, Lesedauer und Aboauslösung anbelangt.

Was sagt der eingefleischte Inlandjournalist, der du auch immer noch bist: Hat sich die Wahrnehmung der Ostschweiz im Rest der Schweiz in den letzten Jahren verändert?

Nein, nicht gross. In der Coronazeit haben sich unsere Kantone gut koordiniert und gemeinsame Stellungnahmen abgegeben. Bis dahin wars oft verzettelt. Das hat sicher dazu beigetragen, dass die Ostschweiz national etwas geeinter wahrgenommen wurde, weil hier die Coronamassnahmen etwas liberaler gehandhabt wurden als anderswo – unabhängig davon, ob man diese Politik nun gut oder schlecht fand. Der St.Galler Gesundheitsdirektor Bruno Damann hat dabei eine Schlüsselrolle eingenommen im Ostschweizer Widerstand gegen möglicherweise zu harte Massnahmen. Die Spitalpolitik wäre dann das Gegenbeispiel, das aufzeigt, wo es hapert in der interkantonalen Zusammenarbeit. Es wäre gut, wenn hier ein neuer Anlauf bald gelingen würde.

Wenn nicht gerade Pandemie ist, überwiegen in der Ostschweiz dann doch die inneren Gegensätze. Du hast ja, als du als «Tagblatt»-Chef angefangen hast, in deinen Kommentaren oft für eine geeinte Ostschweiz plädiert. Solche Kommentare liest man von dir nicht mehr so oft.

WOZ-Redaktor Kaspar Surber, den ich aus alten Wittenbacher-Zeiten gut kenne, hat mir einmal gesagt, wir sollten es mit dem «Hopp FC Ostschweiz»-Duktus nicht übertreiben. Ich musste schmunzeln und fand, er hat nicht unrecht. Ich bin dennoch der Meinung, die Ostschweizer Kantone sollten stärker zusammenspannen. Es gibt genug Bereiche, in denen das Sinn macht. Bundespolitisch bekäme die Ostschweiz mehr Gewicht. Und unsere Kantone sind als Wohnregion längst zusammengewachsen. Auf der anderen Seite sind das alles eigenständige Kantone mit eigenem politischem Innenleben. St.Gallen und Thurgau ticken verschieden, und in Appenzell Innerrhoden ist man besonders stolz auf die Autonomie. Wir pushen das Überkantonale in der Berichterstattung und versuchen immer wieder, Geschichten zu erzählen, die alle Kantone betreffen. Wir versuchen, publizistisch eine Art Klammerfunktion zu übernehmen.

Also immer noch «Hopp FC Ostschweiz», aber nicht mehr so plakativ?

Genau.

Was gefällt dir persönlich an der Ostschweiz?

Die Menschen hier sind bodenständig, ehrlich und berechenbar. Es braucht eine Weile, bis man mit uns befreundet ist, aber wenn man es einmal geschafft hat, dann sind es oft gut verankerte Beziehungen. Mir gefällt auch, dass wir hier nicht immer so hyperpatriotisch sind. Darum war Kaspar Surbers Hinweis treffend: Übertreiben sollte man es hier mit solchen Gefühlen wirklich nicht. Natürlich mag ich es, wenn uns hier etwas besonders gut gelingt. Aber deswegen stellt sich nicht gleich jeder ein Kantonsfähnlein in den Garten. Ich habe lange in Bern gelebt, finde die Stadt super und schön, aber der Berner Lokalpatriotismus ist für unsereins manchmal schon etwas zu viel des Guten: der schöne Dialekt, die herrliche Aare, die super Musikszene, der überragende Fussballklub etc. Alles gut und recht. In der Ostschweiz ist man sich dafür gewohnt, regelmässig Grenzen zu überqueren, das gibt einem vielleicht auch eine entspanntere Haltung zu sich selber. Und ich habe den Eindruck, wir seien auch nicht mehr so komplexbehaftet wie früher.

«Rüsten statt Renten» war eine Forderung in einem kürzlich erschienenen Leitartikel von dir. Es gäbe noch weitere Beispiele. Täuscht der Eindruck oder kommentierst du bürgerlicher als auch schon?

Die Zeiten haben sich geändert. Ich habe internationale Geschichte und Politikwissenschaften studiert und verfolge das internationale Geschehen. Der russische Überfall auf die Ukraine markiert eine Zeitenwende. Ich war immer armeekritisch. So habe ich zum Beispiel die Anschaffung des Gripen zunächst abgelehnt, weil die Luftwaffe nicht über zwei verschiedene Flugzeugtypen verfügen muss. Aber ich musste jetzt auch ein bisschen umdenken. Autokratische Länder wie China, Iran und Russland schliessen sich zunehmend zusammen gegen die westliche, freiheitliche, demokratische Welt. Es ist eine heikle Zeit, wir müssen wachsam sein. Wir müssen als Demokratie in der Lage sein, unsere Freiheit im Notfall zu verteidigen – nicht nur mit Worten. Worte nützen gegenüber Gewaltherrschern wie Putin, den ich für einen aggressiven Imperialisten halte, nichts. Hier scheint mir die politische Linke mit ihrem Anti-Armee-Reflex manchmal etwas gar sorglos zu sein. Aber auch bei ihnen haben einige gemerkt, was es geschlagen hat.

