, 1. Oktober 2019
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«Wir werden auch ausserparlamentarische Wege einschlagen»

Letzte Woche fand die globale Aktionswoche für Klimagerechtigkeit statt. Saiten war dabei, sprach mit Miriam Rizvi vom Klimastreikkollektiv Ostschweiz über Aktionsformen fernab des Streiks und besuchte die bis dato grösste Klimademonstration der Schweizer Geschichte in Bern. von Andri Bösch

Die grösste Klimademo der Schweiz letzten Samstag in Bern. (Bilder: Andri Bösch)

Donnerstagabend, 26. September 2019, Altstadt St.Gallen. Neben der St.Laurenzenkirche ziert eine mit Kreidespray gezogene Aufschrift die Pflastersteine: «Make love, not CO2.» Sieben Klimaaktivist*innen schreiten zügig davon durch die Multergasse in Richtung Kantonsschule am Burggraben. Es ist globale Aktionswoche für Klimagerechtigkeit, überall auf der Welt finden kreative Aktionen statt, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen und für einen Wandel zu protestieren.

Vor der Kanti geht ihnen der Kreidespray aus, schnell werden Farbkreiden gezückt. Gelassen beginnen die jungen Menschen den Boden rund um die Schule zu bemalen, schnell kommen auch die Wände des Gymnasiums an die Reihe. Links neben dem Eingang ein weinender Eisbär, rechts fiktive Meeresspiegelgrenzen mit zwei Zahlen: 2030? 2100?

Die Stimmung ist erstaunlich locker, selbstironisch wird die gross gemalte Parole «Klimademo Samstag Bern» mit der Überschrift «Ferientipp Nr. 1» ergänzt. Als in den Fenstern eine Reinigungsperson nach draussen schaut, packen die jungen Menschen ihre Kreiden in die Rucksäcke und machen sich vom Acker.

Weiter geht der Abendmalspaziergang zur Kantonsschule am Brühl. Auf dem Weg werden Strassenlaternen mit Stickern beklebt. Am Brühl dann dasselbe Bild wie am Burggraben: «Climatstrike now – System change not climate change – Das Wasser steht uns bis zum Hals». Nach getaner Arbeit verschwindet die Gruppe in der lauen Nacht.

Samstagmittag, 28. September 2019, Extrazug von St.Gallen nach Bern zur nationalen Klimademo des Wandels. Ab Winterthur stehen die Leute in den Gängen: Zwei aneinandergereihte ICN-Züge sind gerappelt voll. Wie viele Leute werden wohl demonstrieren? Wetten werden abgeschlossen – «30’000!», ruft eine Person, «50’000!» eine andere.

Miriam Rizvi, Mitglied des Klimastreikkollektivs Ostschweiz, verstaut ihr Megaphon unter einem Zugsitz. Die 18-jährige ist seit Beginn der Klimastreiks in St.Gallen engagiert und kämpft an vielen Fronten für Klimagerechtigkeit. Dieses Jahr war sie unter anderem im SRF-«Club» zu Gast und fühlte Bundesrätin Simonetta Somaruga Ende August in der Lokremise auf den Zahn.

Miriam Rizvi, 2001, ist im dritten Jahr an der Kantonsschule am Burggraben.

Saiten: Letzten Donnerstag bekreideten junge Aktivist*innen die Stadt St.Gallen, was für Aktionen fanden sonst noch statt während der globalen Aktionswoche?

Miriam Rizvi: Das Klimastreik Ostschweiz hat zu diversen Aktionen aufgerufen. Unter anderem fand ein «Massensterben» am Bahnhof St.Gallen statt, wo sich 20 Schülerinnen und Schüler mit roter Farbe bemalten und sich auf den Boden legten. Ebenso wurden verschiedene Kartongrabsteine auf dem Klosterplatz platziert, um zu zeigen, dass wir alle bedroht sind durch den Klimawandel. Und eine Aktionsgruppe hat aus Abfall gebastelte Kartonmonster im Mc Donald’s am Marktplatz deponiert und damit auf den durch die Industrie hergestellten Plastikabfall aufmerksam gemacht.

 

Euer Engagement beschränkt sich mittlerweile nicht mehr nur auf das Streiken – weshalb? Und wie zufrieden bist du mit den durchgeführten Aktionen?

Seit die Klimabewegung in der Schweiz existiert, gab es immerhin einen Fortschritt: Die Klimakrise wird als solche erkannt. Von den meisten zumindest. Jetzt braucht es aber endlich wirkungsvolle Massnahmen. Mit den durchgeführten Aktionen wollen wir zeigen, dass wir es sehr ernst meinen. Wir werden nicht mehr nur streiken, sondern auch andere ausserparlamentarische Wege einschlagen. Ich persönlich bin sehr zufrieden mit den Aktionen. Es ist cool, dass so vieles auf kreative und gewaltfreie Weise stattgefunden hat!

Was ist als nächstes geplant?

Am Freitag, 18. Oktober findet der nächste Klimastreik in St.Gallen statt. Und diesen Donnerstagabend, 3. Oktober diskutieren in der Grabenhalle verschiedene Expert*innen mit Aktivist*innen über die problematische Rolle des schweizerischen Finanzplatzes in der Klimapolitik. Und längerfristig planen wir einen nationalen Generalstreik für Klimagerechtigkeit, denn wir müssen endlich auch die Arbeiter*innen ins Boot holen.

Als der ICN in Bern einfährt, jubeln die Menschen im Zug: Die Schützenmatte vor der Berner Reitschule ist überfüllt mit Menschen. Die Stimmung ist schon am Bahnhof unglaublich, überall Leute mit Transparenten, Plakaten, Musik dröhnt aus tragbaren Boxen, kleine Kinder springen mit Kartonschildern durch die Unterführung und schreien «On est plus chaude que le climat!»

Bei den Rolltreppen hinauf in die Neugasse staut sich die Menschenmenge zum ersten Mal. Zur Schützenmatte gibt es kaum ein Durchkommen. Als die Demo beginnt, ist die Strasse bis zum Bahnhof gefüllt, als die Spitze des Zuges auf dem Bundesplatz angelangt stecken die Menschen bei der Reitschule noch immer auf der Schützenmatte fest.

Die Kantonspolizei Bern pusht im Schnelltakt Twittermeldungen. Die Demo sei so gross, es gehe nur sehr langsam vorwärts, man bitte um Geduld. Schlussendlich kommt sogar die Gefahrenmeldung, es drängten zu viele Leute auf den Bären- und den Bundesplatz, man solle sich beim Waisenhausplatz oder der Schützenmatte aufhalten.

Die Euphorie ist riesig, überall wird geschrien, gelacht, geklatscht. Gemäss Schätzung der Organisator*innen sind 100’000 Menschen nach Bern gekommen. 100’000 Menschen für mehr Klimagerechtigkeit, den Ausstieg aus den fossilen Energien und eine Lebensweise, die nicht auf Ausbeutung von Natur und Mensch beruht.

Greta Thunberg scheint Recht zu behalten mit dem, was sie am UN-Klimagipfel letzte Woche in New York sagte: «Change is coming, wheter you like it or not.» Die Klimabewegung ist so stark wie nie.

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