, 17. Dezember 2020
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«Wir wollen keine ganzen Bücher an die Wände hängen»

Kunsthistoriker Daniel Studer leitet das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen seit 2002. Für Ausstellungen zu städtischen oder sozialen Themen fehlten häufig geeignete Ausstellungsobjekte, sagt er und stellt sich ausserdem der Kritik, dass die Kuratorien fachlich einseitig besetzt seien. Interview: Roman Hertler und Peter Surber

Daniel Studer im Treppenaufgang des HVM, das er Ende Juni 2021 verlässt. (Bilder: Urs Bucher)

Ende November erreichte die Redaktion ein gepfefferter Leserbrief von Hansruedi Kugler, der online als Gastkommentar erschien. Es war eine Reaktion auf das Interview im November-Saiten mit dem scheidenden Stiftungsratspräsidenten des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen (HVM), Arno Noger. Kugler, Kulturjournalist bei CH-Media, kritisiert darin, Noger zeichne über die vergangenen 20 Museumsjahre unter Direktor Daniel Studer ein schönfärberisches Bild.

Studer habe sich nur für Kunst statt Geschichte interessiert, lautet einer der Vorwürfe. Das Kuratorium sei einseitig besetzt, es fehle an historischen und ethnologischen Kompetenzen in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Grossthemen. Ausserdem kritisiert er,
dass das HVM trotz einem Personalbudget von zwei Millionen Franken über mangelnde Ressourcen jammere. Im nachstehenden Interview nimmt Daniel Studer, der im Frühling ebenso wie Noger pensioniert wird, Stellung zu den Vorwürfen.

 

Saiten: Es gibt ein grosses kunsthistorisches Knowhow im HVM. Andere Sparten wie Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte oder auch Ethnologie kommen dagegen zu kurz. Was sagen Sie dazu?

Daniel Studer: Ich bin im Oktober 2001 als Nachfolger von Louis Specker, einem ausgewiesenen Sozialhistoriker, vom damaligen Stadt- und Stiftungsratspräsidenten Heinz Christen gewählt worden. Ich habe Kunstgeschichte und Geschichte studiert. Christen wollte ausdrücklich diese Ausrichtung und wünschte unter anderem, dass ich Ordnung ins Depot bringe. Ich will meinem Vorgänger aber in keiner Weise an den Karren fahren, gab es doch damals noch nicht die personellen Ressourcen wie heute. Unser Verhältnis war immer gut. Aber als passionierter Sozialhistoriker und Geisteswissenschaftler, der fantastische Bücher etwa zur Ostschweizer Arbeiterbewegung verfasst hat, hatte er sicherlich einen etwas anderen Bezug zu Realien, sprich: zu den Objekten, als ich als Kunsthistoriker.

Seither kommt jedoch die Sozialgeschichte im HVM zu kurz.

Wenn Sie sich die Liste der Ausstellungen in meiner Amtszeit ansehen, muss man sagen, das stimmt nicht.

Daniel Studer, 1955, hat an der Universität Zürich Kunstgeschichte, Mittelalter- und Schweizergeschichte sowie Historische Hilfswissenschaften studiert. Promoviert hat er 1992 über die St.Galler Jugendstilmalerin und Farbholzschneiderin Marta Cunz. Er hat unter anderem als Autor an der Buchreihe «Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850 bis 1920» und beim Kanton St.Gallen als Bearbeiter der Kunstdenkmäler gearbeitet. Seit 2002 leitet er das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen, das nächstes Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum feiert.

hvmsg.ch

Es gab Ausstellungen über Hedwig Scherrer, Wilhelm Meier, Hans Thomann, Carl Meffert, die Liners, über Jugendstil oder Farbholzschnitte. Kunstgeschichte hat gegenüber anderen Themen ein Übergewicht.

