Vor 47 Jahren erschien im Zürcher Regenbogenverlag in dessen Reihe «Junge Schweiz» als Band 27 das Gedichtbändchen Mit der Zeit. Sein Verfasser: Ivo Ledergerber, damals gerade erst 33 Jahre alt, Theologe, Germanist und Erziehungswissenschaftler. Bis heute umfasst seine Bibliografie 18 Gedichtbände, sechs weitere Publikationen (Gedichtreihen, Essays und eine Auswahl von Beiträgen in Sammelwerken) und Texte zu drei Oratorien.
Buchvorstellung: 2. April, 19 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen
Der Blick auf die Bibliografie zeigt: Ivo Ledergerber ist vor allem Lyriker. Darum ist es passend, dass zu seinem 80. Geburtstag mit Alltagsgrübeleien ein weiterer Gedichtband erscheint. Für die Zusammenstellung hat er sich in seinem Fundus von bisher unveröffentlichten Gedichten umgesehen, 52 von ihnen ausgewählt und sie in sechs Abteilungen gruppiert.
Alltag und Vergänglichkeit
Den Auftakt macht der Abschnitt «Alltag». Hier befasst sich der Autor mit Alltäglichkeiten wie dem Einstecken eines Schlüssels, dem Gehen oder der Morgentoilette:
Am Anfang kein Wort du siehst dich mit eigenen Augen traust dir kaum über den Weg die Rasur kürzt nur die Haare die Geschichten bleiben wie eh und je im Spiegel verkehrt jeden Morgen
Unter dem Abschnittstitel «Alltagsgrübeleien», gleichzeitig der Buchtitel, finden sich Überlegungen über das In-den-Tag-Hineinleben, Wetterfahnen oder Veränderungen. Mit Claudius lässt grüssen gelingt Ledergerber eine empfindsame Hommage an den grossen Dichterkollegen:
Der Mond ist auf gegangen des Tages Jammer vergessen und verschlafen halb rund und schön wir spinnen fromm und fröhlich ihr Brüder und unser Nachbar auch
Eine besondere spätmittelalterliche Variante der Darstellung der Schutzmantelmadonna als hölzerne Skulptur ist die aufklappbare Schreinmadonna. Sie zeigt in ihrem Innern Figuren und lässt zugeklappt selbst die Dreifaltigkeit in sich verschwinden. Diese Beobachtung hat Ivo Ledergerber zum fünfzehnteilige Zyklus Maria breit den Mantel aus angeregt, versammelt in «Marienstrophen».
Von der Natur und von Wörtern
Im Abschnitt «Naturdinge» zeigt sich der Autor bewegt von kleinen Dingen: vom Feigenbaum vor seinem Fenster, vom Trillern des Distelfinks, vom Regen oder von einem Sommererlebnis auf Dreiweihern:
Auf dem Balken über dem Pissoir eine tote Fliege auf dem Rücken die Beine gereckt betend voller Inbrunst schöner ist nicht für diesen Sommer zu danken
Angesichts seines Alters erstaunt nicht, dass Ivo Ledergerber über die «Vergänglichkeit», so der Titel der nächsten Abteilung, nachdenkt. In Gestrichen ohne Ersatz verbindet er sich dazu sich mit dem grossen französischen Chansonnier George Brassens:
Noch im Ohr Gitarre und Stimme mit dem kleinen Paradies von Brassens dem verbotenen damals
atemlos fast damals verloren in fremder Haut über dem Rauschen von Aphrodites Meer neige d’antan
‘die Zeit kommt von weit und gleicht fremder Luft, die schon jemand geatmet hat’ und jemand bin ich
Zuletzt: «Wörter etc.». Hier setzt sich der Autor mit dem Schreiben, Lesen und Büchersammeln auseinander. In … und der will dichten befragt er sein eigenes Schreiben:
Ich habe diszipliniert Wörter gesucht da lag nur totes Zeug nichts regte sich
habe versäumt zärtlich zu winken ich liebe euch zu locken so die Katzenwörter
und der will dichten
Ivo Ledergerber ist ein unermüdlicher Leser und Büchersammler, einer, der mit der Literatur und für sie lebt. In seinem Verlag hat er literarisch Schreibenden aus der Region eine Plattform geboten, er reist zu Literaturkongressen und unterhält Kontakte zu Dichtern und Dichterinnen in Kosovo, Italien, Nordafrika, Spanien oder Polen. Er ist der Erfinder des «Gedichtladens»: öffentliche und kostenlose Vorlesereihen in einem Ladenlokal zu üblichen Geschäftszeiten. Und auf «Ivos Blog» ist seit 2017 jede Woche ein neues Gedicht von ihm zu lesen.
Ivo Ledergerber: Alltagsgrübeleien. Gedichte. 96 Seiten, Waldgut Verlag Frauenfeld 2019, Fr. 24.-.
Dieser Beitrag erschien im April-Heft.
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