Er steht an einer Ampel und winkt dem vorbeifahrenden Bus. Der Fahrer winkt zurück. Cem Kirmizitoprak ist schnell unterwegs, fährt stets voraus, drückt auf das Gas und wartet dann wieder. Der 26-Jährige sitzt im Rollstuhl seit seiner Geburt, führt eine Beratungsstelle für Inklusion und ist seit neun Jahren Mitglied der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten. Wer die St.Galler Stadtpolitik verfolgt, kennt ihn als glühenden Verfechter für die Rechte von Menschen mit Behinderung.
Physische und psychische Barrieren
Der Randstein auf Höhe eines Zebrastreifens im Lachenquartier in St.Gallen ist mit schwarzem Teer abgeflacht. «Nachdem ich mich lange genug beklagt habe, wurde das für mich gebaut», erzählt Cem im Vorbeifahren. Die Liste der Orte, die Menschen vom öffentlichen Raum ausschliessen, ist lang. Stadtparlamentstribüne: nicht rollstuhlgängig. Ein Postauto: Die Chauffeurin lässt Cem nicht einsteigen. Der Event-Bus der VBSG an der Bahnhofs-Eröffnung vor ein paar Wochen: nicht rollstuhlgängig. Aber dennoch fühlt sich der Inklusionsagent, wie sich Cem selber nennt, grundsätzlich frei im öffentlichen Raum. «Es gibt zwar immer noch genug Orte, die für Menschen mit Behinderung nicht zugänglich sind, aber dort engagiere ich mich halt einfach für Veränderungen.» Er sagt das mit einer Selbstverständlichkeit, die aufhorchen lässt. Da spricht jemand, der schon oft mit Ausgrenzung konfrontiert war.
Im Coop am Hauptbahnhof holen wir uns etwas zu essen. Cem fährt zum Rollstuhllift am Eingang des Geschäfts und drückt auf einen Pfeilknopf, die Türe schwingt auf. Bis vor wenigen Wochen war der Lift nicht ohne Hilfe nutzbar, jemand musste die geschlossene Türe aufschliessen. Das ist passé, seit Cem zum Geschäftsführer ging und diesen Umstand anprangerte. Jetzt lässt sich der Lift selbstständig bedienen. Ohne Hilfe. Ohne angewiesen zu sein auf andere. Wir fahren durch die Bahnhofs-Unterführung und halten bei der Fachhochschule an. Cem will seinen gekauften Eistee trinken, nimmt aber sogleich wieder den Gesprächsfaden auf. Eine Viertelstunde später ist die Flasche noch nicht einmal geöffnet, wichtiger sind ihm die vielen Gedanken, die er zu erzählen hat: «Wenn man heutzutage barrierenfrei plant und baut, tut man dies oft nur, weil man muss. Ich hoffe sehr, die Gesellschaft gelangt irgendwann zur Einstellung, dass es nicht lästig, sondern schön ist, Räume ohne Barrieren zu schaffen, denn dann kommen auch Menschen mit Behinderung an diese Orte.»
In der Diskussion um Barrierefreiheit steht meist der öffentliche Raum im Vordergrund. Dieser könnte komplett ohne Hindernisse gestaltet werden, aber Teilhabe am öffentlichen Leben und an der Gesellschaft garantiert das noch nicht. «Barrierefreiheit in einem ganzheitlichen Sinne hat, neben der physischen, auch eine psychische Komponente», schiesst es aus Cem hervor auf dem Weg Richtung Ortho-Team an der Rosenbergstrasse. Oftmals, wenn er vor Leuten spricht, sage er als erstes, dass er «imfall auch ein Arschloch» sei. Die Wortwahl ist bewusst drastisch. Sie verdeutlicht, was sein dringlicher Wunsch ist: gleich behandelt zu werden wie alle anderen Menschen auch. In jeglichen Belangen. «Ich bin nicht vor Fehlern gefeit, aber es ist unfair und bringt mir gar nichts, wenn man mich für Dinge, die ich falsch mache, nicht kritisiert, nur weil ich eine Behinderung habe. Gemäss Bundesamt für Statistik leben in der Schweiz 1,8 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Wir gehören auch zur Gesellschaft.»
Behindert werden
Gemäss einem umfassenden Bericht zu Behinderung, 2011 von der Weltgesundheitsorganisation WHO publiziert, ist weltweit etwa eine Milliarde Menschen von einer Behinderung betroffen. Die meisten leben in Entwicklungsländern, überproportional viele sind Frauen. «Ich definiere Behinderung gar nicht mehr. Jede und jeder ist ein bisschen behindert», antwortet Cem auf die Frage, was genau als Handicap gelte. Es spiele ja auch keine Rolle, wie er von A nach B komme, sondern dass er überhaupt von A nach B komme. Dafür brauche er keine Definitionen. Die Behindertenverbände hingegen definierten, damit sie Geld bekämen, fügt er hinzu, «aber nach dem Begriff Inklusion, wie er in der UNO-Behindertenrechtskonvention steht, gibt es gar keine Behinderten – nur Menschen, welche behindert werden.»
Nachdem Cem eine Bestellung für einen Kunden seiner Beratungsstelle getätigt hat, machen wir uns auf den Weg zu seiner Wohnung an der Zwyssigstrasse im Lachenquartier. Im Eingangsbereich des grossen Hauses mit mehreren Wohnungen hängt eine Zertifikat für behindertengerechtes Bauen. Schwellen sucht man vergeblich, die Wohnungen sind alle komplett barrierefrei, die Waschküche lässt sich genauso im Rollstuhl benutzen wie auch die Toiletten. Cem macht Kaffee und wir setzen uns auf seine Terrasse. Die Sonnenstoren lassen sich per Knopfdruck ausfahren. «Die Gesellschaft definiert eine Norm, und diese erfülle ich nicht. Aber ich bezeichne mich auch als normal, einfach als anders normal.» Sein Blick ist ernst, während er spricht, fast schon wild. Seine Augen leuchten, manchmal fehlen ihm beinahe die Worte, er klopft mit dem Zeigefinger so fest auf den Tisch, dass Tassen und Aschenbecher wackeln.
Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen wurde von der Schweiz im Jahre 2014 unterzeichnet, sechs Jahre nachdem diese in Kraft getreten war. Neu daran war, dass man Menschen mit Behinderung fortan nicht mehr als Personen mit Krankheit oder Makel begreifen wollte, sondern als Teil eines Spektrums von Normalität. Der zentrale Begriff dafür heisst Inklusion. In einer inklusiven Gesellschaft gibt es keine definierte Normalität, welche die darin lebenden Menschen zu erfüllen haben. Normal heisst einzig, dass eine Gesellschaft divers ist und es Unterschiede gibt – eine sehr schöne Utopie, würde sie doch die Menschen vom Zwang befreien, einer Normalität nachkommen zu müssen.
Doch weshalb wird der Inklusionsbegriff oftmals nur im Zusammenhang mit Behinderung gebraucht, obwohl eigentlich alle Menschen davon betroffen sind? «Inklusion bedeutet Einbeziehen, da steht nichts von Handycap drauf», erklärt Cem, «aber der Begriff ist in der Schweiz erst seit kurzem geläufig. Oftmals wird auch Integration als Vergleich herangezogen, aber das ist überhaupt nicht dasselbe.» Der Begriff der Integration etabliere sofort wieder eine definierte Normalität. «Das Problem liegt aber auch bei den Behindertenverbänden, welche den Begriff derart fest für sich beanspruchen, während mittlerweile beispielsweise in Deutschland auch bei Migration von Inklusion die Rede ist. Inklusion geht alle etwas an», sagt er und trinkt einen ersten Schluck seines Kaffees, welcher bereits kalt geworden ist. Alles um ihn herum scheint zu verblassen, sobald sich Cem in seinem Element befindet.
Kampf um Sichtbarkeit
Auf seinem Facebook-Profil äussert Cem fast täglich Gedanken, Fragen und Kritik. Er ist in St.Gallen bekannt dafür, sich einzumischen, Artikel über ihn finden sich auch auf dem Onlineportal Watson oder in der «Wochenzeitung». Und seine Kritik wird mittlerweile auch gehört, wie er sagt. «Aber das hat lange gedauert, jahrelang. Ich musste hart darum kämpfen, wahrgenommen zu werden.» Mittlerweile suchen verschiedene Institutionen seine Beratungsstelle für Inklusion auf, die Invalidenversicherung, städtische oder kantonale Behörden. Aber bequem scheint er deshalb nicht geworden zu sein. Er kritisiert noch immer sehr direkt und sehr oft.
«Die Behindertenverbände», zum Beispiel, «sollten sich die LGBTQI-Community – also die Lesbisch-Gay-Bisexuell-Trans-Queer und Intersexuellen-Bewegung – zum Vorbild nehmen. In den Behindertenverbänden sind die Machtpositionen meist von Menschen besetzt, die gar nicht von Behinderung betroffen sind. Das ist bei Verbänden der LGBTQI-Bewegung, wie Pink Cross oder der Lesbenorganisation Schweiz (LOS), anders. Dort bestimmen die Betroffenen, und das ist sehr gut.» Verbände sollen nicht für, sondern mit den Menschen arbeiten.
Auch an der Invalidenversicherung (IV) stört sich Cem gewaltig. Diese sei nur kostenorientiert und denke nicht langfristig. Einmal wollte man ihm keinen neuen Rollstuhl bezahlen, weil dieser angeblich schon noch eine Weile halten würde. Ein halbes Jahr später passiert es: Cem sitzt im Zug und der Rollstuhl streikt. Technischer Defekt. Vier Leute müssen ihn in Zürich aus dem Zug tragen, das Ortho-Team stellt kurzfristig einen Ersatzrollstuhl, die Schweizerische Versicherungsanstalt macht Abklärungen, schlussendlich kommt das Ganze die IV viel teurer zu stehen. «Ausserdem definiert die IV von Anfang an, wer noch die Möglichkeit zum Arbeiten hat. Aber man wertet Menschen ab, indem man einfach sagt: Du kannst das oder das nicht. Jede und jeder hat eine Chance verdient», empört sich Cem. Man spürt seine Ideale: Zugehörigkeit und Eingliederung in die Gesellschaft.
Auch in seiner eigenen Partei fühle er sich oft alleine: «Ich frage mich manchmal, ob ich dazugehöre. Das Thema Behindertenpolitik wird auch von linker Seite zu wenig beachtet.» Wer sich mit Inhalten der JUSO beschäftigt, merkt schnell, dass Cem nicht unrecht hat, es stehen andere Dinge im Vordergrund. Dessen ist er sich auch bewusst. «Die JUSO kümmert sich halt mehr um andere Themen wie z.B. Frauenrechte oder Rechte von queeren Menschen. Und das ist auch gut so, aber meines Erachtens müssen gerade die Linken den Kampf um die Gleichstellung, Akzeptanz und Zugehörigkeit von Menschen mit Behinderung als wichtiges Thema ernst nehmen und dementsprechend behandeln. Wir sind auch da. Und das werde ich solange wiederholen, bis es gehört wird.»
Andri Bösch, 1997, hat diesen Sommer die Kantonsschule am Burggraben verlassen und ist auf der Suche nach Wegen jenseits des Machbaren.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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