, 11. Juni 2012
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Wo bleibt der Elefant?

Fabienne Naegeli über «Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe» am Theater Konstanz, das Abschlussprojekt der dreijährigen Zusammenarbeit mit Nanzikambe Arts aus Malawi. Verbessert Entwicklungshilfe die Lebensbedingungen oder verursacht sie erst die humanitären Probleme Afrikas? Soll mehr Geld investiert werden und wie – ohne  bestehende Strukturen zu gefährden? Oder geht es der Entwicklungshilfe-Industrie nur ums Geschäfte machen? […]

Fabienne Naegeli über «Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe» am Theater Konstanz, das Abschlussprojekt der dreijährigen Zusammenarbeit mit Nanzikambe Arts aus Malawi.

Verbessert Entwicklungshilfe die Lebensbedingungen oder verursacht sie erst die humanitären Probleme Afrikas? Soll mehr Geld investiert werden und wie – ohne  bestehende Strukturen zu gefährden? Oder geht es der Entwicklungshilfe-Industrie nur ums Geschäfte machen? Was wollen die Betroffenen? Und warum prägen afrikanische Intellektuelle nicht verstärkt diesen Diskurs?

Das Theater Konstanz fragt und sucht Antworten gemeinsam mit Schauspielern aus Malawi. Die Geschichte: Eine deutsche Entwicklungshilfegesellschaft will in einem malawischen Dorf ein Kraftwerk errichten. Die Hoffnungen der Dorfbevölkerung sind gross, dank der Elektrizität Arbeit und den Anschluss an die moderne Welt zu finden. Viele sind daher bereit, Ackerland für die Anlage herzugeben und Ernteeinbussen hinzunehmen. Doch nicht das ganze Dorf steht hinter dem Projekt. Es kommt zu Auseinandersetzungen um Geld, Macht und den Nutzen des Elektrizitätswerks. Als ein Anschlag verübt und die Turbine zerstört wird, spitzt sich die Situation zu.

Die Figuren auf der Konstanzer Bühne sind aus dem Leben gegriffen. Der deutsche Ingenieur Helmut, in langen Jahren in Afrika zynisch geworden, hält einen der Dorfleute für den Schuldigen. Projektkoordinatorin Sibylle, die für die NGO in Malawi arbeitet, macht die eigene Organisation, die einen Unfall mit einem Kind verursacht hat, für die Situation verantwortlich. Trotz Zweifeln am Sinn von Entwicklungsarbeit glaubt sie weiterhin an das Projekt. Die Zentrale in Deutschland will nach dem Anschlag die Gelder einfrieren. Um den Streik der Arbeiter zu beenden, den Bau voranzutreiben und die Eltern des verunglückten Kindes zu besänftigen, versucht Sibylle gegen ihre Prinzipien den Dorf-Chief zu bestechen, der das Geld annimmt. Dessen Tochter will ihn davon abhalten. Sie hat sich in Uwe, den Volontär, verliebt, dessen anfänglicher Idealismus bald verflogen ist.

Neben der szenischen Spielebene, die vereinzelt einen direkten Bezug zur politischen Realität Malawis herstellt, reflektieren die Figuren in «Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe» im Stile Brechts auch die Theatersituation selber. «Warum muss ich das machen und nicht ein Schwarzer?», fragt die PR-Managerin, «und warum kreieren wir eigentlich immer dieses afrikanische Andere?» Die Rollenbesetzung erfolgt nicht der klassischen Schwarz-Weiss-Zuschreibung. So spielt derselbe Darsteller den Chef der deutschen NGO und den Dorf-Chief.

Mit Glitzer-Jäckchen, Love-Shirt und Kampfhose tritt einmal auch Madonna, «Like a Prayer» und «Material Girl» singend, mit schwarzen Babies, Männern in Adopt me-Shirts und TexAid-Kleidersäcken auf. Als Verkörperung jener Promis, die afrikanische Kinder adoptieren, Benefizveranstaltungen organisieren und ihr Vermögen in Entwicklungsprojekte stecken, sucht sie nach einem guten Zweck für ihre Millionen. «Warum trommelt keiner im Batikkostüm und wo bleibt der Elefant?» Auch mit Klischees wird in diesem vielschichtigen Stück gespielt.

«Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe» betrachtet auf unterhaltsame Weise, angesichts der Stoffmenge aber eher thesenhaft das Pro und Kontra der Entwicklungshilfe aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Projekt scheitert und das Dorf hat weiterhin keinen Strom, ohne dass das Stück in Melancholie verfällt oder die Nutzlosigkeit solcher Initiativen beklagt. Stattdessen wird am Ende in banal versöhnlichem Gestus eine Laterne angezündet.

Weitere Aufführungen bis 7. Juli. www.theaterkonstanz.de

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