Abgesehen von dieser sicherheitspolitischen Einschätzung der Weltlage: Müssen dafür unsere Rentner:innen bezahlen?

Die Verknüpfung von Renten- und Rüstungspolitik war eine der Aktualität geschuldete Provokation, die nicht überall gut ankam. Aber ich habe für diesen Kommentar auch positive Zuschriften erhalten. Wir haben nicht unbeschränkt Geld zur Verfügung. Der Ausbau der AHV ist «nice to have», aber nicht zwingend nötig. Ich bin sofort dafür, Ergänzungsleistungen zu erhöhen für jene, die es brauchen. Aber es gibt auch sehr viele Rentner:innen, denen es gut geht. Ich würde in diesem Land lieber mehr machen für junge Familien, zum Beispiel Verbilligung von Kinderkrippenplätzen, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie et cetera.

Zurück zur Medienkrise: Urs Schneider, Verwaltungsratspräsident der Galledia-Gruppe, sagte im Saiten-Interview (Ausgabe vom Januar 2024), guter Regional- und Lokaljournalismus lasse sich finanzieren. Wie siehst du das?

Ich glaube auch, dass er sich finanzieren lässt. Wir verdienen ja auch Geld. Aber halt weniger als auch schon. Wir haben es schon angesprochen: Strukturwandel, Digitalisierung, Rückgang des Printanteils. Urs Schneider und Galledia kämpfen mit denselben Problemen. Die Frage ist, wie man mittelfristig nachhaltig Geld verdient mit journalistischen Produkten. Die Antwort scheint mir noch nicht ganz so klar, wie Urs Schneider, den ich persönlich sehr schätze, dies postuliert.

Urs Schneider hat auch gesagt, er hätte im Sinne der Regionalität niemals Aussenredaktionen aufgegeben. Schon rein psychologisch ist es wichtig, eine Redaktion vor Ort zu haben. Es fühlt sich nicht mehr gleich an, selbst wenn genau dieselben Leute noch dieselbe Menge an Texten produzieren, wenn sie dies nicht mehr in Rorschach und Herisau tun, sondern in St.Gallen.

Es stimmt, aus finanziellen Überlegungen mussten wir die beiden Standorte Herisau und Rorschach aufgeben. Es gibt aber noch Redaktionen in Wattwil, Wil, Weinfelden, Arbon, Frauenfeld und St.Gallen. Die Situation kann sich immer ändern, aber Stand jetzt wird an diesen Standorten nicht gerüttelt. Im Kern stimmt deine Aussage: Der Regionaljournalismus lebt stark von seiner regionalen Verankerung. Wir sagen unseren Redaktor:innen auch immer wieder, sie sollen rausgehen, in die Beizen, in die Parlamentssitzungen und so weiter. Corona hat hierbei auch ein Stück weit geholfen: Unsere Journalistinnen und Journalisten können theoretisch von überall her arbeiten und die Arbeitszeit ausserhalb der Redaktion hat tendenziell zugenommen.

Wird das «Tagblatt» in zehn Jahren noch sechsmal pro Woche gedruckt?

Es wird ganz sicher noch ein Regionalmedium und Qualitätsjournalismus geben in der Ostschweiz. Ob dieser allenfalls stärker auf digitalen Kanälen stattfindet und vielleicht nur noch dreimal oder einmal wöchentlich im Print, wage ich nicht zu prognostizieren. Im Moment haben wir aber noch so viele Leute, die gerne am Morgen ihre Zeitung im Briefkasten haben und bereit sind, jedes Jahr einen entsprechenden Betrag dafür zu bezahlen, dass eine Printreduktion für die unmittelbare Zukunft kein Thema ist.

Gut informierte Quellen sagen, es sei vor allem Pascal Hollenstein, aber auch deinem Engagement zu verdanken, dass in der Ostschweiz nicht schon früher viel mehr Stellen verloren gingen. Andere wiederum finden, du habest dich zu wenig für den Stellenerhalt eingesetzt. Was liegt überhaupt in deiner Macht als «Tagblatt»-Chefredaktor gegenüber den Strateg:innen in Aarau?