Die aufgezählten Beispiele betreffen natürlich mein Fachgebiet. Diese Ausstellungen habe ich teilweise auch selber kuratiert. Aber es gab auch viele andere Ausstellungen. 2019 zum Beispiel «Flucht», «Kinder im KZ Bergen-Belsen» oder «The last Swiss Holocaust Survivors». Das waren zeitgeschichtliche und sozialkritische Ausstellungen ohne kunsthistorischen Hintergrund oder Bezug.

Dennoch: Themen zur Stadtgeschichte, aus der Sozial- oder Wirtschaftsgeschichte muss man suchen in der Liste. Die Kriegszeit ist noch einigermassen vertreten, hingegen fehlen Ereignisse wie die Spanische Grippe, der Landesstreik, «68» oder die 80er-Jahre. Zwischen den zweifellos interessanten kunsthistorischen Ausstellungen und sozialen Themen besteht eine Diskrepanz.

Wie gesagt, Kunstgeschichte ist mein Spezialgebiet. Ich bin kein Sozial- oder Wirtschaftshistoriker. Und jeder Direktor prägt das Museum auf seine Art mit. Das hat man bei meiner Wahl gewusst. Einer meiner Aufträge war es, die beiden Museen, das Historische und das Völkerkundliche, zusammenzuführen, die noch bis 2004 getrennt geleitet waren. Es ging darum, zwei unterschiedliche Museumskulturen und Inventarisationen zu vereinigen. Der Umbau des Museums und die Neukonzeption der Dauerausstellung fielen ebenfalls in meine Amtszeit. Auch für diese Aufgaben hat man mich als Realienhistoriker geholt.

Läge es nicht trotzdem in der Verantwortung eines Museums der Stadt St.Gallen und Umgebung, Stadtdebatten zu führen? Zum Beispiel zur Verkehrsgeschichte, zum Bankenplatz, zur Stickerei oder zur Konfessionsgeschichte? Man hätte dafür auch externe Kuratorinnen involvieren können.

Für eine Ausstellung braucht es eine interessante Fragestellung und entsprechendes Material. Zum 20. Jahrhundert wurde hier im Museum nie gesammelt. Dazu haben wir schlicht keine Bestände. Zum Beispiel was «68» betrifft: Innerhalb der Gallus-Ausstellung gab es eine kleine Abteilung «Aktion Rotes Herz», als Splitter. Die 68er-Bewegung ist anderswo, in Bern oder auch im Landesmuseum sehr gut abgehandelt worden, da hätten wir nicht mithalten können, zumal «68» in St.Gallen ja kaum stattgefunden hat. Es gibt zu den genannten Themen hier praktisch kein Material – weder in der Sammlung noch in den Archiven. Und ohne Material entstehen reine Tafelausstellungen. Ich bin Kulturhistoriker: Meine Aufgabe ist es, Gegenstände zum Reden zu bringen. Zu diesem Zweck verstärkten wir auch vor über zehn Jahren die Provenienzforschung, immerhin etwa fünf Jahre, bevor die Thematik breit in den Medien aufgegriffen wurde. Wir haben das Thema nicht verschlafen, mussten aber zuerst einmal die Sammlung aufarbeiten. Heute wissen wir sehr gut Bescheid über unsere Bestände.

Stadtmodell von Salomon Schlatter (1858–1922) nach einem Stich von Matthäus Merian von 1642.

Dennoch lässt sich sagen, dass das HVM- Kuratorium personell einseitig kunst- und kulturhistorisch aufgestellt ist. Müsste das fachliche Spektrum nicht breiter sein?

Wir können nicht jede Charge mit einem Kuratorium versehen. Bei uns arbeiten eine Japanologin, eine Kulturhistorikerin, eine Archäologin, zwei Historiker und eine Kunsthistorikerin. In allen Abteilungen haben die Kuratorinnen aber regelmässig externe Fachleute beigezogen. Gerade in der Völkerkunde und aussereuropäischen Kultur war das nötig. Der grössere Teil der Anstellungen im Haus sind Direktberufungen. Das HVM ist nicht verpflichtet, offene Stellen auszuschreiben. Wir sind keine städtische oder kantonale Institution, sondern getragen von einer privaten Stiftung, mit entsprechend tieferen Löhnen, «Kulturlöhnen», das muss man ganz klar sagen.

