, 14. September 2019
keine Kommentare

Wo die Milane kreisen? Im Toggenburg!

Die Kollektive «R57» und «porte bleue» machen mit 25 Kreativen aus einer alten Kleiderfabrik und der umliegenden Landwirtschaftszone in Ganterschwil einen Kunstraum. Bis 6. Oktober lässt sich das gelungene Ergebnis begutachten. von Sascha Erni

Mara Mars: «Mirror Field». (Bilder: Sascha Erni)

«Alleine ins perfekte Aufstellen der Installation hat Claudia vier Tage investiert», erklärt Nico Lazúla, Mitglied des Kollektivs «R57». Wir stehen auf einer Kuhweide in Ganterschwil, der Blick streift über die Hügel und Wälder des unteren Toggenburgs. Aber «Modulation II» zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Die Plastik aus Zeder- und Lärchenhölzern befindet sich in einem geometrischen Eisengestell, die Holzstücke erinnern in ihrer Unregelmässigkeit an Schwemmholz oder Nistmaterial.

Das Werk der Winterthurer Künstlerin Claudia E. Weber diskutiert das Spannungsfeld zwischen Ordnung und Chaos, Natur und Kultur – spielerisch, aber in einem im wahrsten Sinne des Wortes starren Grundgerüst.

Steigt man ein paar Dutzend Meter weiter den Hügel hinunter, steht man plötzlich Venice Speschas Luftplastik «Vom Fliegen» gegenüber – beziehungsweise sieben je acht Meter hohen Ansitzstangen, die so wirken, als hätten die Greifvögel der Region ihre Lieblingsstangen zu einer Konferenz zusammengerückt.

Venice Spescha: Vom Fliegen

Zwei sehr unterschiedliche Werke, denen aber eines gemein ist: Sie wirken luftig, leicht, gleichzeitig fest an ihrem Ort verankert. Und treffen so das Thema von «Wo die Milane kreisen» präzis.

Mal multimedial, mal klassisch

«Viele der Künstlerinnen und Künstler liessen sich von der Gegend inspirieren und konzipierten ihre Werke vor Ort», erläutert Patrick Kliebens von «porte bleue». Daraus entstanden ist eine Ausstellung von 24 Exponaten, geschaffen von 25 Kunstschaffenden aus der ganzen Schweiz – und mit der Installation «Ganterschwil Island» auch mit Deutscher Mithilfe.

Ursula Hirsch: Tango Piazzolla

Das Duo «Lea & Adrian» stammt aus Chur und Berlin, in Ganterschwil erschufen die zwei eine multimediale Spurensuche. Feldforschung in der Fremde mithilfe von Fotografie, Video, Sound und Text. Man fühlt sich wie zu Besuch auf einer einsamen, mysteriösen Insel, belebt und offen, gleichzeitig aber auch irgendwie abgekapselt und kryptisch. «Lost» im Toggenburg.

«Ganterschwil Island» ist im Eingangsbereich der ehemaligen Kleiderfabrik Mayer AG zu finden. In der Halle im ersten Stock stehen weitere Werke, auch «klassische» Ölmalerei und Guss-Skulpturen sind zu sehen.

Der Wattwiler Künstler Roland Rüegg etwa zeigt mit «Archäologie der Moderne» fiktive Fossilien, geschaffen aus den Abfällen der Zivilgesellschaft. Und Yvonne Christen Vagner hat ihre «Moosboards» aus Zürich mitgebracht, zwei Surfbretter, auf denen seit fünf Jahren ein Moosteppich lebt. «Moosboard II» hat sie in den nahegelegenen Teich gesetzt, in der Halle liegt das Schwesterbrett, auf den Zentimeter genau in die es umgebenden Kunstwerke integriert.

Yvonne Christen Vagner: Moosboard II

Es ist stark, wie harmonisch die mit über einem Dutzend Einzelstücken ausgestattete Ausstellungshalle wirkt. Kein Sammelsurium, aber ebenfalls keine strenge Ordnung – und auch hier liegt ein Gefühl von Leichtigkeit in der Luft.

Gekonnt genutzter Raum und feine Ironien

Die Gruppenausstellung «Wo die Milane kreisen» ist sehenswert. Sie spielt  mit den Konzepten von «Innen» und «Aussen», die Exponate nutzen den Raum gekonnt und thematisieren den Ausstellungstitel mal mehr, mal weniger naheliegend – aber immer auf hohem Niveau.

Wo die Milane kreisen:
bis 6. Oktober, Toggenburgerstrasse 28, Ganterschwil

r57.ch, porte-bleue.ch

Das wilde Aufeinandertreffen so vieler verschiedener künstlerischer Perspektiven in so vielen unterschiedlichen Medien fasziniert und ist der tollen Arbeit des Kuratorenteams von «R57» und «porte bleue» geschuldet – statt befreundete Künstlerinnen einzuladen, führten sie eine reguläre Ausschreibung durch, in monatelanger Arbeit platzierten sie dann Werke beziehungsweise Kunstschaffende im Innern der ehemaligen Fabrik und in der rundumliegenden Landwirtschaftszone.

Das Ergebnis stimmt nachdenklich, überrascht aber auch immer wieder mit feinem Humor und ironischen Wendungen. Ein Ausflug ins Toggenburg sei empfohlen.

Cora Piantoni: Landkino

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Herausgeber:

 

Verein Saiten
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Roman Hertler

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!