Ich pflege einen engen Austausch mit Aarau. Aarau heisst: der Verwaltungsrat, der Verwaltungsratspräsident, der CEO und Patrik Müller als oberster Publizist und Chef aller CH-Media-Chefredaktoren. Habe ich mich viel oder zu wenig eingesetzt? Eigentlich können das deine «gut informierten Quellen» gar nicht wissen, weil sie mit ziemlicher Sicherheit nicht an diesen Gesprächen dabei waren. Natürlich setze ich mich für die Ostschweiz, die Arbeitsplätze und die Journalist:innen hier ein. Auch die Verlegerfamilie Wanner ist im Übrigen sehr an gutem Journalismus interessiert. Über längere Frist gesehen hat man die Zahl der Journalist:innen sogar eher ausgebaut, zum Beispiel mit den «Today»- Portalen schweizweit, zu denen auch «FM1 Today» gehört. Die aktuelle wirtschaftliche Situation hat aber dazu geführt, dass man um einen Stellenabbau nicht mehr herumkam. Die zehn Prozent sind happig und tun uns weh. Und ich hoffe, dass sich das nicht wiederholt.

Das ist vor allem eine Hoffnung. Die Zahlen deuten in eine andere Richtung.

Der Strukturwandel ist noch nicht vorbei. Ringier muss sparen, Tamedia muss sparen, sogar SRF muss sparen. Das ist kein CH-Media-Problem. Vom Strukturwandel sind alle betroffen. Man muss es immer wieder betonen: Sehr viele Werbegelder fliessen aus der Schweiz ab an multinationale Grosskonzerne, zu Google, zu Facebook, zu den Social-Media-Besitzern. Die Stellen müssen aber in der Schweiz abgebaut werden. Das macht niemand, weil man es lustig findet. Aber auch das Publikum ist gefragt: Wie hoch ist die individuelle Bereitschaft in der Ostschweiz, für qualitativ hochwertigen Journalismus zu bezahlen?

Die Verantwortung kann man nicht alleine auf die Menschen abschieben. Wenn das Angebot laufend abgebaut wird, wirds auch nicht attraktiver. Ein Teufelskreis.

Da muss ich widersprechen. Das Angebot ist im überregionalen Bereich deutlich besser geworden. Und im Regionalen sind wir mit unseren Geschichten weniger gouvernemental und deutlich investigativer unterwegs als früher. Das haben etwa die Recherchen zur HSG gezeigt. Es ist deshalb unredlich, immer nur vom Qualitätsabbau zu reden. Aber klar: Es ist herausfordernd, trotz schwierigem Umfeld stets attraktiv zu bleiben. Ich höre manchmal im Bekanntenkreis: «Du postest spannende Artikel, aber ich kann ihn wegen der Bezahl- schranke leider nicht lesen.» Dann muss ich sagen: Finde den Fehler! Diese Gratismentalität finde ich schwierig. Es geht auch niemand in die Bäckerei und sagt: «Ich habe Hunger, gebt mir bitte das Gipfeli dort gratis.» Meine Hoffnung besteht darin, dass die Menschen bald genug haben vom Geschrei in den sozialen Medien, den Umgangsformen und der unterirdischen Debattenkultur, die dort oft herrschen.

Dann müsste das «Tagblatt» vielleicht vorangehen und seine Kommentarspalten, in denen es teils auch ruppig zu und her geht, schliessen.

Ja, dafür gäbe es durchaus das eine oder andere Argument … Die allgemeine Übersättigung von Sozialen Medien könnte eine Chance sein für traditionelle Medienmarken, die zuletzt auch etwas geringgeschätzt wurden, weil es mittlerweile viele «spannende» und gratis zugängliche, aber teils sehr fragwürdige Alternativen gibt. Bringen die sozialen Medien, wie sie heute genutzt werden, die Gesellschaft wirklich voran? Oder sollten wir nicht froh sein, wenn Journalist:innen seriös arbeiten, ihre Quellen überprüfen und nach journalistischen Prinzipien vorgehen, die Pro und Kontra und nicht bloss eine Sicht ins Blatt bringen?

 

Stefan Schmid, 1978, ist seit 2016 Chefredaktor des «St. Galler Tagblatt» und seiner Regionalausgaben in St. Gallen, Thurgau und im Appenzellerland. Nach seinem Studium der Geschichte und Politikwissenschaften in Bern und Paris begann seine journalistische Karriere 2005 als Inlandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», 2011 wurde er Blattmacher und Mitglied der Chefredaktion. Bis zu seiner Rückkehr nach St. Gallen 2016 leitete Schmid die Bundeshausredaktion beim Zeitungsverbund «Nordwestschweiz» der AZ Medien.

Roman Hertler, 1987, seit 2019 Saitenredaktor, war davor Volontär bei der «Appenzeller Zeitung» und danach fünf Jahre «Tagblatt»-Redaktor im Ressort Ostschweiz, welches damals von Andri Rostetter (heute bei der NZZ) geleitet wurde.