Finanziert wird die Stiftung aber hauptsächlich von der Stadt.

Der Jahresbeitrag der Stadt beträgt 1,78 Millionen Franken. Für die Archäologie kommen 250’000 über eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton hinzu. 120’000 sind kantonale Kulturgelder. Den Rest unseres 2,8-Millionen-Budgets erwirtschaften wir selber.

St.Gallen diskutiert seit Jahren über den Marktplatz. In Ihrer Sammlung steht unter anderem das frühneuzeitliche Stadtmodell. Eine Ausstellung zur Stadt- und Verkehrsentwicklung könnte doch eine Chance sein, städtische Diskussionen mitzuprägen.

Ich habe selber über die St.Galler Stadtentwicklung publiziert. Aber als Realienhistoriker fand ich immer: Wir müssen Originale zeigen, keine Kopien. Früher haben Museen manchmal ganze Bücher an die Wände gehängt. Wer liest denn solche Textwüsten? Es gibt einzelne Stadtobjekte, zum Beispiel die Glocke des alten Rathauses, aber damit bestreitet man keine Ausstellung. Auch wenn ich mich wiederhole: Eine Fragestellung richtet sich immer nach dem vorhandenen Material. Wir könnten zum Beispiel auch keine Mittelalter-Ausstellung machen, weil wir keine mittelalterlichen Objekte in der Sammlung haben.

Wird die Sammlung nicht erweitert?

Natürlich. Wir haben beispielsweise bei der Hausräumung eines Elektrogeschäfts verschiedene Gegenstände aus der Frühzeit der Elektrifizierung erhalten. Wir haben uns auch um die aus den 1950/60er-Jahren stammende, früher an der Fassade angebrachte Leuchtschrift des alten Kino Rex bemüht, allerdings vergeblich. Schenkungen werden seltener. Wer etwas abzugeben hat, gibt es an eine Auktion oder stellt es auf eBay. Wenn der Verkauf nicht klappt, kommt es ins Museum. Objekte aus dem 20. und 21. Jahrhundert zu sammeln, ist enorm schwierig.

Warum?

Man muss sich fragen: Was ist typisch sanktgallisch? Es gibt nicht das St.Galler Velo oder das St.Galler Auto. Es gibt das Schaffhauser Möbel, es gibt das Zürcher Möbel, aber das St.Galler Möbel gibt es nicht oder es ist darüber zumindest nichts bekannt. Den ersten PC oder den ersten Mac zu sammeln, das ist Aufgabe von Spartenhäusern wie dem Museum für Kommunikation in Bern oder dem Verkehrshaus in Luzern. In der Archäologie haben wir es einfacher: Was aus dem Boden kommt, ist sanktgallisch, und das nehmen wir auch. Aber bereits ab dem 19. Jahrhundert wird es schwierig. In Bern oder in Schaffhausen gibt es viel mehr stadthistorische Realien. Bei uns hat sich nur ganz wenig erhalten. Ein Beispiel: 1877 wurde das Rathaus am Marktplatz abgebrochen. Davon haben wir noch zwei, drei Täfer, mit denen die kleine Ratsstube hergerichtet worden ist. Aber der ganze Rest ist irgendwo verstreut. Die St.Gallerinnen und St.Galler waren schon immer gründlich im Entsorgen.

Stadtväterlich bewachte Ratsstube im HVM: Worüber Vadian heute debattieren wollen würde?

Ausstellungen über wichtige Persönlichkeiten wie Niklaus Meienberg oder Walter Mittelholzer haben stattgefunden, aber nicht bei Ihnen, sondern im kantonalen Kulturraum am Klosterplatz. Material gab es für diese Ausstellungen genug.

