, 8. Juni 2020
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«Wir wollen nur spielen»

Auch Österreich spielt wieder. Am Samstag ist am Landestheater Vorarlberg der Vorhang aufgegangen, ein Kreisler-Abend machte den Anfang, 100 Personen durften in den Saal. Brigitte Herrmann war unter ihnen.

Szenenbild aus «Werther!», am 12. Juni nochmal in Bregenz zu sehen. (Bilder: Anja Köhler)

Noch ein klein bisschen fein gemacht, ein Spritzer Parfum hinter die Ohren, den Mund-Nasen-Schutz eingepackt und los geht es, voller Freude und im Wissen, dass das Parfum völlig unnötig war, so nah wird mir heute niemand kommen, dass er oder sie es riechen könnte. Aber egal, der erste Theaterbesuch seit Wochen gehört auch ein bisschen zelebriert.

Vor dem Vorarlberger Landestheater stehen kleine Gruppen in freudiger Erwartung und mit dem gebotenen Abstand zusammen. Die Cafés am Kornmarktplatz sind einigermassen gut besetzt, und da selbst das Kunsthaus am Freitag endlich wieder seine Türen geöffnet hat, stehen auch davor noch ein paar Menschen, die reden und gestikulieren und sichtbar gute Laune haben. Alles wirkt fast so wie früher, damals, vor Corona.

Beste Voraussetzungen also für einen gelungenen Abend, vermischt jedoch mit grosser Skepsis. Es ist ausverkauft. Ausverkauft bedeutet nach den derzeit in Österreich geltenden Regeln, dass genau 100 Menschen in das Landestheater dürfen. Das Gebäude darf nur mit Gesichtsmaske betreten werden, zwischen den Besuchern ist jeweils immer mindestens ein Platz frei, es sei denn, man lebt in einem Haushalt zusammen. Sobald man sitzt, darf man seine Maske abnehmen.

Wie wird es sich anfühlen, mit so wenig Menschen im grossen Haus? Kann die Theatermagie überhaupt wirken? Kann der überspringende Funken grössere Distanzen überwinden als das Virus?

Kaum Begrüssungen, keine Schlangen

Theater ist weit mehr als nur die Vorstellung, Theater ist auch ein Begegnungsort, ein Ort der Kommunikation, der Auseinandersetzung. Doch das Foyer ist ein Durchgangsort geworden, kein Platz zum Verweilen, die Gastronomie bleibt geschlossen. Wer das Gebäude erst einmal betreten hat, geht ziemlich zielstrebig zu seinem Platz, kaum Gespräche, kaum Begrüssungen, keine Schlangen an der Garderobe.

Wer Maske trägt, schweigt lieber, wird von seinem Gegenüber ohnehin schlecht verstanden. Doch die Maskenpflicht an öffentlichen Orten fällt in Österreich demnächst, dann steht man vielleicht auch im Foyer wieder gerne beisammen.

Die Termine am Landestheater Bregenz: 9. Juni Hausmusik, 10. Juni Tschick, 12. Juni Werther!, 13. Juni Hausmusik.

landestheater.org

Das Landestheater hat seine Besucher im ganzen Saal verteilt, sogar der Rang ist besetzt, abwechselnd sitzen die Zuschauer in ihrer Reihe entweder am Rand oder in der Mitte. Das ist schlau, so kann weitgehend vermieden werden, dass später kommende Besucher sich an anderen vorbeidrängeln müssen. Doch die Abstände sind dadurch riesig. Man fühlt sich ein bisschen allein auf seinem Platz. Gespräche über die Reihen hinweg entstehen trotzdem, Zuschauer, die sich weit nach vorne oder weit nach hinten beugen, um doch noch Bekannte zu begrüssen, die man erst jetzt erkennt, da die Maske abgenommen ist.

Das Klingeln ertönt, die Konzentration richtet sich nach vorne. «Wir wollen nur spielen», lautet der Slogan für das Juni-Spezialprogramm des Landestheaters.

Was tut man, um zu sein?

Ein Flügel steht auf der Vorbühne, der rote Theatervorhang dahinter bleibt geschlossen, ein Stuhl, ein paar wenige Requisiten. Der Tag wird kommen, ein Georg-Kreisler-Abend steht auf dem Programm mit Arndt Rausch am Flügel und Felix Defèr singend, lesend, rezitierend, erzählend und spielend. Ursprünglich konzipiert für das T-Café im Foyer, darf das Programm nun auf die grosse Bühne.

Kreisler ist erstaunlich aktuell. Die lange Pause und die neue Situation haben den Abend verändert. Texte und Lieder wurden ergänzt, Bezüge zur Coronazeit sind allgegenwärtig. «Was tut man, um zu sein?» fragte Georg Kreisler, der sich weder als Kabarettist noch als Österreicher fühlte, dessen tiefschwarzer Humor und Sprachwitz aber doch viel mit dem Land zu tun haben. «Abstand» ruft Defèr ins Publikum, und da kommt er, der erste Lacher, drängt sich hinaus, von tief unten und gleichzeitig hört man ihn von ein paar Reihen weiter hinten und auch zwei Reihen vor mir gluckst jemand vergnügt.

Felix Defèr.

Das Publikum lacht, gemeinsam, es amüsiert sich und freut sich zusammen mit dem Schauspieler und dem Pianisten darüber, dass es hier sitzen darf. Dass es neugierig sein darf, dass es live und mit anderen Menschen einen Abend verbringen darf, Neues erfahren darf. Rausch und Defèr haben Spass an ihrem Programm, an ihrem Miteinander, sie haben die Bühne vermisst, das sieht man und das spürt man und das gibt den Besuchern des Abends ein ganz warmes Gefühl. Sie danken es den beiden Akteuren mit viel Applaus, der trotz der grossen Lücken im Zuschauerraum kräftig ist, Mut machend.

Erst ein Anfang

Es war kein aufwendiger Theaterabend mit grossem Ensemble und inspirierendem Bühnenbild; es war ein Liederabend auf der Vorbühne, der funktioniert hat, gut funktioniert hat, Spass gemacht hat. Der Flügel stand – wie der in den österreichischen Medien viel besprochene Babyelefant – als natürlicher Abstandshalter zwischen den beiden Akteuren. Das war alles noch weit weg von einem normalen Theaterabend und das darf nur ein Anfang gewesen sein. Ein wichtiger Schritt. Es bleibt spannend, zu sehen, wie es weiter geht auf der Bühne und im Zuschauerraum; mit zu verfolgen, wie ausgetestet wird, was möglich ist.

Vor dem Theater auf dem Kornmarkplatz bilden sich im Anschluss wieder Gruppen, man spricht, man tauscht sich aus über das Erlebte, die Stimmung ist gut. Kommunikation findet statt: das Theater ist zurück.

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