3 Kommentare zu «Wir müssen wieder über staatliche Medien­finanzierung reden»

  • René Uhler sagt:

    Wann finden sich in St. Gallen endlich gut gesinnte Kräfte, welche sich dem undifferenzierten Inhalt des St. Galler-Tagblattes widersetzen, um wenigstens eine objektive Berichterstattung in einer Wochenzeitung Gehör zu verschaffen?

  • Alain Vannod sagt:

    Werte Herren Schmid und Hertler

    Zu diesem Interview (für mich eher Small Talk) habe ich sechs Fragen:
    «Der Journalismus muss sich erstmals in seiner Geschichte selbst finanzieren.» Wie ist das zu werten, negativ oder positiv?
    «Die sozialen Medien, die in vielerlei Hinsicht eben nicht sozial sind, verbreiten ungefiltert Desinformation, Propaganda und Hass.» Wer bitte soll denn filtern in den sozialen Medien?
    «Sehr viele Werbegelder fliessen aus der Schweiz ab an multinationale Grosskonzerne, zu Google, zu Facebook, zu den Social-Media-Besitzern.» Woher kommt das und ist es in Ordnung so?
    «Wir müssen als Demokratie in der Lage sein, unsere Freiheit im Notfall zu verteidigen – nicht nur mit Worten.» Beim öffentlichen Vortrag des umstrittenen Politikers Wiktor Juschtschenko an der Uni in Zürich am 14. März wurde Friedensaktivist Alec Gagneux der Zutritt verwehrt. Ist diese «Demokratie» gemeint damit?
    «Meine Hoffnung besteht darin, dass die Menschen bald genug haben vom Geschrei in den sozialen Medien, den Umgangsformen und der unterirdischen Debattenkultur, die dort oft herrschen.» Wo ist denn die geistreiche Debattenkultur bei den mit Zwangsgebühren finanzierten Medien seit vier Jahren geblieben?
    «Gerade während der Pandemiejahre ging zusätzlich zum ‹normalen› Leser:innenabgang eine weitere Gruppe an die Telegram- und andere fragwürdige Gratis-Kanäle verloren.» Könnte der nachfolgende kurze Videoausschnitt mit unserem damaligen Bundespräsidenten Dr. med. Cassis auf «TeleZüri» mit ein Grund dafür sein?
    https://rumble.com/v26welo-flashback-17.-mrz-2022-bundesprsident-cassis-lebt-noch.html

  • Peter Merz sagt:

    Das Problem an diesem – sorry – Gefälligkeitsinterview ist, dass die journalistische Qualität im Tagblatt und in anderen Medien (JournalistInnen sind – sorry – bemerkenswert selbstgefällig und kritikresistent) einfach als gegeben hingestellt und nicht hinterfragt wird. Das Tagblatt und viele andere Medien allerdings haben ein journalistisches Qualitätsproblem. Zum Beispiel, wenn auch sie in Artikeln einfach Dinge weglassen, die ihnen nicht ins Narrativ passen. Wenn auch sie die Themenauswahl (bewusst oder unbewusst) stark nach eigener ideologischer Prägung beitreiben. Wenn auch sie nicht bereit sind, den jüngsten journalistischen Schnellschuss anständig aufzuarbeiten und nachzuarbeiten mit einer breiteren Sicht aufs Thema (auch wenn dann die Story eben nicht mehr kanckig ist, aber realitätsnah). Etc. etc. Die journalistische Qualität wird nie hinterfragt, sie wird einfach als gegeben verkauft, dem anspruchsvollen Leser aber fallen die Qualitätsmängel, die Oberflächlichkeit, die ideologische Voreingenommenheit etc. sehr wohl auf. Und deshalb ist er/sie wohl auch immer weniger bereit, für ein Medienprodukt mangelnder Qualität zu bezahlen. Solche Fragen müssten in einem Interview mal thematisiert werden, ganz unpolemisch: Die Qualität, die immer als gegeben hingestellt wird z.B. vom Tagblatt-Chefredaktor, ist die wirklich vorhanden? Woran misst sie sich? Was kann getan werden, um sie zu verbessern? Wie geht man als Journalist mit der Gefangenheit im eigenen Narrativ um? Etc. etc. LeserInnen sind nicht dumm, sie merken, ob da was qualitativ verhebet oder eben nicht; der Niedergang hat sehr viel mit Qualität zu tun, nicht nur mit neuem Medienverhalten usw. Dem Tagblatt-Chefredaktor sei auch mal „Constructive News“ von Ulrik Haagerup zur Lektüre empfohlen. Wie wäre es mal mit konstruktivem Journalismus? Kommte entgegen der unfundiert verbreiteten Meinung unter JournalistInnen extrem gut an.

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