Wir waren damals im Austausch, ob wir die Meienberg-Ausstellung bei uns unterbringen sollen. Ich wollte auch mit Roland Gretler und seinem Sozialarchiv eine Ausstellung machen. Wir haben uns jahrelang darum bemüht. Aber er wollte das Material nicht herausgeben. Am Ende mussten wir darauf verzichten, die Ausstellung fand später dann im Kulturraum statt. Wir bieten jetzt Raum für das Frauen- und Geschlechterarchiv für die Ausstellung zum Frauenstimmrecht Anfang 2021, ebenso wie 2016 für «Ricordi e Stima», die Schau über italienische Migration in der Ostschweiz. Den Kulturraum gibt es leider nicht mehr, seither kommen freie Gruppen eher zu uns. Und da bieten wir gerne Hand.

Aber ginge es nicht darum, stärker als Player im öffentlichen Diskurs hinzustehen, statt nur die Sammlung zu pflegen und auszustellen?

Diese Idee ist sicher nicht falsch. Beim Völkerkundemuseum haben wir uns immer als Begegnungsort verstanden. Aber das ist nicht einfach: Menschen mit Migrationshintergrund kommen nicht ins Museum. Wir haben Diverses ausprobiert. Es ist unheimlich schwierig, die Leute für solche Themen zu begeistern. Es ist generell schwer vorauszusagen, welche Ausstellung welches Publikum anzieht. Manchmal glaubt man: Das ist ein Renner. Aber die Leute kommen nicht.

Welche Themen ziehen im Moment?

Die aktuelle Ausstellung «Berufswunsch Malerin!» läuft gut, da erhalte ich auch sehr viele Reaktionen, und der Katalog geht weg wie warme Weggli. Frauenthemen stossen generell auf grosses Interesse, das wird auch bei der Ausstellung zum Frauenstimmrecht so sein.

Sprechen wir über die Völkerkundeabteilung: Ein Vorwurf lautet, dass die Ethnologie im Haus nicht vertreten ist.

Da muss ich vorausschicken, dass wir finanziell in einem engen Korsett sind. Das hat nichts mit Jammern zu tun, aber: Ich kann nicht einfach Kuratoren anstellen, wie ich will. Jede Stelle im Haus ist gut begründet: Isabella Studer-Geisser hat die aussereuropäische Kulturgeschichte betreut. Jeanne Fichtner ist Ostasienexpertin. Wir haben kein Nordamerika- oder Afrika-Kuratorium, aber Achim Schäfer hat sich sehr gut in die afrikanischen Fragen eingearbeitet. Und wir arbeiten regelmässig mit externen Fachleuten zusammen, mit dem Ethnologen und Tibetkenner Peter van Ham, mit Nordamerikaspezialist Martin Schulz oder, bei Afrika- und Indigenen-Themen, mit dem Berliner Ethnologen Andreas Schlothauer. Solche Zusammenarbeit ist aber nicht gratis zu haben. Und alle Spezialgebiete lassen sich nicht abdecken. Heute sagen wir: Mut zur Lücke. Wir müssen zugeben, dass wir gewisse Dinge einfach nicht wissen. Allein aus Afrika haben wir 7000 Exponate. An zwei Afrikatagungen waren jeweils 50 oder 60 Spezialisten hier, teils Sammler, die in ihrem Spezialgebiet ein tiefes Detailwissen mitbringen. In der Völkerkunde bilden wir ja quasi die ganze Welt ab. Wir sind ein Universalmuseum.

«Wir stellen uns der Debatte»: Die Vitrine mit den umstrittenen Benin-Bronzen in der Völkerkunde-Abteilung.

Das HVM betreibt seit zehn Jahren Provenienzforschung. Dennoch werden die völkerkundlichen Exponate in erster Linie als ästhetische Gegenstände präsentiert, die kaum Geschichten erzählen. Warum wird das Wissen aus der Provenienzforschung nicht offensiver vermittelt?

Was die Benin-Bronzen betrifft, ist ein Team unter Führung des Museums Rietberg daran, die ganze Geschichte aufzuarbeiten. Seit Emmanuel Macron 2017 den Kolonialismus richtigerweise als Verbrechen bezeichnet hat, ist ziemlich Bewegung in die Geschichte gekommen. Das Restitutionsthema hat auch den Stiftungsrat hellhörig gemacht. Aber man kann ja nicht einfach alles zurückschicken. Unsere Briefe ans Nigerianische Nationalmuseum in Lagos blieben bisher unbeantwortet. Wir koordinieren uns mit der nationalen Kampagne. Die ganze Rückgabegeschichte muss sehr sorgfältig und über politische Kanäle erfolgen. Vorangegangen sind wir bei den zwei Silberschiffen aus der Sammlung Giovanni Züst. Wir waren erwiesenermassen das erste Schweizer Museum, das Raubkunst zurückgegeben hat.

Wir haben nach der Vermittlung gefragt. Kolonialgeschichte und Raubkunst werden weltweit diskutiert. In St.Gallen erfährt man aber nur sehr beschränkt etwas über die Hintergründe der Ausstellungsstücke.

Wir haben das schon kontextualisiert. Das kann ich Ihnen gerne zeigen. In der Benin-Debatte gab es ausserdem einen Vorstoss im Stadtparlament, bei uns fand eine Podiumsdiskussion statt. Wir stellen uns der Debatte. In den monatlichen Gesprächen mit dem Stiftungsratspräsidenten ist jedes Mal Benin traktandiert.

«Indiens Tibet», «Verborgener Zauber Afghanistans», «Prozessionsfiguren aus Südindien», «Baumwolle weltweit», «Nordpersische Flachgewebe»: All diese ethnologischen Ausstellungen haben einen starken Fokus auf die Ästhetik. Zu kolonialgeschichtlichen Themen gab es hingegen keine Ausstellungen.

«Baumwolle weltweit» war eine ausgesprochen sozialkritische Auseinandersetzung mit einem kolonialen Thema. Wir hatten auch eine Ausstellung mit Fokus auf unsere Sammler und die Herkunft der Objekte. Oder es gab die Ausstellung zu den Umlauff-Figuren, die den europäischen Blick auf das «Exotische» problematisieren.

Jugendstilsaal: Die Ära Studer («Ich bin ein Augenmensch.») war kunsthistorisch geprägt.

Es hätte die Ausstellung von Hans Fässler über den Rassisten und Gletscherforscher Agassiz gegeben.

Hans Fässler hatte uns und das Naturmuseum wegen seiner Ausstellung angefragt. Für uns war das Agassiz-Thema einfach ein bisschen zu weit weg und das Projekt auch vom Material und der Gestaltung her schwierig.

Zu deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion gab es vor Jahren eine Ausstellung, die zu reden gab, wegen einiger Exponate, die der rechtsextreme Heereskundler Vincenz Oertle zur Verfügung gestellt hat.

Die Details weiss ich nicht mehr, aber die Anregung ging von einem St.Galler Lehrer aus, dessen Vater in Deutschland als Schweizer in die Wehrmacht eingetreten und in russische Kriegsgefangenschaft geraten war. Wir haben damals mit russischen Fachleuten zusammengearbeitet – sie waren auch hier in St. Gallen – und so versucht, eine Brücke zu schlagen. In Erinnerung geblieben ist mir bis heute, dass emotionale Reaktionen teilweise den Blick auf sachliche Fakten verdeckten und so kontroverse Diskussionen auslösten.

Und Oertle, der auch schon die Schweizer Freiwilligen bei der SS hochgejubelt hat, ist dann einfach noch in die Ausstellung reinge- rutscht?

Wie man auf Oertle gekommen ist, weiss ich wirklich nicht mehr. Dass es zu thematisch unglücklichen Vermischungen kommt, kann natürlich passieren.

Zu einem anderen brennenden Thema, dem Islam und den Schweizer Kontroversen etwa um Minarette: Dazu gibt es nichts in der Sammlung?

Zu islamischen Themen haben wir leider sehr wenige Exponate. Zudem wäre das inhaltlich eine Gratwanderung. Dazu wären wir alleine nicht in der Lage, da kann man auch viel kaputt machen. Das Rietberg-Museum oder das Völkerkundemuseum der Universität Zürich haben hier ganz andere Möglichkeiten. Sie können Forschung betreiben und auch in den Austausch mit Herkunftsländern gehen. St.Gallen hingegen hat eine historisch stillstehende Völkerkundesammlung. Kommt erschwerend hinzu, dass es an unserer St.Galler Universität keine philosophische Abteilung mit einem ethnologischen und historischen Seminar gibt.

Stillstehend heisst: Die Sammlung stammt im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert?

Sie geht bis etwa 1930. Seither kommt kaum mehr Neues dazu. Das ist eine der grossen Schwächen und hat mit der Geschichte des Hauses und der Sammlungsäufnung zu tun. 1921 wurde das Museum eröffnet, und sogleich kam die Stickereikrise. Damit war auch Schluss mit den zunächst noch grossen Einkaufskrediten. Heute müsste man in direkten Kontakt mit den Kulturen treten. Ganz am Rande haben wir das einmal mit kanadischen Indianern probiert, die dann auch auf Besuch in St.Gallen waren. Auch Amazonas-Indianer waren schon hier. Aber solche Projekte gehen gewaltig ins Geld. Da müssen wir die Realitäten sehen. Wir sind hier in St.Gallen und nicht in Berlin.

Wie hoch ist der Ankaufskredit heute?

50’000 Franken pro Jahr, gespiesen aus einer privaten Schenkung von über 700’000 Franken, die testamentarisch für die Erweiterung der Sammlung be- stimmt ist. Es ist allerdings extrem schwierig, an neue interessante Stücke zu kommen. Der grösste Bestand, den ich in meiner 19-jährigen HVM-Karriere erhalten habe, waren die indischen Prozessionsfiguren aus der Sammlung eines St.Galler Treuhänders.

Wo würden Sie die Sammlung verstärken, wenn es die Mittel zuliessen?

Ich schaue mir natürlich regelmässig die einschlägigen Datenbanken im Auktionswesen an. Das Galluswaffeleisen fürs Gallus-Jubiläum 2012 habe ich in München erstanden. Ich kaufe alles, was sanktgallisch ist. Und für mein Spezialgebiet, den Zeitraum zwischen 1850 und 1920, habe ich gezielt Ergänzungen gemacht. Auch in der Völkerkunde gab es Erweiterungen, vor allem im Bereich Japan und Korea. Afrika war weniger im Fokus, nicht zuletzt deshalb, weil 99 Prozent der Exponate, die vom Kontinent kommen, gefälscht sind. Afrika war bereits im 20. Jahrhundert quasi ausgeräumt.

Wäre das eine politische Forderung: mehr Ankaufskredite für die städtischen Museen?

Das wäre natürlich schön, aber im Moment sieht es eher nicht danach aus. Ich will nicht jammern, aber uns explodieren die Kosten. Der städtische Beitrag wurde seit Jahren nie erhöht. Sozialkosten und Informatikkosten sind gestiegen, und wegen der Räumung des Kirchhoferhauses mussten wir externe Lagerräumlichkeiten mieten. Die Kasse in Ordnung zu halten, ist eine meiner Hauptaufgaben. Wir sind an den plafonierten Betrag der Stadt gebunden. Lotteriefondsgelder sind uns verwehrt – eine Ausnahme macht der Kanton fürs 100-Jahr-Jubiläum, zu dem er 50’000 Franken beiträgt. Hingegen fällt es uns als Stiftung natürlich etwas leichter als staatlichen Institutionen, Sponsoringbeiträge einzuholen. Wir sind auf Gedeih und Verderb auf Drittmittel angewiesen. Geldakquise macht einen Grossteil meines Jobs aus.

Was wünschen Sie dem Museum und ihrer Nachfolgerin oder ihrem Nachfolger?

Meine Nachfolge soll Ideen für Ausstellungen haben, egal, ob es jemand aus der Sozial- oder Kunstgeschichte oder auch aus der Ethnologie ist. Die Person sollte nach Möglichkeit auch aus der Gegend sein, die Leute kennen und ein bisschen auch die sanktgallische Demut leben. Ich bin in der Stadt aufgewachsen und weiss, was geht und was nicht, auch finanziell. Die Person sollte auch keine Scheu haben, Drittmittel einzuwerben. Das wird je länger je wichtiger. Unsere Hausaufgaben haben wir gemacht. Wir haben das digitale Inventar vorangetrieben und das Depot aufgeräumt. Es entstand eine Sammlungsgruppe: ein Registrar, eine Restaurierungsabteilung. Auch die öffentliche Online-Collection ist ein Resultat daraus. Die energetische Sanierung ist 2012 bis 2014 erfolgt. Die Dauerausstellungen wurden neu konzipiert und eingerichtet. Heute sind wir vom Keller bis unters Dach à jour. Meine Nachfolge braucht daher vor allem gute Ideen für Sonderausstellungen. Und sie darf auch andere Akzente setzen, als ich das getan habe. Ich habe dem ästhetischen Erscheinungsbild immer einen sehr hohen Stellenwert eingeräumt. Ich bin ein Augenmensch. Die Ära Studer war kunsthistorisch geprägt, das gebe ich zu. Es darf auch wieder mal etwas anderes sein. Aber die Marschrichtung gibt der Stiftungsrat vor.

«Affenpinscher, die erste Hunderasse im Alphabet»: Daniel Studer mit Hanna.

4 Kommentare zu «Wir wollen keine ganzen Bücher an die Wände hängen»

  • „…zumal «68» in St.Gallen ja kaum stattgefunden hat.“ Echt jetzt, Herr Studer? Oder wollen Sie sich diesen Satz nochmals überlegen?
    Empfiehlt Ihnen jedenfalls mit Gruss: Hans Fässler

  • Hansruedi Kugler sagt:

    Daniel Studer hat schon recht: Er wurde mit seinem kunsthistorischen Profil gewählt und man hat ihn gewähren lassen. Die Kritik bleibt: Wenn er Ausstellungen wie «Grazie a voi» und demnächst zum Frauenstimmrecht von den fleissigen Frauen des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz praktisch gratis ins Haus geliefert bekommt, kann er sich selbst mit kunstgeschichtlichen Preziosen beschäftigen. Die Jubiläumsausstellung des HVM heisst dann folgerichtig «Klimt und Freunde». Dies in einer Stadt, in welcher es bereits drei Kunsthäuser gibt. Man muss das einfach nochmals deutlich kritisieren.

  • Hansruedi Kugler sagt:

    Loben kann man, dass wenigstens das HVM die Farbholzschnitte von Martha Cunz gezeigt hat. Es ist das Thema von Daniel Studers Dissertation. Vorsichtiger sollte er sein, sich mit fremden Federn zu schmücken. Die von ihm erwähnten Ausstellungen «Flucht», «Kinder im KZ Bergen-Belsen» oder «The last Swiss Holocaust Survivors» sind Wanderausstellungen und keine Eigenleistungen. Gut trotzdem, dass solche Ausstellungen auch in St.Gallen Halt machen.

  • Arnold Mauchle sagt:

    Ich finde kritischen Journalismus gut, aber in diesem Interview empfinde ich die Formulierung der Fragen zu angriffig und den Ton zu anklagend. An Herrn Studers Stelle hätte ich Mühe damit gehabt, mich 26 Fragen lang für die Arbeit von 20 Jahren zu rechtfertigen. Umso schöner, dass seine Antworten sachlich klar ausfallen und trotzdem eine gewisse Selbstkritik beinhalten.

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